ZEIT: Herr Lehmann, könnten wir versuchen, das Unmögliche möglich zu machen?

Jens Lehmann: Wie sollte das gehen?

Indem wir über Ihre Zukunft reden, über die Sie noch nicht reden können.

(lacht) Versuchen wir’s.

Dann sagen Sie uns doch bitte, wo Sie im Januar 2008 leben und arbeiten werden.

In London. Im Tor des FC Arsenal.

Dann hat Ihr Trainer Arsène Wenger Sie nach vier Monaten auf der Bank begnadigt? Oder ist das bloß demonstrative Gelassenheit?

Das ist meine Gewissheit.

Wir fragen, weil man in den vergangenen Jahren den Eindruck haben konnte, dass Fußballprofis wie Sie schon jetzt ein Arbeitsmodell leben, das für immer mehr Menschen Zukunft sein dürfte: als Einzelne hoch flexibel und mobil auf einem deregulierten Markt, mal in einer starken Position – und mal in einer schwachen, in der man kaum mehr hat als diese demonstrative Gewissheit. Oder ist das Unsinn?

Nein, das stimmt vollkommen. In England sagt man: You have to live up to it now. Ich muss damit zurechtkommen, dass meine Leistung bei Arsenal London derzeit nicht mehr so gefragt ist, wie sie es einmal war. Das beschreibt meine Situation auf dem Markt recht gut.

Wo, würden Sie sagen, liegt Ihr Marktwert derzeit?

Mein Marktwert? Der liegt im Moment bei null. Der Marktwert ist ja der Wert, den man für einen Spieler zahlt. Für mich wird man nichts bezahlen.

Weil Sie im Alter von 38 schon nichts mehr wert sind?

Nein. Weil ich nicht aus London weggehen werde, wenn Arsenal auch noch eine Ablösesumme für mich bekommt.

Weil Sie enttäuscht sind und Ihrem Klub das Geld nicht gönnen?

Ich finde, man könnte mich nach dem, was ich für den Club geleistet habe und noch zu leisten imstande bin, anders behandeln.

Indem Ihr Trainer Ihnen sagt, ob er Sie noch einplant?

Das möchte ich noch nicht konkretisieren.

Aber sind das nicht leider Kriterien von gestern: Planungssicherheit und Transparenz?

Warum?

Man könnte doch sagen, dass das, was wir anhand Ihrer Person erleben, ein Lehrstück in Sachen Deregulierung und Globalisierung ist: Sie spielen – für gutes Geld – als deutscher Nationaltorwart in England, einer der stärksten Ligen der Welt, machen einige Fehler, und Ihr französischer Trainer bevorzugt fortan Ihren spanischen Kollegen. Berufsrisiko also.

Völlig einverstanden. Es herrscht nun einmal Wettbewerb, in meinem Fall sportlicher Wettbewerb, so argumentiert mein Trainer ja auch. Ich werde ihn beizeiten noch mal daran erinnern. Denn nach den letzten Spielen erscheint es mir ein wenig seltsam, dass ich noch auf der Bank sitze.

Fühlen Sie sich in dieser Situation eher wie der Vorstandsvorsitzende der weltweit agierenden Jens-Lehmann-Ich-AG oder wie ein Arsenal-Angestellter ohne Betriebsrat und Kündigungsschutz?

Tja. Ich bin Fußballspieler, das liegt wohl irgendwo dazwischen. Und da ich im Moment ein Fußballspieler bin, der nicht spielt, ist meine Ich-AG, wie Sie das nennen, in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Ich denke aber, dass ich demnächst wieder spielen werde – ob ich das jetzt als Vorstandschef meiner Ich-AG sage oder als Fußballspieler. Klar ist: Als Fußballspieler arbeitet man zwar einerseits in einem Kreis von Kollegen, muss andererseits aber immer schauen, wo man selber bleibt.

Was sind dann Mitspieler im Fußball: Freunde, Mannschaftskameraden, Kollegen, Konkurrenten oder Feinde?

Feinde würde ich nicht sagen.