Die Rubljowka ist längst von einer Landstraße zum Mythos geworden. Legenden erzählen von der Dekadenz ihrer Edelrestaurants, in denen zur Unterhaltung der Gäste schon mal Liliputaner zwischen die Tische gejagt wurden, und von Blondinen, die in den wilden neunziger Jahren als Begleitschönheit eines erfolgreichen Unternehmers begannen und in Kugelschnelle zu dessen wohlhabender Jungwitwe aufstiegen. Gut 30 Kilometer ist die Rubljowka lang. Wie mit dem Abziehbrett und der Wasserwaage wurde ihr Asphaltband ins westliche Umland Moskaus gezogen. Villen, Landhäuser und Luxusboutiquen säumen sie. Ein Spalier von Reklametafeln preist toskanische Kacheln und philippinische Kindermädchen an. Rubel-Chaussee wird sie genannt, aber eigentlich klingt das zu sehr nach Kleingeld. Es ist die Straße der russischen Dollar-Millionäre, der Ölmanager, Immobilienhaie und Privatisierungsbanditen.

Rubljowka – Straße zur Glückseligkeit heißt die Dokumentation von Irene Langemann. Sie zeigt, wie zwanghaft das Streben nach dem Glück ist, durch die richtige Adresse und einen möglichst unerhörten Quadratmeterpreis dazuzugehören. Zur modernisierten Nomenklatura, die sich in das Erholungsgebiet der früheren Sowjetelite getürkte Adelspaläste samt Schwimmbädern mit Samtvorhängen bauen lässt. Zu den Künstlern, die sich rühmen, einmal neben Präsident Putin gesessen zu haben. Zu den Neureichen, die als Erstes die alten Holzdatschen niederreißen, auch wenn in einer von ihnen der Dissident Andrej Sacharow gewohnt hat. Sie entstammen einer Gesellschaft, die sich von allen großen Idealen verabschiedet hat, weil sie mit ihnen betrogen wurde oder sich mit ihnen betrügen ließ. Übrig bleiben das große Geld als Lebensziel und die "Pelztherapie", die eine Zobelhändlerin als ihre "Ideologie" für überarbeitete Reiche preist.

Wer die Rubljowka befährt, sucht vergeblich den Mythos eines russischen Beverly Hills. In manchen Orten entlang der Straße stehen Landhäuser mit Louis-XIV-Zierrat dicht bei dicht, von kahlen Mauern getrennt wie luxuriöse Wohnbatterien. Die Superreichen verbergen sich hinter Wachdiensten, die als "komplett bewaffnet" gerühmt werden. Im Land der Oktoberrevolution lässt sich die Furcht vor dem Klassenhass nicht völlig mit Leibwächtern abtöten. Zwar beklagt Putin, der auch an der Rubljowka residiert, die Bereicherung auf Kosten des Volkes. Aber die soziale Kluft weitet sich, und viele der vermögen-den Anwohner gehören längst zu den Stützen des Systems mit Anrecht auf ein Blaulicht für das Autodach. Alle paar Kilometer stehen Verkehrspolizisten mit ihren schwarz-weiß geringelten Stöckchen in der Hand bereit, um die einfachen Autofahrer für offizielle Limousinen aus dem Weg zu scheuchen.

Noch stoßen an der Rubljowka alte und neue Welt aneinander. Eine 70-Jährige verkauft vor ihrem Tor am Straßenrand Buchenscheite und Birkenwedel für die Sauna. Ihr hölzernes Elternhäuschen trägt sein Alter würdig in schiefen Winkeln. Nicht weit entfernt, werden auf dem schlossähnlichen Anwesen einer Immobilienmanagerin, ihrem "Versailles in Miniatur", die Rosen nach Lehrbuch im 45-Grad-Winkel geschnitten. Doch die Holzhäuser verschwinden, um den Landsitzen Platz zu machen. Erde ist knapp an der Rubljowka, und wer sein Familiengrundstück nicht freiwillig räumt, wird zuweilen durch Abfackeln zum Umdenken gebracht. Nach der Brandrodung kommen die Arbeiter aus Zentralasien als billige Bausklaven. Zu acht wohnen sie in besseren Nissenhütten, essen Brot mit Margarine auf dem Teppich und sind noch dankbar für Lohn und Unterkunft. Bis die Polizei sie als Illegale aufgreift oder um Schutzgeld erpresst.

Auch das Filmteam musste störenden Polizisten ein paar Euro zustecken. Die Probleme, mit denen Langemann schon vor Drehbeginn zu kämpfen hatte, wären einen Vorfilm wert. Die Drehgenehmigungen des Kremlkommandanten und obersten Personenschützers des Präsidenten, des Geheimdienstes FSB und der Verkehrspolizei erforderten die Tarnung als russische Filmproduktion, monatelange Antragskorrespondenz und manche Flasche hochsternigen Cognacs. Dennoch filmte das Team auch mit versteckter Kamera. Für die Eskorte des russischen Präsidenten, deren Aufnahme offiziell tabu ist, verbirgt sich der Kameramann im Gebüsch gegenüber dem Luxuseinkaufszentrum mit Lamborghini-Niederlassung. Zuerst stoppen die Verkehrspolizisten alle Autos. Das Rauschen der Rubljowka erstirbt. Bald nähert sich ein Dröhnen und schwillt zum Donner an. Polizeiwagen und schwarze Jeeps der Präsidenteneskorte schießen vorbei. Dann herrscht einen Moment lang die Stille nach dem Sturm an der Straße zur Glückseligkeit.