Der Saal ist menschenleer. Zwei schwache Lichter beleuchten die schmale Bühne, zwei Tische, einige Hocker und ein Wirtshausfenster. Fast geräuschlos tritt ein kleiner Mann auf die Bühne, verrückt die Hocker, hebt etwas vom Boden auf. Sein Haar ist schneeweiß, das Gesicht erinnert an Johannes Heesters. Sein Rücken ist etwas gekrümmt, aber jede Bewegung wirkt außerordentlich entschieden. Der Mann betrachtet noch einmal stumm die Bühne und steigt dann die wenigen Stufen in den winzigen Orchestergraben hinab. Dort unten wird Tony Amato nun für eine Stunde ruhen. Um 17 Uhr beginnen die Proben für La Bohème.

Ein Stockwerk höher geht Tony Amatos Nichte Irene ans Telefon: »Amato Opera, wie kann ich Ihnen helfen?« Sie sitzt zwischen Schminktischen, Stoffballen, Nähmaschinen und Kisten voller Requisiten hinter einem selbst gezimmerten Holzverschlag, der ihr Büro absteckt. Während des Gesprächs versucht sie, Ordnung in die vielen handgeschriebenen Zettel zu bringen, die zwischen Ringbüchern, Videokassetten und selbst gedruckten blauen Eintrittskarten herumflattern. Die Zettel sind wichtig, auf ihnen hält Irene die Vorbestellungen fest.

»Oh, wir haben ein wunderbares Buffet nach der Silvester-Aufführung. Das wird ihm bestimmt gefallen.« Irene schlägt einen der Ordner auf. Für jede Vorstellung ist hier ein weißes Stück Pappe abgeheftet, auf dem alle 107 Sitze der Amato Opera eingezeichnet sind. Jeder verkaufte Sitz wird abgehakt, auf die Rückseite kommt der Name des Käufers. »Es gibt Pasta und Fleischklößchensoße, die Mister Amato selbst zubereiten wird.«

»Das verträgt er nicht? Oh! Wir haben auch Muscheln, die sind sehr leicht.«
»Hm, auch nicht. Käse?«
»Ja, Schätzchen, jetzt weiß ich auch nicht weiter.«

Die Amato Opera ist die kleinste Oper der Welt in der teuersten Stadt der Welt. Außer der mondänen Metropolitan Opera und der New York City Opera am Central Park ist die Amato Opera die einzige Oper, die ein eigenes Haus in Manhattan besitzt. Drei Stockwerke flach, drei Fenster schmal, steht sie unten an der Bowery, dort, wo die Stadt lange den romantischen Traum des brotlosen Künstlers gelebt hat. Debbie Harry hat hier gewohnt, William Burroughs, Nan Goldin. Zwei Häuser neben der Amato Opera lag der legendäre Rockclub CBGB’s. Im Frühjahr zieht dort eine Boutique des Designers John Varvatos ein. Das New Museum of Contemporary Art hat bereits eröffnet. Wie eine antike Truhe steht die Amato Opera zwischen den Neubauten auf der Bowery.

Jeden Tag um zwölf Uhr betreten Tony Amato, Irene und ihr Ehemann John die Truhe. Irene und John sollen einmal die Oper vom mittlerweile 87 Jahre alten Tony übernehmen; sie sind die Küken der Familie. John ist 67, Irene 54. »John, ich brauch dich hier unten!«, tönt es knarzend aus der Gegensprechanlage in Irenes Verschlag. Tony Amatos Mittagsschlaf ist beendet.

Tony will den ersten Akt der Aufführung vom nächsten Sonntag proben. Dazu braucht er Rodolfo, den Schriftsteller, Marcello, den Maler, Colline, den Philosophen, Schaunard, den Musiker, und Mimi, die Näherin. Aber bis jetzt sind nur Mimi und Rodolfo eingetroffen. »Es ist niemand hier!«, ruft es aus der Gegensprechanlage. Gleichzeitig klingelt das Telefon vor Irene. »Wo bist du?«, fragt sie. »Am West Side Highway? Alle warten auf dich!« Colline steckt im Berufsverkehr.

La Bohème war die allererste Oper, die Tony an der Bowery aufführte. Es ist die Geschichte von vier brotlosen Künstlern, von denen sich einer, Rodolfo, in die Näherin Mimi verliebt. So wie sich der junge Tony Amato in die Näherin Sally verliebte, die wie er von der Oper träumte. Rodolfo verliert Mimi im vierten Akt an die Schwindsucht. Sally ist vor sieben Jahren an Krebs gestorben.

