Die Frau schaut durch ein Opernglas. Das optische Gerät scheint mit ihrem Gesicht zu verschmelzen, das macht ihren Kopf käferartig. Sie blickt, als hätten sich die Augen durch die Metallröhren nach außen verlängert, als wollten sie sich in ihr Gegenüber bohren. Einen Augenblick nur, dann ist der Eindruck vergangen. Mit schnellen Pinselstrichen fixierte Edgard Degas (1834 bis 1917) die flüchtige Begebenheit. Er malte subjektiv, momentverhaftet, ohne tieferen Sinn.

Das macht ihn zu einem Impressionisten, wie die meisten Kunsthistoriker meinen. Werner Hofmann, Autor eines neuen Buches über Degas und sein Jahrhundert, setzt dagegen. Seine These: Degas leiste einen »Beitrag zum Realismus«, er sei der »Erfinder des gesellschaftlichen Helldunkels« und dem Zwiespalt von Ideal und Wirklichkeit auf der Spur.

Die These ist verpackt in einem üppigen Bildband, einen, den man gern als Dekoration auf den Couchtisch legt. Und der einen Künstler feiert, der heute oft als Nebenfigur der berühmten Impressionisten gesehen wird, obwohl er zu Lebzeiten Höchstpreise für seine Bilder erzielte. Gerühmt wurde von den Zeitgenossen besonders seine Handwerklichkeit.

Degas: Das ist der Maler von Wäscherinnen, Büglerinnen, Tänzerinnen, Modistinnen – ein Mann, der nie heiratete, aber gern eine »gute kleine Frau« gehabt hätte, »einfach und ruhig«. Er mochte bewegliche, kräftige, arbeitende Frauen. Er wollte sie so oft wie möglich sehen, weshalb er ein Bild nach dem anderen fertigte: athletische Arme, frei bis zur Schulter, quirlige Körper von Tutus wie mit Rüschen geschmückt. Er glaubte, ein Künstler könne sich kein Privatleben leisten, und malte das Privatleben, das er nicht hatte: Frauen, die sich recken und räkeln, sich waschen und die Haare kämmen. Er arbeitete langsam und pedantisch, auch wenn es wie hingeworfen wirkt.

Keiner sei kühner gewesen als Degas, schreibt Werner Hofmann. Bei ihm ist das Gemälde kein geöffnetes Fenster mehr wie seit der Renaissance, keine Bühne, kein zentralperspektivisch aufgebauter Raum. Die Tiefe schrumpft, wird weggeschnitten wie in einem Theater, wo Schauspieler vor den Vorhang gedrängt agieren müssen. Damit sie dahin passen, hat der Maler sie zu zweidimensionalen Scheiben geschnitten. »Spielkartenverfahren« nennt Werner Hofmann das. Und meint, Degas spiele seine Figuren damit aus wie ein Kartenspieler Pik-Dame, Kreuz-Bube und Herz-König. Beziehungslos, entfremdet manövrierten sie auf der wieder zur bloßen Leinwand gewordenen Bildfläche.

Die Bedienungsanweisung für diese Methode hat der Maler selbst gegeben. Hofmann findet sie in gemaltem Utensilien: einer Grafikmappe und einem Steckrahmen in dem Bild Der Graphikliebhaber (1866), in die Schmuckblätter, Tapetenmuster, Fotos und Stiche eingesteckt sind, gerade so, wie es kommt.