Washington - Mit beißendem Spott begleitet die amerikanische Satire-Zeitung The Onion die jüngsten Geheimdiensterkenntnisse über das iranische Atombombenprogramm und über zerstörte Videoaufnahmen von Terroristenverhören. Unter einem Foto, das die Regierung Bush samt oberster Armeeführung bei einer vertraulichen Lagebesprechung zeigt, heißt es: Achtung, dem Geheimdienst sei zu Ohren gekommen, dass die Vereinigten Staaten in der Welt ein bis drei Freunde besäßen. Nur leider könne er nicht herausfinden, wer diese seien.

Die Amerikaner kann eigentlich nichts mehr überraschen. Sie sind mehrheitlich gegen den Irakkrieg und gegen einen Angriff auf iranische Nuklearanlagen, und seit 2002 haben sie sich außerdem daran gewöhnt, vom Weißen Haus, dem Pentagon und den Nachrichtendiensten in die Irre geleitet zu werden oder bestenfalls Halbwahrheiten zu erfahren. Anders als in Europa haben deshalb die neuesten Enthüllungen aus Teheran und aus dem Innersten des Geheimdienstes diesseits des Atlantiks nur kurz für Aufregung gesorgt.

Gleichwohl fragt man sich in Washington, warum die Geheimdienste gerade jetzt die Öffentlichkeit suchen, Schlag auf Schlag. Es ist die Stunde der Verschwörungstheoretiker. Manche mutmaßen, die CIA wolle späte Rache an Bush nehmen, weil er sie am Vorabend des Irakkriegs für seine Lügen missbraucht habe. Andere argwöhnen, die Geheimdienste wollten selbst Politik machen, womöglich angetrieben von enttäuschten ehemaligen Mitarbeitern des Weißen Hauses und des Außenministeriums.

Die Wahrheit könnte am Ende viel profaner sein. Neue Erkenntnisse lassen sich nämlich einfach nicht lange unterm Deckel halten. Deshalb hatte wohl auch George W. Bush keine Einwände, als sein oberster Geheimdienstkoordinator der Welt verkündete, Iran habe aller Wahrscheinlichkeit nach bereits vor vier Jahren sein Atombombenprogramm gestoppt. Und auch der Chef der CIA wählte in der vergangenen Woche die Flucht nach vorn und eröffnete, dass sein Geheimdienst trotz gegenteiliger Aufforderung Videoaufzeichnungen von Terroristenverhören vernichtet habe. Eines dieser Bänder hatte zum Beispiel das umstrittene waterboarding in Bild und Ton festgehalten. Dabei wird der Gefangene so lange unter Wasser gedrückt, bis er zu ersticken glaubt oder tatsächlich zu ersticken droht. Amerikas neuer Justizminister ziert sich immer noch, diese brutale Methode als Folter zu bezeichnen. Doch hat er jetzt angeordnet, die seltsame Löschaktion beim CIA unverzüglich aufzuklären.

Auch der Kehrtwende beim Thema Iran will eine, wenn nicht gar zwei Untersuchungskommissionen nachspüren. Klar ist bislang nur so viel: Seit den achtziger Jahren strebten die Machthaber in Teheran nach einer Atombombe. Ein gestohlener Laptop eines iranischen Ingenieurs brachte es 2004 ans Licht. Noch im Jahr darauf behauptete der amerikanische Geheimdienst: "Iran ist im Augenblick entschlossen, Atomwaffen zu entwickeln." Dabei hatte das Land, wie jetzt bekannt wurde, seine militärischen Ambitionen bereits 2003 auf Eis gelegt. Das förderten jetzt heimlich abgehörte Telefongespräche iranischer Militärs zutage sowie eine minutiöse Dokumentation des Atombombenprogramms, die amerikanischen Agenten in die Hände gefallen war.

Diese Enthüllungen sind auch der Erfolg einer neuen Geheimdienststrategie. Weil man die Fehler des Irakkrieges um keinen Preis wiederholen wollte, vertraut man nicht mehr allein einer Quelle, so verlässlich sie auch sein mag. Sollten die verschiedenen Geheimdienste unterschiedliche Schlüsse ziehen, werden diese Differenzen dokumentiert. Zudem suchte am Schluss ein sogenanntes rotes Team noch einmal gezielt nach Schwächen in der Beweisführung.