Während der ersten Aufführungen von La Bohème rieselten noch Haferflocken als Schnee auf die Bühne. Als Wochen später dabei eine Maus mit auf die Bühne fiel, stellte Tony notgedrungen auf den teureren Papierschnee um. Er wird nach jeder Show sorgsam aufgekehrt, gesäubert und wiederverwendet. »Das sollte ich Ihnen wahrscheinlich gar nicht erzählen«, sagt Irene verlegen und hebt einen krummen Nagel vom Boden auf. Man kann sie denken hören: »Wenn man den gerade haut, kann man ihn gut noch einmal verwenden.«

Über eine Wendeltreppe gelangt man vom ersten Stock hinab auf die Bühne und in den dunklen, vier Quadratmeter großen Orchestergraben. Wobei das Kabelgewirr und die schräg hängenden Mischpulte dort eher an einen Piratensender erinnern. »Hier ist Platz für einen Pianisten, das heißt: die Frau, die den Synthesizer spielt, und für sieben Bläser«, sagt Irene. Sie weiß, dass man ihr das nicht glaubt, bis man es selbst gesehen hat. Streicher gibt es keine, ihre Armbewegungen brauchten zu viel Platz. »Wir hatten vor Jahren mal eine neue Oboe, die gerade rechtzeitig zur Vorstellung kam, es war Faust«, erzählt Irene. »Wir gaben ihr die Partitur, und es ging sofort los. Irgendwann kam sie an die Stelle, wo über den Noten ›nach rechts lehnen‹ steht. So eine Anweisung hatte sie noch nie gelesen. Die Klarinette konnte die Oboe dann gerade noch nach rechts reißen. Neben ihr war nämlich die Klappe, durch die Faust in die Hölle fährt.« Die Oboistin hat die Höllenfahrt überlebt, die Oboe leider nicht.

1964 kaufte der Fleischverkäufer Tony Amato das Haus an der Bowery. Da war er 44, und es war schon sein zweiter Versuch, ein Opernhaus zu gründen. Die erste Amato Opera hatte er 1947, mit 27 Jahren, nur ein paar Straßen weiter in der Bleecker Street gegründet, als auch diese Gegend noch verkommen war. Aber das Theater war mit seinen 300 Plätzen so groß, dass die Gewerkschaft Tariflöhne für die Mitarbeiter verlangte, die Tony nicht zahlen konnte. Also ließ er gratis spielen und hinterher den Hut herumgehen. »Ich habe nie so viele Knöpfe und Hutnadeln besessen wie damals«, sagt Tony auf einem kleinen Hocker neben der Bühne. Neun Jahre lang hielt er die Oper hauptsächlich mit privatem Musikunterricht am Leben, dann musste er schließen.

1927, mit sieben Jahren, war Tony Amato mit seiner Familie von der Amalfiküste nach New York gekommen. Seine vier Brüder wurden alle Musiker, doch Tony sollte das Geschäft übernehmen. Und so arbeitete er zuerst im kleinen Familienrestaurant, sah zu, wie der Vater mit einem größeren Restaurant sein Geld verlor, und half dann in der neu eröffneten Fleischerei. Die ganze Zeit träumte er dabei von der Oper, und irgendwann ließ ihn der Vater ziehen. Tony fing bei einer Operntruppe an und wurde Direktor des neu gegründeten American Theater Wings, eines Auffangbeckens für Soldaten, die aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkamen und keinen Job mehr hatten. Er brachte ihnen das Singen und Schauspielern bei und dirigierte nebenbei Das Land des Lächelns von Franz Lehár in der Carnegie Hall, mit Rudolf Schock und Anneliese Rothenberger in den Hauptrollen. »Dass die Rothenberger aus einer Laune heraus ein nagelneues Kostüm forderte, das auch umgehend für 2000 Dollar Leihgebühr besorgt wurde, fand ich ungeheuerlich«, sagt Tony Amato.

Nachdem er die Oper an der Bleecker Street verloren hatte, machte er das, was ein Mann macht, wenn ihn eine große Liebe verlässt. Er tröstete sich mit dem, was in seiner Welt einem teuren Auto gleichkommt: einem kompletten Opernorchester. Doch nie konnte er die großen Säle füllen, die er bespielen musste, um seine Kosten zu decken. Bald ging ihm das Geld aus. Seine letzte Chance war, es ganz klein zu versuchen.

»O so-a-ve fan-ciul-la«, gurgelt Tony mit seinen Sängern mit. Auch Colline hat es mittlerweile durch den Verkehr geschafft. »Guck ihr in die Augen, nimm ihre Hand.« Tony Amato zeigt Rodolfo, wie er sich die Liebe auf der Bühne vorstellt. »Und ihr da unten, das war zu schnell, ba-ba-ba-baaa, nicht babababa.« Ein Dirigent dirigiert die Musiker, aber Tony dirigiert den Dirigenten. »Also noch mal, Kinder. Los!« Seine knochigen Finger klopfen den Takt.

