Es ist Herbst auf dem Telegrafenberg. Rainer Kind stört der Nieselregen nicht. Er führt herum, vorbei an den Kuppeltürmen des Astrophysikalischen Observatoriums bis zum hellen Einsteinturm, der dasteht wie ein großes Spielzeug. Es dauert, bis man alle historischen Gebäude gesehen hat, die hier in Potsdam auf dem Hügel aneinandergerückt sind. Zu jedem Detail kennt Kind eine Anekdote. Zum Beispiel die von der Büste Einsteins, die in der Nazizeit aus dem Einsteinturm entfernt worden war. Widerständler legten damals stellvertretend einen Stein auf die leere Säule. Doch dass ihm partout nicht einfällt, wer nun der Architekt des berühmten Turmes war, das wurmt ihn.

Rainer Kind ist Seismologe am Geoforschungszentrum (GFZ) auf dem Telegrafenberg in Potsdam – und ungelöste Rätsel mag er nicht. Kürzlich hat seine Gruppe eines geknackt. Überall war plötzlich von der rasanten Indischen Kontinentalplatte die Rede, die mit 20 Zentimetern pro Jahr durch die Ozeane pflügte – bis sie mit Wucht an den eurasischen Kontinent stieß und sich in den Knautschzonen der Himalaja formte. "Das ist im Prinzip ein alter Hut", sagt Rainer Kind. Neu ist: "Wir haben die Erklärung dafür geliefert."

Damit ist Indien der Sprintstar unter den Kontinentalplatten, das Rennen begann vor etwa 140 Millionen Jahren. Bis dahin bildete Indien mit Australien, Afrika und der Antarktis einen gemeinsamen Kontinent, den man Gondwanaland nennt. Als der zerbrach, trieben die Scherben in alle Richtungen davon. Die anderen Platten schafften nur zwei bis vier Zentimeter pro Jahr. Wie konnte die Indische Platte damals ein solches Tempo vorlegen? Sie sei nur halb so dick und darum doppelt so schnell, sagt der Forscher. Die innere Grenze der Platte, die sogenannte Lithosphärengrenze, liegt in etwa 100 Kilometer Tiefe. Bei den ehemals verbundenen Schwesterplatten ist diese Schicht 180 bis 300 Kilometer dick. Die genauere Messung war nur durch eine Methode möglich, zu der Rainer Kind die zündende Idee hatte.

Plattentektoniker scheitern auf dem Weg ins Innere der Erde schon beim ersten Schritt. Wirklich tiefe Bohrungen sind kaum möglich. Zu plastisch, zu heiß ist das Gestein, nach zwölf Kilometern ist Schluss. So blieb ihnen nur das Horchen an der Schale: die Seismologie. Mittlerweile überzieht ein Netz aus Lauschstationen auf der Oberfläche die ganze Welt. Diese Seismografen registrieren den kleinsten Ruck im Innern und zeichnen jede Bewegung auf. Viele Nationen betreiben eigene Stationen und stellen die Daten der Wissenschaft zur Verfügung. Diesen Fundus nutzt Rainer Kind. Je kräftiger ein Erdbeben, desto größer ist, wissenschaftlich gesehen, der Reiz für ihn. Denn das Beben erzeugt Erschütterungen, die die Stationen weltweit registrieren. Aus der Analyse der Signale lassen sich Rückschlüsse auf das verborgene Innenleben der Erde ziehen.

Rainer Kind lässt seine Brille am Bügel kreisen. "Lassen sie mich noch ein paar Worte zur Geschichte der seismologischen Beobachtung sagen." Und dann referiert der große, blasse Mann über die frühe Bebenregistrierung in der Sowjetunion. Wie die Russen damit versuchten, Ölvorkommen aufzuspüren. Familien seien mit tragbaren Seismografen ins Feld geschickt worden. "Aber jetzt wandelt man das natürlich in elektrische Impulse um. Die Daten werden digitalisiert und dann im Computer weiterverarbeitet." Solche technischen Verfeinerungen enthüllten schließlich das Geheimnis der rasenden Kontinentalplatte.

Nach Ansicht der GFZ-Forscher stecken "Plumes" hinter der Ausdünnung der Platten. Plumes sind gigantische Vulkanschlote, die aus der Tiefe heißes Material in Richtung Erdoberfläche schleudern. Sie sitzen unter den tektonischen Platten. Ein Plume war es nach GFZ-Ansicht auch, der Gondwanaland damals auseinandersprengte. Das heiße Material des Plumes habe die Indische Platte von unten her auf 100 Kilometer dünn geschmolzen – und sie damit so schnell gemacht.

Normalerweise finden Erdstöße an den sich reibenden Rändern der Platten statt. Der Plume liefert eine Erklärung, warum sich auch weit entfernt von den Kanten heftige Erschütterungen abspielen können. Zweifler sagen, die Effekte müssten nicht von einem Plume herrühren, und wie sei der überhaupt definiert? Unter den Geophysikern ist ein Streit um die rauchenden Urschlote entbrannt. Es gibt Pro- und Anti-Plume-Foren im Internet, wo mancher Wissenschaftler schon die Contenance verlor. Rainer Kind hält sich für neutral. Doch in der jüngsten Veröffentlichung im Wissenschaftsmagazin Nature beziehen er und seine Kollegen Position: pro Plume.

Der einstige DDR-Flüchtling fürchtete sich vor der ersten Reise in den Osten

Reine Spekulation sei die These, kommentiert der Geowissenschaftler Dietmar Müller aus Sydney. Rainer Kind grinst, aktiv mitstreiten wird er nicht. "Ich beteilige mich, wenn ich neue Daten habe. Streiten kann man sich nur, solange man nichts weiß." Wie manche Forscher sich aufregen, das findet er schon ein bisschen albern.

Kind zeigt auf einen eher unscheinbaren Bau, der früher zum ZIPE gehörte. Das war das DDR-Zentralinstitut für Physik der Erde und der Vorgänger des GFZ. Er erzählt, wie er und andere "West-Wissenschaftler" nach der Wende in das Gebäude einzogen und zuerst alle Geräte entsorgten. Wie das wohl für die Ost-Kollegen war? Gewissensbisse fühlt Rainer Kind jedenfalls nicht – die Wissenschaft! Er lacht und zuckt die Achseln: "Wir hatten ja die besseren Instrumente."