So einfach kommt keiner rein zu den Rettern der Welt. Rund um das Herrnhuter Wasserschloss zieht sich ein Graben, nur ein Steg führt zum Tor, und das bleibt verschlossen, wenn man den Zahlencode der Sicherheitsanlage nicht kennt. Dahinter befindet sich die "Jüngerschaftsschule" der "Jugend mit einer Mission" (JMEM), und die präsentiert sich der Außenwelt lieber auf ihrer Website als im direkten Kontakt. Im Internet berichten junge Frauen und Männer euphorisch von ihren Bekehrungserlebnissen. Einen Mausklick weiter prescht ein Geländewagen durch tiefen Schlamm. Missionsarbeit – das ist für die JMEM Abenteuer in gefährlicher Fremde. Und im eher beschaulichen Herrnhut in der Oberlausitz werden die jungen Missionare auf ihren Einsatz vorbereitet: Es geht um nichts Geringeres als die Rettung der Welt vor "politischem Chaos" und "moralischem Abstieg".

Vor drei Jahren hat sich die JMEM in Herrnhut angesiedelt – und einen kleinen Kampf der Kulturen ausgelöst. Denn dort traf sie auf die Herrnhuter Brüdergemeine, eine alteingesessene Glaubensbewegung innerhalb der protestantischen Kirche. Deren Erkennungszeichen ist nicht der Geländewagen, sondern das Lamm Gottes. Ihr Missionsgedanke beruht weniger auf Bekehrung als auf gutem Vorbild. Anders als die Anhänger der JMEM reden sie nicht "in Zungen", sondern diskutieren ihren Glauben und ihre Zweifel – manchmal bis zur Zerreißprobe.

So ist in Herrnhut, einem Dorf mit 2500 Einwohnern, ein Konflikt entstanden, der im Kleinen zeigt, was das Christentum im Großen beschäftigt. Es geht darum, was einen guten Christen ausmacht, wie wörtlich die Bibel zu nehmen ist, welcher Weg zu Gott führt und wie man das Nichtchristen vermittelt. Es ist auch eine Auseinandersetzung zwischen der westeuropäischen Tradition, die Glaube mit Vernunft verbindet, und evangelikalen, charismatischen Strömungen, die sich in Afrika, Lateinamerika, in den USA und zunehmend auch in Europa ausbreiten.

500 Mitglieder der Brüdergemeine leben heute in Herrnhut. Nach ihrer Kirche sucht man vergeblich. Sie beten und treffen sich in einem schlichten "Kirchensaal". Alles ist weiß gestrichen, die Bänke, der einfache Tisch, der den Altar ersetzt. Kinder, verkleidet für ein Krippenspiel, flitzen durch den Raum. Keiner spielt hier mit Nintendo oder iPod, es flackern keine bunten Christbaumlichter. Nur ein großer "Herrnhuter Stern" leuchtet an der Decke, ein traditioneller Weihnachtsschmuck, den die Brüdergemeine in Handarbeit herstellt und jährlich in einer Stückzahl von bis zu 200000 Stück verkauft.

"Missionare an der Front, das ist mir total zuwider"

Wirtschaftlich erfolgreich war die Brüdergemeine, seit sie sich 1722 unter dem Schutz von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in Herrnhut, "unter des Herren Hut", niederlassen durften. Ihre böhmische Heimat hatten sie verlassen müssen, weil sie manches überflüssig fanden, was ihren katholischen Nachbarn heilig war, zum Beispiel den Papst, die Hierarchien und Besitztümer der Geistlichen. Seitdem haben sie die Stadt geprägt, noch heute betreiben sie hier das Altenpflegeheim, ein Zentrum für Behinderte, die große Werkstatt für Weihnachtsschmuck, noch heute sieht man den Herrnhuter Straßen mit ihren barocken Häusern den Einfluss der Brüdergemeine an: die Abneigung gegen den grellbunten Kommerz, die handwerkliche Geschäftstüchtigkeit, die Karitas, den Hang zu einer betulich anmutenden Heimeligkeit.

Auch die Brüdergemeine hat von Herrnnhut aus immer schon missioniert, hat weltweit inzwischen 825000 Mitglieder, die meisten sind in Tansania und anderen afrikanischen Staaten zu Hause, aber auch in Südamerika, Alaska und Russland gibt es größere Gruppen. Folglich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass nun andere, ganz andere Christen nach Herrnhut gekommen sind, um die Brüdergemeine ausgerechnet hier herauszufordern.

Kaum war die JMEM in Herrnhut angekommen, gab sie sich im Internet als der einzig authentische Nachfolger des Grafen von Zinzendorf aus. Die christlichen Brunnen hier seien "verschüttet" worden, sagten sie, und müssten "wieder ausgegraben werden".

Das war eine kalkulierte Provokation gegen die Konkurrenz. "Die taten so, als hätte es in den vergangenen 250 Jahren hier nichts gegeben", sagt Bischof Theodor Clemens von der Brüdergemeine, "das hat uns schon geärgert."

