Ein unanständiger Barockbaumeister

Er ist das Glückskind unter den Architekten des 20. Jahrhunderts, und das ist nicht immer leicht zu ertragen. Der gestrenge Max Bill zum Beispiel, vom Bauhaus kommend, besuchte Brasilien, sah die schwebenden Bauten und befand: "moderne Architektur auf ihrem Tiefpunkt". Da fehlten "jeder Anstand, jedes Verantwortungsgefühl für die menschlichen Bedürfnisse". Und auch der große Le Corbusier hatte am Ende nur ein vergiftetes Lob übrig. "Oscar", sagte er zum Glückskind, "was du machst, ist barock."

Ein unanständiger Barockbaumeister also, der nichts übrig hatte fürs Praktische, für jene kühle, rationale Architektur, die in den Fünfzigern die Welt eroberte. Die Kollegen bauten auf Verstand, er baute auf Gefühl, auf schmeichelnde Sanftmut, wilden Kitzel. Eine Architektur der Haltlosigkeit, den Traditionen enthoben und fest entschlossen, auch die Schwerkraft hinter sich zu lassen. Nichts als Schwulst, meinten die Kollegen – Moderne mit Tropenfieber.

Oscar Niemeyer hat es überlebt, er hat alle überlebt: die Verächter, die Neider und Kritiker. Er musste sehr alt werden, um die Anerkennung zu finden, auf die seine Häuser immer aus waren. Doch das Altwerden ist ihm nie schwergefallen, seinen 100. Geburtstag feiert er an diesem Sonnabend – und wie immer will er auch an diesem Tag ganz bestimmt in sein Büro in Rio.

Weiterhin zieht es ihn in den 6. Stock des mintfarbenen Büroturms an der Copacabana, jeden Morgen um neun setzt er sich in seinen fensterlosen Winkel, an einen Schreibtisch, der überladen ist mit Romanen und Gedichtbänden und losen Zetteln, auf denen er ab und an ein paar Kurven und Bögen malt, einen Hügel vielleicht oder einen Frauenbusen, manchmal auch ein Haus, das aussieht wie ein Hügel oder ein Busen. Fast täglich kommen Menschen, die ihn treffen wollen, Auftraggeber, Studenten, Journalisten. Und er schaut sie an mit seinen großen, müden Leguanaugen, brummelt ein wenig und bleibt doch gelassen. Er weiß schon, er ist der letzte Zeuge.

Die anderen sind längst tot, nur er ist noch da und sagt immer und immer wieder dasselbe, weil sie ihn immer und immer wieder dasselbe fragen. Wie das war mit Le Corbusier, mit Brasília, mit der Hoffnung auf eine neue Welt? Dass es damals noch Utopien gab, dass viele glaubten, von einem Tag auf den nächsten einen anderen Menschen erfinden zu können, das klingt im Jahr 2007 wie ein wunderbares Märchen. Und Niemeyer lässt sich nicht lange bitten und erzählt.

Gut 50 Jahre ist es her, da sollte er in nur 1000 Tagen das Unmögliche stemmen, sollte eine neue brasilianische Hauptstadt für 600000 Menschen bauen, fernab der Küste, inmitten des Landes, rundum Wüste und sonst nichts. Etwas Besseres hätte ihm nicht passieren können, das Nichts war der Traum aller modernen Architekten: endlich frei zu sein von den Fesseln der Geschichte, endlich neue Hüllen für eine neue Gesellschaft bauen zu können. Brasilien wollte den Neuanfang, Niemeyer lieferte die Pläne.

Ein unanständiger Barockbaumeister

Auch andernorts machte man sich daran, die Verhältnisse umzustülpen, nirgends aber so radikal wie in der Retortenstadt Brasília. Niemeyer und sein Kollege Lúcio Costa, der den Masterplan entwarf, neigten sich wie Götter über den Globus und zeichneten ein machtvolles Symbol des Fortschritts in den Savannenstaub, eine Stadt mit den Umrissen eines Riesenflugzeugs, das nur aus höchster Höhe zu erkennen sein würde. Ins Cockpit stellten sie die Regierungsbauten, auf die Flügel kamen Büro- und Wohnhäuser.

Niemeyer ist damals schon nicht gern geflogen, jedenfalls nicht in der realen Welt. Seine Bauten hingegen lässt er kühn die Lüfte erobern, sie dürfen gleiten, schwingen, sich über alles bis dahin Bekannte erheben. Vor allem für seine Regierungs- und Präsidentenpaläste bringt er die Formen in Schwingung. Es sind monumentale Häuser, ungemein weiß und stolz. Doch nichts an ihrem Triumph ist so ewigkeitsversessen wie bei Europas Herrschaftsbauten des 19. Jahrhunderts, vom Naziklassizismus ganz zu schweigen. Niemeyers Erhabenheit gründet nicht auf Furcht und Schrecken, sie überwältigt durch Schönheit und Verblüffung.

