Die EU-Parlamentarierin Christa Klaß ist Winzerin, zu Hause in Osann-Monzel an der Mosel im westlichen Rheinland. 15.000 Flaschen im Jahr verkauft ihr Familiengut. "Der Riesling boomt wieder", sagt die CDU-Abgeordnete, während sie in ihrem Brüsseler Büro eine Flasche aus dem Eckschrank holt und stolz auf ihren Schreibtisch stellt. Deutsche Weine sind im In- und Ausland gefragt wie nie zuvor. Vergangenes Jahr haben die Winzer dem Deutschen Weininstitut zufolge mit 561 Millionen Euro Exporteinnahmen einen Rekord hingelegt. Eigentlich müssten die 27.000 deutschen Weinbauern also in Bestlaune sein. Wenn da nicht die drohende Weinmarktreform wäre.

Nächste Woche wollen sich die EU-Minister mit der Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel einigen. Bis zur letzten Sekunde wird gepokert. Wohl erst in der Nacht zum 20. Dezember wird klar sein, ob den deutschen Winzern das Geschäft verhagelt wird. Darum rebellieren sie – und werden sich voraussichtlich zumindest in einem Punkt durchsetzen.

Dabei klingt das, was im Kommissionsentwurf steht, auf den ersten Blick ganz plausibel. Man wolle die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Erzeuger erhöhen, mehr auf Qualität setzen und ineffiziente Regeln abschaffen. "Die Wettbewerber der EU holen auf", warnte die Kommissarin auf ihren Reisen in Europas Weinbaugebiete immer wieder. Die Weinimporte in die EU aus Ländern wie Chile, den USA, Australien oder Neuseeland hätten sich allein in den vergangenen sieben Jahren auf zwölf Millionen Hektoliter verdoppelt. Mit jährlich 13 Millionen kann sich die EU nur noch knapp als großer Weinexporteur behaupten.

Deshalb will die Kommissarin künftig erstens keinen Fusel mehr fördern. Das heißt, die Überweisungen an jene Bauern werden gestoppt, die Wein nur anbauen, um ihn für die Spirituosenindustrie zu destillieren. So sollten ursprünglich Weinüberschüsse vernichtet werden. Mittlerweile aber ist es ein Geschäft geworden, für das die EU jedes Jahr eine halbe Milliarde Euro ausgibt – ein Drittel des Topfes, der den 2,4 Millionen EU-Weinbauern zusteht.

Wird die Reform nächste Woche verabschiedet, werden zudem alle Weinbauern von dem Geld profitieren können, da sie es nun vermehrt für Neugestaltung ihrer Weinberge, Rodung ertragsarmer Felder, – ganz neu – Werbekampagnen in den Konkurrenzländern oder Versicherung gegen ausfallende Ernten ausgeben können.

Bliebe es dabei, wären die Deutschen wie die Abgeordnete Klaß oder der Geschäftsführer des Deutschen Weinbauverbandes, Rudolf Nickenig, entspannter. Wenn da nicht noch die Pläne zum Zuckerverbot und zu den Anbaurechten wären. Die Kommissarin will den Weinbauern endgültig verbieten, ihren frisch gekelterten Saft mit Kristallzucker anzureichern, da der nicht von den Reben stammt. Stattdessen sollen sie ausschließlich den dreimal so teuren Zucker aus Traubensaft nutzen. In Brüssel will man nur noch "guten" Wein aus Europa fördern.

"Damit wird das Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Drittländern zu verbessern, konterkariert", sagt Nickenig. 90 Prozent der deutschen Weinbauern seien kleinere Familienbetriebe, die sich das nicht leisten könnten. Auch Klaß ist entsetzt: "Die Bezuckerung ist eine jahrhundertealte Tradition." Bei weniger süßen Trauben in den sonnenärmeren Regionen Mitteleuropas brauche man einen bestimmten Anteil von zusätzlichem Zucker. Er ermögliche erst die Gärung, und der dadurch entstehende Alkohol sei der wichtigste Geschmacksträger des Weines. Am meisten regt sie und ihre Winzerkollegen aber auf, dass die EU gerade ein Handelsabkommen mit den USA erneuert hat, in dem sie mit Kristallzucker angereicherte Weine duldet. Bislang hält die Kommissarin am Zuckerverbot fest. Doch die Winzer haben noch Hoffnung. Nächste Woche, vermuten viele Brüsseler Beobachter, wird sie keine andere Wahl haben, als das Verbot fallen zu lassen. 20 von 27 Ministern, heißt es, seien dagegen.

Es gibt aber noch einen zweiten Punkt, bei dem sich die Kommissarin bewegen muss, wenn es nach den Weinbauern geht. Ab 2014 will sie den Weinanbau liberalisieren. Sie will, dass "wettbewerbsfähige Erzeuger ihre Produktion ausweiten können". Bislang bestimmen die Länder selbst, wer wo Wein anbauen darf. In Deutschland und Frankreich ist Neuanbau auf bisher ungenutzten Flächen nur stark begrenzt möglich. Und die EU subventioniert Winzer, die ertragsarme Flächen roden. Erlaubt die Reform die Produktionsausweitung, könnte das zu absurden Anbaupraktiken führen. "Erst zahlt die EU teuer für die freiwillige Rodung, und dann ermöglicht sie anschließend, dass auf den gerodeten Flächen wieder Reben angepflanzt werden können", schimpft Nickenig. Außerdem würden Großwinzer die familiäre Landwirtschaft, die vor allem in Mitteleuropa Tradition hat, bedrohen. Auch die Abgeordnete Klaß sorgt sich: "Die Touristen kommen vor allem wegen des traditionellen Weinanbaus. Ohne die alten Winzerstrukturen würde alles zusammenbrechen." Die Kommissarin war auch an der Mosel zu Besuch. Dort wünscht man sich heute: "Ach, hätten wir sie doch oben auf dem Weinberg gelassen."