Stellen Sie sich vor: Sie sind 79 Jahre alt. Sie leiden unter Arthrose, Bluthochdruck, chronischer Bronchitis, Diabetes und Osteoporose. Würde Ihr Arzt die gängigen Behandlungsleitlinien befolgen, müssten Sie zwölf verschiedene Medikamente täglich nehmen. Nur: Ob das wirklich hilft, kann niemand sagen.

So absurd es klingt, so sehr trifft das Szenario offenbar die Realität. Genau mit diesem Beispiel hatten die US-Altersmedizinerin Cynthia Boyd und ihre Kollegen vor zwei Jahren im angesehenen Journal of the American Medical Association weithin für Aufsehen gesorgt. Seither ist die Frage umso drängender geworden: Welche – und wie viele – Arzneien nützen im Alter?

Das Problem lässt sich beziffern. Laut dem kürzlich vorgestellten Arzneiverordnungsreport 2007, einer Auswertung aller mit den gesetzlichen Kassen abgerechneten Rezepte, schlucken in Deutschland die über 60-Jährigen mehr als die Hälfte aller verordneten Pillen, obwohl sie nur ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Spitzenreiter sind Menschen zwischen 75 und 85 Jahren. Sie nehmen im Schnitt drei bis vier Arzneien täglich. Jeder Dritte in dieser Altersgruppe bekommt Detailanalysen zufolge sogar mehr als acht Medikamente verschrieben. Und in Einzelfällen müssen sich Patienten mit 30 oder 40 verschiedenen Wirkstoffen anfreunden.

Pikant dabei: Wie die Mittel im höheren Alter wirken, ist Ärzten oft gar nicht richtig klar. "Viele Medikamente haben im Alltag ganz andere Effekte als erwartet", bekräftigt Petra Thürmann von der Universität Witten/Herdecke. In einer soeben gestarteten Studie will die klinische Pharmakologin anhand von Hausarztdaten herausfinden, welche Medi–kamentenkombinationen alte Menschen in Deutschland typischerweise verschrieben bekommen, welche hilfreich und welche besonders riskant sind. Tatsächlich sind bis heute weder hierzulande noch international systematische Analysen dazu verfügbar.

Bekannt ist nur, dass Menschen im höheren Alter vermutlich die Hauptlast der Arzneimittel-Nebenwirkungen tragen. Beispielsweise sei jedes Jahr ein Viertel der Heimbewohner von einer schwerwiegenden Nebenwirkung betroffen, berichtet Thürmann. Dadurch erhöhe sich oft ihre Pflegebedürftigkeit. Auch bei Krankenhauseinweisungen stehen die Alten schlecht da. So werden im Bevölkerungsdurchschnitt rund fünf Prozent aller Klinikaufenthalte durch Arzneimittelfolgen verursacht. Bei alten Menschen steigt diese Quote aber deutlich an: Zehn bis 15 Prozent der Einweisungen sind bei ihnen durch Medikamente bedingt – "und das ist noch vorsichtig geschätzt", fügt Thürmann hinzu.

Im Alter können Arzneien schneller toxisch wirken

Eine der Ursachen für die hohe Nebenwirkungsrate sehen Fachleute darin, dass alte Menschen kaum in klinische Studien einbezogen werden, bei denen Wirksamkeit und Nebeneffekte getestet werden. "Die allermeisten Substanzen sind nur bis zum Alter von 65 Jahren gut untersucht", bekräftigt der Heidelberger Gerontopharmakologe Martin Wehling. "Mit etwas gutem Willen kann man die Forschungsergebnisse auch auf die 70-Jährigen übertragen, danach werden die Daten aber schütter." Will heißen: Nutzen und Risiko von Medikamenten lassen sich gerade für jene Altersgruppen, die die meisten Mittel verordnet bekommen, nur vage vorhersagen.

Im alternden Körper nehmen Wassergehalt und Muskelmasse ab, der Fettanteil dagegen steigt. Dadurch verändert sich die Verteilung der Wirkstoffe im Gewebe. Außerdem verringert sich die Stoffwechselleistung der Leber, und die Niere scheidet schlechter aus; beides führt mitunter zu einer riskanten Anhäufung von Arzneimitteln im Körper.

Ohnehin reagieren bestimmte Organe im Alter deutlich empfindlicher auf Medikamente. So können gängige Schmerz- und Entzündungshemmer (NSAID), die etwa gegen Arthrose verordnet werden, die Nierenfunktion bei Hochbetagten gänzlich zum Erliegen bringen. Schlafmittel vom Typ des Valiums (Benzodiazepine) sowie Antidepressiva verursachen dagegen oft Verwirrtheit und Stürze, die ihrerseits beispielsweise einen Oberschenkelhalsbruch nach sich ziehen können.

Pharmafirmen klammern Senioren in ihren Zulassungsstudien oft aus

"Natürlich gibt es 80-Jährige, die topfit sind und Medikamente genauso gut vertragen wie junge Menschen", sagt Thürmann. Doch auf der anderen Seite stünden Patienten, die umso anfälliger seien. Gerade diese im Alter zunehmende Bandbreite des Medikamenteneffekts mache die Behandlung unsicher – und die Forschung schwierig.