Auch als sich wenig später ein diktatorisches Regime in seinen Wundergehäusen breitmachte, als Niemeyer ins Exil gehen musste und nun für ein Verlagshaus in Mailand oder die kommunistische Partei in Paris seine Pläne entwarf, blieb ihm doch die Liebe zur Technik. Und so war es für ihn nicht weiter schwierig, selbst für üble Militärregierungen zu bauen. Schnell lernte er, zwischen Moral und Geschäft zu unterscheiden. Die Hohlformen seiner Architektur, in die der Geist einer neuen Zeit einziehen sollte, füllte er problemlos mit seinem gewaltigen Ego – mit seiner Leidenschaft für gewagte Konstruktionen und fotogene Bauleiber.

Bis heute ist er überzeugter Kommunist, nennt Castro und Chávez seine Freunde und empört sich über nichts lieber als über den amerikanischen Kolonialismus. Doch ist er sein Leben lang ein Architekt der Reichen und Mächtigen geblieben. Sollten andere in die Favelas gehen und für die Armen planen, er glaubte an seine Kunst und dachte nur gelegentlich daran, dass in dieser Kunst gewohnt und gearbeitet werden muss. In der Idealschule, die er in den Achtzigern entwarf und die hundertfach errichtet wurde, haben die Klassenräume nur halbhohe Wände, und der Lärm ist so riesig, dass bereits Sonderkommissionen beraten mussten, wie dem wohl abzuhelfen sei.

Doch was ist schon Akustik, was Wärme- und Sonnenschutz, was Langlebigkeit? Viele Bauherren scheinen alle Widrigkeiten hinzunehmen. Noch immer bekommt er neue Aufträge, noch immer zeichnet und skizziert er, und seine Mitarbeiter, darunter vier Enkel, kümmern sich um alles Weitere. Die fertigen Bauten kann sich Niemeyer nur selten ansehen, für weite Reisen reicht die Kraft nicht mehr. Doch er muss sie auch nicht sehen, er hat ja die Bilder. Und er weiß, Bilder sind machtvoll. Niemeyers Formen der Zuversicht haben sich eingebrannt ins kollektive Gedächtnis. Sie werden bleiben, so wie er geblieben ist, über all die Jahre.