Anfang November 1945, ein halbes Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde Willy Brandt als Korrespondent der norwegischen Zeitung Arbeiderbladet nach Deutschland geschickt, um über die Verhandlungen vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Nürnberg zu berichten. Doch er beschränkte sich nicht auf die Beobachtung des Prozesses, sondern unternahm mehrere Reisen durch die zerstörte Heimat. Seine Eindrücke fasste er nach seiner Rückkehr im März 1946 in einem Buch zusammen. Es erschien bereits drei Monate später in Oslo unter dem Titel Forbrytere og andre tyskere (»Verbrecher und andere Deutsche«). Im August folgte eine schwedische Ausgabe. Sowohl in Norwegen als auch in Schweden wurde das Buch stark beachtet und viel diskutiert.

Eine deutsche Übersetzung gab es jedoch nicht. Erst 1966 veröffentlichte Willy Brandt in seinem Buch Draußen. Schriften während der Emigration einige kurze Auszüge. Das war bereits eine Antwort auf die Schmutzkampagne, die seine politischen Gegner im Blick auf seine Tätigkeit im norwegischen Exil seit den frühen fünfziger Jahren gegen ihn unternommen hatten – eines der beschämendsten Kapitel in der Geschichte der Bundesrepublik. »Eines wird man aber doch Herrn Brandt fragen dürfen: Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht?«, hetzte etwa der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß im Februar 1961 in Vilshofen.

In diesem Zusammenhang wurde auch immer wieder die Schrift aus dem Jahre 1946 herangezogen. Mutwillig verfälschten Brandts Verleumder den Titel – aus Verbrecher und andere Deutsche wurde Deutsche und andere Verbrecher –, und der Inhalt des Buches wurde auf diese Weise ins Gegenteil verkehrt. Der Emigrant, so lautete der Vorwurf, habe die Deutschen kollektiv für die Verbrechen des Nationalsozialismus in Haft nehmen wollen.

Dabei hatte sich Willy Brandt bereits im ersten Kapitel seines Buches nachdrücklich gegen die Kollektivschuldthese gewandt: »Die Todesurteile gegen Tausende von deutschen Nazigegnern, die Inhaftierung von Hunderttausenden deutscher Arbeiter und Intellektueller in Gefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern sollte ein hinreichender Beweis gegen die törichte Behauptung sein, alle Deutschen seien Nazis gewesen.«

Es ging Brandt also darum, zu zeigen, dass es auch ein »anderes Deutschland« gegeben habe und dass man deshalb nicht alle Deutsche zu Verbrechern stempeln dürfe. Die Neigung zu solch differenzierter Betrachtung war im Ausland nach den gerade erlebten Schrecken nicht allzu groß. Vielmehr fanden die Lehren des britischen Lords Vansittart, die von einem unveränderlichen, aggressiven deutschen Nationalcharakter ausgingen, viele Anhänger, auch in Skandinavien.

Und an das norwegische Publikum vor allem richtete sich das Buch. Hier, wo die deutsche Besatzungspolitik noch in frischer Erinnerung war, waren deutschfeindliche Stimmungen weit verbreitet. Es gehörte eine beträchtliche Portion Mut dazu, gegen den »Vansittartismus« anzuschreiben und um Verständnis für den deutschen Widerstand gegen Hitler zu werben. Eben das tat Brandt, der wahre Patriot, ohne damit die Verantwortung großer Teile des deutschen Volkes für die Verbrechen des Nationalsozialismus im Geringsten zu bagatellisieren.

Nun liegt zum ersten Mal eine vollständige deutsche Ausgabe des Buches vor, ergänzt um eine instruktive Einleitung von Einhart Lorenz, und jeder kann sich nun davon überzeugen, was Willy Brandt damals wirklich geschrieben hat. Sein Bericht ist auch heute noch lesenswert, und zwar als eine Momentaufnahme aus dem Deutschland des Winters 1945/46. Denn weit über die Hälfte des Buches handelt nicht von dem Prozess in Nürnberg, sondern von der aktuellen Lage in den Besatzungszonen: von der Politik der Alliierten, der Entnazifizierung und »Umerziehung«, den Schwierigkeiten des wirtschaftlichen Wiederaufbaus, der Neugründung der Parteien, den ersten Wahlen. Brandt war nicht nur ein genauer Beobachter, sondern auch ein akribischer Rechercheur. Sensibel registrierte er die Stimmungen in der Bevölkerung und die unterschiedlichen Reaktionen auf die Nürnberger Verhandlungen und die Maßnahmen der Besatzungsmächte.

Kein Zweifel ließ Willy Brandt schon damals daran, dass es für Deutschland nur im europäischen Rahmen eine Zukunft geben könne. »Das Problem Deutschlands und Europas kann nur dadurch gelöst werden, dass man West, Ost – und das, was in der Mitte liegt – vereint. Es kann nur auf der Grundlage von Freiheit und Demokratie gelöst werden.« Das war sehr weit in die Zukunft gedacht. Erst 1989/90 sollte sich Brandts Vision erfüllen.