Die eigentliche Hauptrolle in dieser Geschichte spielt die Unsichtbare Hand. Nicht Leute, die ihr Heim verloren haben oder Hypothekenbanker mit Schweiß auf der Stirn, sondern die Unsichtbare Hand des Marktes, wie sie Amerika sanft über den Kopf streicht, auf die Schulter klopft, ihm die Tür zu Reichtümern öffnet, aber dann plötzlich hart zuschlägt.

Das hässlichste Wort in den USA ist derzeit das R-word : »Rezession«, weil der Dollar fällt, weil Investoren sich vor der Präsidentenwahl zurückhalten, weil die Männer, die die großen Finanzräder drehen, einander zu misstrauen beginnen und den Schwung drosseln und die Durchschnittsamerikaner nicht länger von ihren Kreditkarten allein leben können. Sie können das auch deswegen nicht mehr, weil die Preise ihrer Eigenheime fallen. Und das ist kein ökonomischer Zwischentiefeinfluss, sondern es bedeutet Frost im Herzen des Landes.

Der Schriftsteller Richard Ford kennt sich dort aus, wo das Dach über dem Kopf mehr ist als nur eine Wohnung, wo das eigene Haus zeigt, dass man es geschafft hat. Zwei Romane hat er geschrieben mit einem Makler als Helden. Der Immobilienmakler ist sein Universal-Amerikaner, und Ford, der die Hoffnungen und Ängste seiner Landsleute beim Kauf und Verkauf von Immobilien so scharf beobachtet hat wie keiner sonst, ist in diesen Monaten der vielleicht feinste Seismograf der amerikanischen Mentalität. Man liest bei ihm Sätze wie: »Du weißt ja, ich glaube, dass zu Hause da ist, wo man die Hypothek bezahlt.« Das war vor zwölf Jahren in Unabhängigkeitstag . Dort steht auch bereits: »Außerdem ziehen fallende Immobilienpreise wie ein böser Wind durch die Bäume.«

Im Winter 2007 kann man das wohl behaupten. Ford hat selbst am Immobilienmonopoly teilgenommen. Er gilt als Experte und meint heute: »Ich habe dem Häusermarkt 20 Jahre meines Lebens gewidmet. Habe ich damit ein Vermögen verdient? Nein. Ich habe ein paar richtig schlechte Geschäfte gemacht, ich habe Häuser verkauft, die ich nur ein Jahr gehalten habe. Mit meinen Büchern verdiente ich wahrscheinlich mehr.«

Ein paar Häuser nennt er aber schon noch sein Eigen. Außerdem eine sehr schöne Wohnung in New York, wo er kaum noch Lust hat hinzufahren, weil es ihm dort zu laut und zu protzig geworden ist. New York funkelt und glitzert in der Vorweihnachtszeit und scheint dauernd Fetzen eines Weihnachtsliedes vor sich hin zu bellen. Es liegt nicht im Zentrum der Immobilienkrise – aber im Zentrum ihrer Konsequenzen. Was in den USA los ist, resümiert Richard Ford so: »Alles fing mit Gier an. Alles fängt in Amerika mit Gier an. Es ist Teil dieser Alles-oder-nichts-Mentalität. Wenn wir mit Lachsfang Geld verdienen können, fangen wir diese verdammten Fische, bis sie verschwunden sind. Die Nahrungskette wird auch die armen Hypotheken-Schlucker absorbieren. Aber es ist zynisch zu sagen: Wir geben diesen Leuten ein Heim, wir machen ihre Träume wahr.«

Diese Leute nahmen in den vergangenen drei Jahren massenhaft Kredite zum Erwerb von Eigenheimen auf. Heute können viele von ihnen ihre Raten nicht mehr bezahlen. Sie sitzen auf Darlehen, die sie unter normalen, also soliden Umständen niemals hätten bekommen dürfen, »Ninja«-Darlehen: »No income, job, assets« – es sind Schuldner mit extrem hohem Risiko. Der amerikanische Senat schätzt, dass zwischen 2007 und 2009 zwei Millionen Häuser zwangsversteigert werden, dann werden 71 Milliarden Dollar an Immobilienwerten vernichtet worden sein, noch mal 32, weil die Nachbarschaft dieser Häuser vom Preisverfall ereilt wird wie von Grippeviren, 917 Millionen Dollar gehen dem Staat als Steuereinnahmen verloren. Die Immobilienkrise hat das amerikanische Bruttoinlandsprodukt allein in diesem Jahr um einen drei viertel Prozentpunkt gesenkt.

Im Schnitt hat sich der kleine Mann in den USA mit 200000 Dollar verschuldet. Die allein bis zum Frühjahr ausstehende Summe der Fälligkeiten beläuft sich auf 600 Milliarden – für die am Ende jemand geradestehen muss. Fast alle Kredite im sogenannten »Subprime«-Sektor enthalten Klauseln, die unüblich, geradezu sittenwidrig sind, weil der Gläubiger die Zinsen manipulieren kann, wie er will. Und mit einem Schwupp trägt es den Schuldner aus der Bahn. Die Hauspreise fallen. Im August kostete ein durchschnittliches amerikanisches Heim 223700 Dollar, im September nur noch 210200. Das Finanzhaus Goldman Sachs rechnet mit einem flächendeckenden Preisverfall von 15 bis 30 Prozent, in einigen Regionen wie Florida oder Südkalifornien bis zu 50 Prozent.

Sicher, der Immobilienmarkt war überspekuliert, inflationsträchtig. Die Unsichtbare Hand fühlte sich ziemlich fiebrig an, und Notenbank-Chef Ben Bernanke begann von Sommer 2004 an, die Leitzinsen zu erhöhen. Etwas später begannen auch die für Hypotheken maßgeblichen langfristigen Zinsen zu steigen. In den vergangenen 20 Jahren hatten sich die Amerikaner daran gewöhnt, dass ihre Heime immer mehr wert wurden, und sie hatten ihren privaten Konsum darauf gegründet. Seit 2003 waren die Preise geradezu explodiert. »Wir gehen mit diesem Markt sehr lange um«, meint Richard Ford, »deswegen identifizieren wir die Wertsteigerung von Immobilien mit Glück und Sicherheit.«

Der Mann, von dem Ford für seine eigenen Bücher viel über das Immobiliengeschäft gelernt hat, ist Dennis Iannaccone, Makler in Ortlay Beach in New Jersey. »Ich makle viele Ferienhäuser«, erzählt er. »Wir hatten in dieser Zeit Steigerungen von 200 Prozent. Bernanke hätte den Markt abkühlen können, indem er die Standards für die Subprime-Hypotheken erhöhte. Dann hätten wir nicht diesen Käuferansturm gehabt. Hat er aber nicht getan…«