Der französische Philosoph André Gorz war vermutlich nie in dem Einkaufszentrum, das ich am vergangenen Wochenende besucht habe. Er hat trotzdem ein paar ziemlich erkenntnisleitende Sachen zum Thema Konsum geschrieben, ich komme noch darauf zurück. Das "Center" könnte so, wie ich es vorfand, mit seinen 2000 kostenlosen (wenn auch belegten) Parkplätzen, seinem Weihnachtsbaumverkauf vorm Portal (wo auch die Raucher rauchen), seinen Punschbuden (um die herum etwas anheimelnder Rindenmulch verteilt worden ist), mit seiner H&M-Filiale, seiner Parfümerie-Filiale, seiner Elektronikfachmarkt-Filiale, seiner Spielzeugdiscounter-Filiale, seinen gewaltigen Adventskränzen und künstlichen Tannengirlanden und seinem Glitzerkugelschmuck auch an hundert anderen Orten in Deutschland (oder Frankreich) stehen.

Gorz war der Meinung, dass es in der Logik des Kapitalismus liege, irgendwann den Konsum als entlohnungswürdige Arbeit zu betrachten und die Bevölkerung fürs Konsumieren zu bezahlen. Die Kapitalisten sollten ihm in dieser Frage folgen. Das wäre nur gerecht, denn auf jeden Fall ist Einkaufen vor Weihnachten eine sehr anstrengende Tätigkeit, die unter extremen klimatischen und sozialen Bedingungen stattfindet.

Mir selbst geht es an diesem Wochenende ganz gut, ich bestelle die meisten meiner Weihnachtsgeschenke bei Amazon oder kaufe sie in einem sehr kleinen Laden in Berlin-Mitte, dessen Betreiber Taschen aus alten Autoreifen oder Lastwagenplanen fertigen und derart exotische Öffnungszeiten pflegen, dass man meist ganz allein in ihrem Geschäft steht, weil niemand anders es rechtzeitig dorthin schafft. Ich kann also heute schlendern und schauen, während meine Mitkonsumenten einen hochkomplexen Tanz aufführen. Sie müssen es vermeiden zu rempeln, zu schubsen und auf fremde Füße zu treten; sie müssen die Zeit im Auge behalten, zeternde Kinder ermahnen (trotz ermutigender Pisa-Ergebnisse zetern Jungen immer noch häufiger als Mädchen); sie müssen weitreichende Entscheidungen treffen, wenn genau jenes Haarglätteisen, das die 17-jährige Tochter sich wünscht, unter 14 anderen Glätteisen-Typen nicht zu finden ist.

Wer mit einem Kampfauftrag (Einkaufszettel) in die Ladenpassage kommt, hat idealerweise zu funktionieren wie ein Bernsteinsammler am Strand: so lange die ungeordnete Objektflut scannen, bis das Muster passt und der zu erwerbende Gegenstand identifiziert ist. Ich selbst reagiere (auch ohne Zettel) mit einer gewissen Zwanghaftigkeit auf die aufwendigen und vollkommen zweckfreien Metallkarabiner, die Handtaschen der Marke George, Gina & Lucy zieren und einen immer sofort beim Flughafenpersonal unbeliebt machen, weil sie aussehen, als könnte man damit einen Anschlag verüben. Und zack: ein ganzer Laden voll mit den Dingern.

Erst gab es die Täschchen nirgends, jetzt gibt es sie überall, auch in Paisley und Lack. Dieses kleine Geschäft zielt genau auf Leute wie mich, Leute, die bisweilen von dem unangenehmen Gefühl heimgesucht werden, sie hätten eine vage, leicht verschwommene Außenkontur und diese dann durch das Tragen von Markenklamotten zu stabilisieren versuchen. Es gibt hier Jeans der Marke Seven for all mankind, die sich von H&M-Jeans vor allem dadurch unterscheiden, dass sie 220 Euro kosten; nette kleine Kaschmirpullis, Belstaff-Jacken, Polo-Ralph-Lauren-Blusen. Wem das alles nichts sagt: So etwas tragen nichtsnutzige Gattinnen reicher Männer. Und eben Menschen wie ich, die sich gelegentlich wünschten, sie wären die nichtsnutzige Gattin eines reichen Mannes – und sich auch mal was gönnen.

Wenn man es schafft, den eigenen Blick über den Warenhorizont zu erheben, sieht man, dass ungewöhnlich viele Einkäufer einander an den Händen halten, als fürchteten sie, sich in der Masse zu verlieren. Die Masse wird hier übrigens nicht mehr auf Rolltreppen durch die drei Stockwerke befördert (unten: Parkdeck, Mitte: billig, oben: für Gattinnen), sondern auf Fließbändern, was einen eigenartigen Effekt auf den Nutzer hat – er fühlt sich wie Gepäck, das einkaufen geht.

Aber zurück zu Gorz, oder nein, vielleicht erst zu Marx. Marx hatte keine hohe Meinung vom Konsum, er sah darin ausschließlich eine notwendige Aktivität zur Wiederherstellung der Arbeitskraft, das sei beim Arbeiter wie beim Vieh im Großen und Ganzen dasselbe. Zu dieser Auffassung konnte Marx vermutlich nur gelangen, weil es zu seiner Zeit noch keine Seife gab, die wie Schokolade aussah, und keine Schokolade, die wie Seife aussah; und auch keine Sesamstraßen-Quietscheentchen mit Engelsflügeln und Heiligenschein. Gorz’ Theorie ist da ausgefeilter: Er glaubt, die Waren selbst "kauften" sich ihre Konsumenten, "damit diese durch ihre Konsumtätigkeit so werden, wie die Gesellschaft sie braucht".