Ich liebe das Meer, das Offene und Grenzenlose. In einem Traum, den ich seit meiner Kindheit immer wieder habe, gehe ich mit meiner Familie in der Nähe des Meeres spazieren. Nicht direkt am Strand, sondern auf einer Art Böschung dahinter, aber ich weiß, dass das Meer nicht weit ist. Dann kommt plötzlich jemand auf mich zugerannt. Es ist nicht so, dass er kein Gesicht hat, aber dieser Jemand ist für mich nicht identifizierbar. Ich merke nur, er ist eine Bedrohung. Er rennt auf mich zu, schnappt mich und trägt mich weg. Und das Schlimmste ist, ich will schreien und kann es nicht. Dann wache ich auf und versuche, etwas zu sagen, wie aus Angst, immer noch stumm zu sein.

Als ich älter wurde, habe ich versucht, den Traum in etwas Schönes umzudeuten. Das hat ihm seinen Schrecken genommen, seither kommt er seltener. Ich habe ihn als ein Zeichen begriffen, wie wichtig mir meine Familie ist. Wegen meines Films Vier Minuten war ich sehr viel unterwegs, von einem Festival zum nächsten, und hatte deshalb nicht viel Zeit für meine Familie. Bald sitze ich wieder im Zug, aber dann endlich auf dem Weg zu meinen Eltern und meiner Schwester. Weihnachten steht vor der Tür, dann sind wir alle wieder für ein paar Tage zusammen.

Wenn ich reise und aus dem Fenster hinausschaue, werde ich immer zur Tagträumerin. Das ist wie eine kleine Flucht. Dann lasse ich alle Erlebnisse Revue passieren. Oft lächle ich dabei in mich hinein, das muss für Mitreisende komisch aussehen. Besonders glücklich bin ich, wenn ich mich an den letzten Drehtag von Vier Minuten erinnere. Da gab es einen so schönen Moment. Nachdem die letzte Drehklappe gefallen war, ist das ganze Team noch dageblieben, weil noch eine Aufnahme für den Ton gemacht werden musste. Man musste sehr ruhig sein, am besten nicht atmen. Wir haben uns angesehen, und man konnte richtig merken, wie die Gedanken, die Erinnerungen durch die Luft von dem einen zum anderen flogen.

Seltsamerweise habe ich während der Dreharbeiten zu diesem Film nachts besonders gut geschlafen. Obwohl die Rolle aufwühlend war ich spielte eine Mörderin, die im Gefängnis ihre alte Gabe, das Klavierspiel, wiederentdeckt. Aber ich hatte das Gefühl, der Regisseur holt jeden Tag alles aus mir heraus. Damals habe ich gelernt, loszulassen, dem Regisseur völlig zu vertrauen.

Am meisten freue ich mich darüber, dass ich für meinen Traum, "Schauspielerin" zu sein, gekämpft habe. Ich glaube, jeder hat als Kind so einen Traum. Man möchte Zirkusdirektorin sein, Tänzerin oder Tierärztin oder alles auf einmal. Es ist doch schade, wenn man nie versucht, diese Kindheitsträume zu verwirklichen. Schon mit drei Jahren, als ich ins Kinderballett kam, habe ich den Gästen meiner Eltern immer etwas vorgetanzt, ob sie wollten oder nicht. Als ich zehn war, wurde in unserem Bauernhaus bei München ein Film gedreht. Da spielte ein Mädchen in meinem Alter mit. Ich war fasziniert davon, wie es seinen Text aufsagte, und habe irgendwann die Sätze mitgesprochen.