Russlands Politik glich in der vergangenen Woche einer Seifenoper, die in jeder Folge mit neuen Wendungen überraschte. Das Drehbuch hält dabei den Kreis der Protagonisten eng. Nur selten schaffen es neue Charaktere ins Scheinwerferlicht des Kreml. Dafür müssen jene Figuren, die für die Entwicklung der Geschichte kaum mehr gebraucht werden, nicht den Filmtod sterben. Sie werden in die Kulissen versetzt. Die anderen wechseln von Zeit zu Zeit ihre Plätze, und der Drehbuchautor hält oft bis zum letzten Moment auch vor den Mitspielern alles geheim. Er heißt Wladimir Putin.

Russlands Präsident hatte als Spitzenkandidat der Machtpartei Einiges Russland bei der Parlamentswahl vor anderthalb Wochen jene Zweidrittelmehrheit erhalten, die ihm ein moralisches Mandat für die weitere Führung des Landes und, im Bedarfsfall, die Möglichkeit einer Verfassungsänderung verleiht. Seit Monaten rätselte das politische Moskau, wie Putin über das Ende seiner zweiten Amtszeit im Mai die Macht beeinflussen könnte. Die Verfassung verbietet es ihm, ein drittes Mal in Folge zu kandidieren.

Am Montag dann sprach er dem bisherigen stellvertretenden Premierminister Dmitri Medwedjew sein Vertrauen für die Nachfolge aus. Da bereits 40 Prozent der Russen in Umfragen erklären, sie würden in jedem Fall für den Kandidaten Putins stimmen, war das faktisch die Machtübergabe. Falls Putin nicht noch eine Volte plant.

Der Vorgeschlagene schlägt den Vorschlagenden als Premier vor

Medwedjew bietet für Putin den Vorteil eines vergleichsweise schwachen und steuerbaren Kandidaten. Er machte sich am Dienstag sogleich nützlich und schlug vor, nach seiner Wahl Putin zum Premierminister zu küren. Das Manöver hat vor allem zwei Ziele: Es soll die Wählerschaft für Medwedjew mobilisieren und die innere Stabilität im Kreml wahren.

Denn die Führungselite um Putin ist keineswegs so homogen, wie sie es nach außen darstellt. Der Präsident, der die politische Szene Russlands beherrscht und zuletzt im Übermaß vor ausländischen Feinden warnte, muss in Wahrheit vor allem eines fürchten: einen internen Krieg der Kreml-Clans. Um ihn zu vermeiden, wartete Putin bis fast zum letzten Moment mit der Bekanntgabe des Nachfolgers.

Die Clans haben sich in den vergangenen knapp acht Jahren mit Duldung Putins festgesetzt und Zugang zu Finanzströmen erworben. Seit Monaten bekämpfen sich öffentlich verschiedene Fraktionen der Geheimdienstler und Liberalen mit Hilfe von kompromittierenden Artikeln, Handlangern in der Staatsanwaltschaft und deren Haftbefehlen. Ein General der Drogenbekämpfungsbehörde und ein stellvertretender Finanzminister kamen als erste Bauernopfer in Haft. Um nicht zum Gefangenen des eigenen Systems zu werden, wandte sich Putin in der plebiszitären Parlamentswahl direkt an die Nation und erwählte Medwedjew, der mit keinem der verfeindeten Clans eng verbunden ist.