Weg sein ist alles

Mr. Allen, Sie waren insgesamt 21 Mal für den Oscar nominiert, drei Mal haben Sie ihn bekommen, und trotzdem haben Sie noch nie an der Oscar-Verleihung teilgenommen.

Das stimmt. Ich werde auch dieses Jahr mit Sicherheit nicht hingehen.

Die 80. Oscar-Feier – das wird doch sicher eine wunderbare Party! Was stört Sie daran?

Nichts, ich könnte sie nur nicht genießen. Ich bin kein Hollywood-Filmemacher und bin es nie gewesen, ich bin ein New Yorker Filmemacher. Ich habe nichts gegen L.A. – es macht mir schlicht keine Freude. Ich mag weder den Sonnenschein noch das ewige Herumfahren im Auto. Und ich mag nicht die Art und Weise, wie sie in Hollywood das Filmgeschäft sehen. Ein Film ist für sie vor allem die Möglichkeit, Hunderte Millionen von Dollar zu machen. Ich hingegen sehe Filmemachen als eine Kunstform. Und glauben Sie mir: Es ist sehr schwer, unter diesen Umständen in meinem Beruf zu existieren.

Sie fanden es all die Jahre wichtiger, am Abend der Oscar-Veranstaltung Klarinette in einem Jazz-Pub zu spielen. Ist es ein Luxus, sich den Dingen zu entziehen?

Ich entziehe mich nicht, ich lehne auch nichts ab. Wenn man mich anruft: Woody, kommst du – wir würden dir gern einen Preis verleihen?, sage ich: Nein, ich denke, eher nicht. Aber sie sind frei, ihn mir trotzdem zu verleihen, wenn sie meinen, ich verdiene ihn. Sie können mir so viele Preise verleihen, wie sie wollen. Ich gehe nur nicht hin und hole sie mir ab. Was soll ich auch damit? Meine Wohnung ist voll davon – soll ich sie alle ins Klo stellen?

Sie halten sich die Realität gern vom Leib?

Ich war schon immer fasziniert von den Unterschieden zwischen der wirklichen Welt und der vorgestellten Welt. Ich habe immer die vorgestellte Welt vorgezogen. Die Wirklichkeit verletzt dich pausenlos, sie ist ein extrem unerfreulicher Ort. Das ist einer der Gründe, warum ich Filme mache. So kann ich ein ganzes Jahr in meiner Fantasiewelt zubringen.

Sie haben mal gesagt: "Mein Filmemachen ist wie Korbflechten in einer Irrenanstalt." Ist das der Grund, warum Sie mit über 70 immer noch jedes Jahr einen Film machen?

Ja! In der Irrenanstalt ist das so: Wenn die Insassen beschäftigt sind, fühlen sie sich besser, sie sind relaxter. Mit mir ist es dasselbe – Filme sind meine Therapie. Würde ich keine Filme schreiben, dann schriebe ich Theaterstücke oder Bücher. Wenn ich nicht schreibe, fühle ich mich jämmerlich.

Wie wichtig ist Ihnen die ganz reale öffentliche Anerkennung Ihrer Arbeit?

Als ich noch jung war, wurde ich getrieben von Versagensängsten, doch ich bin immer wieder gescheitert, und nie ist etwas passiert – und irgendwann ist die Angst verschwunden. Das Dumme ist: Auch wenn du einen großartigen Erfolg feierst, passiert nichts. Als ich jung war, dachte ich: Wenn ich Erfolg habe, werden alle mich lieben; wenn ich versage, wird die ganze Welt mich hassen. Unsinn. Man lernt über die Jahre: Weder wunderbare noch schreckliche Dinge passieren. Das ist ja auch irgendwie beruhigend.

Weg sein ist alles

Sie wirken entspannt und heiter. Haben Sie bessere Laune als früher? Ihren jüngsten Film "Vicky Cristina Barcelona", der 2008 in den USA in die Kinos kommt, haben Sie sogar im sonnigen Spanien gedreht.

Ich mag Europa, und meine Frau mag es auch. Sie und die Kinder hatten einen wunderbaren Sommer in Barcelona. Ich habe viel Jazz gespielt, zwei Mitglieder meines Orchesters haben mich besucht. Wir haben ein paar Tage in Paris verbracht, in Venedig, auf Sardinien. Es war toll!

Haben Sie etwa die Sonne genossen?

Ich habe sie gehasst. Zweimal bin ich zum Arzt gerannt, weil ich mir sicher war, Hautkrebs zu haben. Auch beim Filmen hat die Sonne gestört. Wir mussten riesige weiße Laken aufspannen, um sie abzuhalten. Kostbare Stunden haben wir damit zugebracht.

Warum haben Sie sich das angetan?

Ganz einfach – sie haben gesagt: Wir geben dir viel Geld, wenn du den Film in Barcelona drehst. Gut, wenn sie mir dasselbe über Somalia gesagt hätten, hätte ich erwidert: Verzeihung, ich kenne mich dort zu wenig aus, ich wüsste nicht, welche Story dorthin passt, ich würde ungern drei Monate dort leben. Aber Barcelona? Eine sehr romantische Stadt. Bloß nach dem Dreh, als ich nicht mehr jeden Tag mit Penélope Cruz und Scarlett Johansson arbeitete, begann ich New York zu vermissen.

Ist das auch eine Form, die Realität zu verdrängen: sich in junge Schauspielerinnen zu verlieben? Es dürfte schwer sein, mit Scarlett Johansson zu arbeiten, ohne ihrem Charme zu erliegen.

Wir hatten auf dem Set eine Menge Spaß, aber wir haben uns nicht einmal privat getroffen. Nicht ein Abendessen, keinen einzigen Drink.

Es ist ihr dritter Film zusammen!

Wir haben eine rein berufliche Beziehung. Aber ich gebe zu: Auf dem Set ist sie der Traum eines Regisseurs – schön, talentiert, smart, nett, eine Schauspielerin ohne jegliche Grenzen.

Die Fragen stellte Anita Blasberg