Münster - Wenn Gunnar H. an die Toilette denkt, packt ihn noch drei Jahre nach der Haftentlassung ein Schauer. "Wir mussten leben, als wären wir keine Menschen mehr", sagt der 43-Jährige. 522 Tage hat Gunnar H. mit der Toilette in nächster Nähe gelebt, auf 20 Quadratmetern zusammengepfercht mit drei anderen Strafgefangenen in einer Gemeinschaftszelle der Justizvollzugsanstalt Detmold. Vor der Toilette stand eine niedrige Mauer, zur Belüftung diente nur das Zellenfenster. Die Toilette war nicht der einzige Grund, warum es in der Zelle immer wieder zu Schlägereien kam. "Wir passten überhaupt nicht zusammen, und ich wurde sowieso im ganzen Gefängnis gemobbt", sagt Gunnar H.

Zusammen mit einem anderen Exhäftling hat H. deshalb das Land Nordrhein-Westfalen verklagt. "Menschenunwürdig" nennt sein Anwalt Dirk Thenhausen die früheren Haftbedingungen seines Mandanten. In erster Instanz hat H. recht bekommen; die Oberlandesrichter in Hamm ließen in der mündlichen Verhandlung durchblicken, dass sie den Fall ähnlich sehen. Ende der Woche werden sie das Urteil verkünden – das erste grundsätzliche OLG-Urteil zum Thema überhaupt. 5000 Euro Schmerzensgeld wird Gunnar H. wohl bekommen und sein Mithäftling 1500 Euro – so lautet jedenfalls die Entscheidung der Vorinstanz.

"Mit diesem Urteil rollt eine gigantische Klagewelle auf das Land Nordrhein-Westfalen zu", sagt der Rechtsanwalt Thenhausen. Mindestens 40 weitere Klagen habe er in petto. Insgesamt seien in Nordrhein-Westfalen etwa 30 Prozent aller Häftlinge "nicht gesetzeskonform" untergebracht, "ein ewig währender Skandal, der mit diesem Urteil endlich öffentlich wird".

"In allen Gefängnissen sitzen ungefähr zehn Prozent Häftlinge zu viel", räumt Ralph Neubauer ein, Sprecher im Justizministerium. "Bis 2010 haben wir 800 Plätze mehr. Folgt jetzt wirklich eine Klagewelle, müssen wir sie bis dahin aushalten."

"Es geht doch nur darum, die Ministerin zu stürzen"

Die Opposition im Düsseldorfer Landtag bezweifelt allerdings, dass sich Landesjustizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) so lange hält. Missstände und Katastrophen im Strafvollzug des Landes prägen ihre Amtszeit. Am schwersten wiegt der grauenhafte Foltermord im Jugendstrafvollzug der ebenfalls überbelegten Siegburger Justizvollzugsanstalt im November 2006. Stundenlang hatten drei Häftlinge ihren Zellengenossen gefoltert, vergewaltigt und schließlich erhängt. Die Täter sind inzwischen verurteilt, der Leiter der JVA Siegburg wurde ausgetauscht.