Dem Bischof sind die jungen Missionare, die den "heiligen Geist" in sich fahren lassen, nicht nur fremd. Er findet ihren militärischen Jargon abstoßend, ihren aggressiven Missionsstil irritierend.

Auf ihrer Website unterscheidet JMEM zwischen dem "Front-Team" und der "Heimatfront". Herrnhut gehört demnach zu den "Strategic Frontiers", zur strategischen Außengrenze, von wo aus man den Islam zurückdrängt und ins "10/40-Fenster" aufbricht. Damit sind die Länder zwischen dem 10. und dem 40. nördlichen Breitengrad gemeint, zwischen Nordafrika und China, wo die größte Dichte nichtchristlicher Einwohner zu finden ist.

"Die charismatische Erneuerung zieht sich durch ganz Deutschland"

"Missionare an der Front, das ist mir total zuwider", sagt der Bischof und streicht sich über den grauen Bart. "Es wäre verheerend, wenn Herrnhut künftig mit geistigen Kampfeinsätzen und Missionstruppen verbunden würde, die das Feld aufräumen." Was die Jugendlichen von JMEM selbst denken, ist schwer herauszufinden. Jeden Morgen um acht Uhr sieht man die jungen Frauen und Männer einen Pfad hinunter ins Herrnhuter Tal zum Wasserschloss laufen. Versuche, ein Gespräch anzuknüpfen, scheitern schnell. "Wir sind angewiesen, Fremden keine Fragen zu beantworten", sagt eine junge Frau. Sie ist aus Paraguay hierhergekommen, um sich ausbilden zu lassen.

Einer der Leiter der "Jüngerschaftsschule", Thomas Huck, ist schließlich doch zum Gespräch bereit. Drei Monate lang würden die jungen Missionare auf ihren Einsatz "im Busch" vorbereitet, sagt er, und hält Erfolgszahlen bereit: In 200 Ländern verfüge die Organisation über 800 Missionszentren und 15000 feste Mitarbeiter. Jährlich würden 100000 junge Männer und Frauen zum ehrenamtlichen Dienst fortgebildet. Warum hat man ausgerechnet Herrnhut als Ort für eine "Jüngerschaftsschule" gewählt? "Gott hat es uns ins Herz gelegt", sagt Huck.

Ein solch direkter Draht zum Herrn ist der Brüdergemeine eher unheimlich. Vor allem macht er sie ratlos. "Ich würde ja gerne mit denen diskutieren", sagt Bischof Clemens. "Aber dann heißt es nur, der Heilige Geist hat uns dieses geraten und jenes. Das kann man nur hinnehmen."

Das Problem der Brüdergemeine mit den "Neuen" geht aber tiefer: Die Alteingesessenen haben nämlich inzwischen evangelikal-charismatische Konkurrenz aus den eigenen Reihen bekommen.

Einigen Mitgliedern war die Brüdergemeine zu liberal und verkopft geworden. Vor einigen Jahren hatte sie nach langem Ringen sogar die Homosexualität vom Stigma der Sünde befreit. Das – und die eher asketischen protestantischen Gottesdienste – wollten sie nicht mehr hinnehmen. 1999 gründeten sie im alten Herrnhuter Krankenhaus das "Christliche Zentrum", das "Jesus-Haus". In der ehemaligen Röntgenabteilung befindet sich der Gottesdienstsaal, wo emphatische Lobpreisungen, ekstatische Zungenrede und die Erwachsenentaufe praktiziert werden. Rund 100 "Wiedergeborene" zählt das Jesus-Haus inzwischen, einige sind zusätzlich Mitglied in der Brüdergemeine oder in der Landeskirche. "Die charismatische Erneuerung zieht sich durch ganz Deutschland und Europa", sagt Frank Hottenbacher, Pastor im Jesus-Haus.

Das bestätigt auch Reinhard Hempelmann von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. "Es ist nicht zu übersehen, dass sich erwecklich geprägte Strömungen in Deutschland überaus schnell und wirksam ausgebreitet haben." Rund 100 charismatisch-pfingstliche Gruppierungen mit 200000 Mitgliedern hätten sich in den vergangenen Jahren neu gebildet. Im Vergleich zu den 50 Millionen amtskirchlich gebundenen Katholiken und Protestanten in Deutschland ist das eine kleine Minderheit. Dennoch geht in der evangelischen Kirche die Sorge um, es könnte auch hier auf längere Sicht zu einer Spaltung der evangelischen Landschaft wie in den USA kommen.

"Wir können Herrnhut nicht absperren", sagt Bischof Clemens. Man habe sich mit der Anwesenheit der anderen arrangiert. Und etwas Gutes hätten die neuen Nachbarn doch auch bewirkt: Die Brüdergemeine ist ein bisschen kämpferischer geworden. "Wir sind uns neu bewusst geworden, dass der eigene Weg immer noch tragfähig ist", sagt Bischof Clemens.