Früher, aber das ist ganz lange her, hörte man auf Schritt und Tritt nur Vögel, Hummeln und Grillen. Bächlein. Heute hört man auf Schritt und Tritt Krach. Dagegen kann man sich Ohropax in die Ohren stopfen. Dann hat man noch kein Gezwitscher, aber seine Ruhe. Doch es gibt etwas viel Moderneres: Krach wegmachen mit Antikrach.

Der deutsche Physiker Paul Lueg hat in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts herausgefunden, dass sich zwei gleiche Töne, wenn sie phasenverschoben – um eine halbe Schwingung versetzt – aufeinandertreffen, gegenseitig auslöschen. Technisch ist das leider bis heute eine verzwickte Angelegenheit. Eine der wenigen praktischen Anwendungen findet man im Cockpit von Flugzeugen: Seit 1987 haben viele Piloten Kopfhörer, die den Triebwerkslärm mit Antitriebwerkslärm bekämpfen. So können die Flugzeugführer sich in Ruhe mit dem Tower unterhalten. Einige Airlines bieten diese Wohltat auch der Business-Kundschaft. Der Hersteller dieser Krachvernichter hieß Sennheiser.

Heute können auch Krethi und Plethi sich so ein Gerät kaufen, wenn sie 300 Euro übrig haben. PXC 450 heißt der Volksantischallkopfhörer. Seine Wirkung ist fantastisch. Rein in die Eisenbahn (nicht ins Auto, das kostet zehn Euro Strafe und einen Punkt in Flensburg). Kopfhörer auf. Antischall ein. Fahrgeräusche, Weichenrumpeln, Wind, surrende Klimaanlagen – alles weg! Stattdessen Ruhe. So fühlt sich Privatheit an. MP3-Player rein. Gustav Mahlers Fünfte, Adagietto. Piano. Pianissimo. Wunderbar!

Was wir uns tagtäglich antun, wenn wir in der Welt unterwegs sind, merken wir, wenn wir den Antischall mit einem kleinen Schalter probeweise wieder ausknipsen. Dann hört man Gerumpel, Gepumpel, Gewummer, eine Krachkulisse, die sonst nie auffällt. Beängstigend: Offenbar sind wir völlig daran gewöhnt.

Das PXC 450 aber verwöhnt uns. Nach kurzer Zeit schon beginnen wir zu maulen. Denn die Stärke von Antischallkopfhörern (Sennheiser ist nicht der einzige Anbieter, Bose etwa verkauft für 400 Euro ein noch edleres Gerät) liegt im unteren Frequenzbereich. Das penetrante Handygespräch des Sitznachbarn – "wenn Jule ihn verlassen hat…klar wie Fleischbrühe…stell mir schon mal ein Bier kalt" – dringt leider zum Trommelfell durch. Und wenn man in einer ruhigen Minute seine Lieblingsmusik mal mit, mal ohne "NoiseGard" genießt, stellt sich unweigerlich die Frage: Wo sind die satten Bässe geblieben? Offenbar verschluckt der formidable Antischall auch wichtige Teile des Musikgeschehens. Jedenfalls, solange die winzige Batterie hält.

Für den, der es mag, hat das Gerät noch ein Feature, das Talk-Through-Funktion heißt. Drückt man die entsprechende Taste, schaltet das System die Musik ab und lässt die Stimme der Stewardess oder des Zugbegleiters passieren. Gnädigst nimmt man dann die Serviceangebote entgegen. Der Name dieser Taste sei Schnöseltaste. Denn man darf doch wohl davon ausgehen, dass Leute, die sich so ein feines Teil leisten, selbstverständlich den Antischallwerfer absetzen, wenn sie angesprochen werden.