Ähnliche Bauten gibt es mittlerweile viele. Dank ausgefeilter Computerprogramme lassen sich noch die exaltiertesten Architekturen spielend berechnen, und das Bedürfnis nach solchen Häusern ist stetig gewachsen, jede Kleinstadt will sich heute mit einer Bauskulptur schmücken, jeder Bürgermeister möchte sein Mini-Bilbao. Auch deshalb hat Niemeyer heute so viele Verehrer: Er war der erste und oberste Protagonist des Lusthaus-Prinzips. Doch anders als bei vielen Bauten der Gegenwart, die selbstgefällig um sich kreisen, suchen Niemeyers Betongebilde nicht den Effekt um des Effekts willen. Seine Architektur war immer Formenspiel plus Formenglauben – gebaute Hoffnung auf eine Welt, die so unbeschwert und freimütig sein sollte wie die Brasília-Gebäude. Vor allem das ist es, was heute viele zum Staunen bringt.

Woher er damals den Mut nahm, um sich diese Häuser auszudenken und in die Welt zu setzen, kann er sich heute selbst kaum noch erklären. Er hatte viel Glück gehabt: ein Kind, das gern zeichnete, aufgewachsen in einer Mittelstandsfamilie, die ihren Sohn studieren lassen konnte und auch sonst nach Kräften unterstützte, nicht ahnend, dass ihr Oscar, der so schmächtig war und klein von Wuchs, schon bald sehr hoch hinausstreben sollte. Er suchte die Nähe zu einflussreichen Lehrern, vor allem zu Lúcio Costa. Und als sich die Gelegenheit bot, mit dem berühmten Le Corbusier zusammenzuarbeiten, der 1936 im Zeppelin über Rio einschwebte, tat er alles, um bei dessen Projekten dabei zu sein. Von ihm lernte Niemeyer, dass Architektur im Kopf beginnt, mit dem Träumen, dem Einbilden.

Doch woher das Freie seiner Bauten? Le Corbusier schwor damals noch auf den rechten Winkel, seine Idealstadt Candigarh in Indien war von archaischer Erdenschwere. Es seien denn auch, sagt Niemeyer, vor allem die weich geschwungenen Hügel Brasiliens, die kurvenreichen Flüsse, die wohlgeformten Frauenkörper gewesen, die seine Gebäude inspirierten – gebaute Heimat, ästhetischer Patriotismus. Doch das ist kaum mehr als Architektenpoesie. Bei allem Schönheitsdrang verdanken sich seine Bauten mindestens ebenso sehr einer rasenden Begeisterung für Technik.

Niemeyer trieb die Ingenieure ins schier Unbaubare, immer weiter sollten sich die Betonschalen wölben, immer leichter, immer gewagter wurden seine Konstruktionen. Das Unangestrengte seiner Architektur ist in Wahrheit schwer errungen: Seine Bauten scheinen den Raum und damit auch die Zeit zu bezwingen – und erst das macht sie zur Herrschaftsarchitektur. Die Welt sollte sehen, wie weit Brasilien den Bogen spannen konnte, weiter als alle anderen.

Ein unanständiger Barockbaumeister

Auch als sich wenig später ein diktatorisches Regime in seinen Wundergehäusen breitmachte, als Niemeyer ins Exil gehen musste und nun für ein Verlagshaus in Mailand oder die kommunistische Partei in Paris seine Pläne entwarf, blieb ihm doch die Liebe zur Technik. Und so war es für ihn nicht weiter schwierig, selbst für üble Militärregierungen zu bauen. Schnell lernte er, zwischen Moral und Geschäft zu unterscheiden. Die Hohlformen seiner Architektur, in die der Geist einer neuen Zeit einziehen sollte, füllte er problemlos mit seinem gewaltigen Ego – mit seiner Leidenschaft für gewagte Konstruktionen und fotogene Bauleiber.

Bis heute ist er überzeugter Kommunist, nennt Castro und Chávez seine Freunde und empört sich über nichts lieber als über den amerikanischen Kolonialismus. Doch ist er sein Leben lang ein Architekt der Reichen und Mächtigen geblieben. Sollten andere in die Favelas gehen und für die Armen planen, er glaubte an seine Kunst und dachte nur gelegentlich daran, dass in dieser Kunst gewohnt und gearbeitet werden muss. In der Idealschule, die er in den Achtzigern entwarf und die hundertfach errichtet wurde, haben die Klassenräume nur halbhohe Wände, und der Lärm ist so riesig, dass bereits Sonderkommissionen beraten mussten, wie dem wohl abzuhelfen sei.

Doch was ist schon Akustik, was Wärme- und Sonnenschutz, was Langlebigkeit? Viele Bauherren scheinen alle Widrigkeiten hinzunehmen. Noch immer bekommt er neue Aufträge, noch immer zeichnet und skizziert er, und seine Mitarbeiter, darunter vier Enkel, kümmern sich um alles Weitere. Die fertigen Bauten kann sich Niemeyer nur selten ansehen, für weite Reisen reicht die Kraft nicht mehr. Doch er muss sie auch nicht sehen, er hat ja die Bilder. Und er weiß, Bilder sind machtvoll. Niemeyers Formen der Zuversicht haben sich eingebrannt ins kollektive Gedächtnis. Sie werden bleiben, so wie er geblieben ist, über all die Jahre.