Als Tony Amato die Oper an der Bowery eröffnete, wusste er, dass er nur überleben kann, wenn die Sänger sie als Versuchsplattform nutzen. Über hundert bewerben sich jedes Jahr bei ihm. Erik Kroncke, der den Colline singt, ist einer der geübteren Künstler, die Amato aus Solidarität unterstützen. Er kommt gerade aus Houston zurück, wo er den Don Bartolo in der Hochzeit des Figaro gegeben hat. Das nächste Engagement hat er im Januar, das lässt ihm Zeit für drei Auftritte bei Tony Amato.

Neben Kroncke stehen heute Daniel Rothstein, ein Anwalt von der Upper West Side, und der Webdesigner Greg Kass auf der Bühne. Rothstein hat mit dem Singen angefangen, als er tief in einer Lebenskrise steckte. Kass hofft, dass er irgendwann einmal mit dem Singen seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Der Zuschauerraum ist jetzt gut gefüllt mit jungen Leuten mit dicken Schals, die auf ihre Chance warten. Mit aufgeschlagenen Libretti singen sie leise ihre Rolle mit. An der Amato Opera wechselt laufend die Besetzung, weil die meisten nur nebenbei singen. 16 Besetzungen gibt es allein für La Bohème. Einmal nur wird geprobt, dann ist Vorstellung. Die Neulinge lernen die Rolle zu Hause mit der DVD einer Aufzeichnung – und eben durchs Zuschauen bei den Proben der Vorgänger.

Colline hat jetzt Pause. Er setzt sich in die letzte Reihe des Zuschauerraums und packt ein Sandwich aus. An den Wänden stehen CDs und Schallplatten, die Besucher gespendet haben. Die Amato Opera verkauft sie für fünf Dollar. »Viele professionelle Sänger verschweigen die Amato Opera in ihren Bewerbungen«, sagt Kroncke. »Weil Tony sehr konventionell inszeniert. Nichts, was heute modern wäre.« Amato baut gerne etwas Slapstick ein oder spielt auf Werbeslogans an, die kaum mehr jemand kennt. Auch die Stars, die es von der Amato an die Metropolitan Opera geschafft haben, sind aus vergangenen Zeiten. Sie heißen Nico Castel, George Shirley, Mignon Dunn. Nur Neil Shicoff kann man noch an der Met singen hören. »Einige Kollegen haben mir davon abgeraten, in der Amato Opera zu singen«, sagt Erik Kroncke. »Ich glaube, keiner von denen kennt Tony.«

Über zwei Millionen Dollar haben Immobilienhändler Tony Amato schon für das kleine Haus an der Bowery geboten, das er einst für 22000 Dollar gekauft hat. Er lehnt jedes Mal ab. Und so verlässt er weiterhin jeden Morgen sein bescheidenes weißes Holzhaus auf City Island, einer kleinen Insel im Long-Island-Sund, die zur Bronx gehört, frühstückt in einem Diner, erledigt Bürokram, macht ein wenig Gymnastik, kocht Pasta fürs Mittagessen und einmal im Monat für die ganze Truppe, dann fährt er in die Amato Opera. Seit sechzig Jahren macht er das so. Seit sechzig Jahren gibt es nichts anderes für ihn als die Oper. Deshalb kommen die Sänger zu ihm. Deshalb hat ihn Irene vor gut dreißig Jahren verlassen.

Irene sitzt wieder hinter ihrem Holzverschlag. Ihre langen grauen Haare sind zu einem Zopf zusammengebunden. Seit sie denken kann, sagt sie, stand sie mit auf Tonys Bühne. Zuerst als Babykomparsin, zuletzt als Mezzosopran. »Ich dachte damals, dass mir eine ganze Welt entgeht, wenn ich die Amato Opera nicht verlasse. Also bin ich nach Italien gereist. Nur um festzustellen, dass es die Intensität, mit der es in der Oper um Liebe, Eifersucht und Tod geht, im echten Leben nicht gibt.« Also kam sie zurück.

Sechzig Opern hat Tony Amato im Repertoire, und schon lange wurde keine neue mehr eingeübt. Irene hat Tony immer wieder darum gebeten, mal etwas Moderneres einzustudieren. Aber Tony hat es nie erlaubt. Mittlerweile hat sie es aufgegeben.

»Ich hasse es, wenn man das Original verunstaltet«, sagt Tony und lächelt dabei sein Johannes-Heesters-Lächeln, als machte er ein Kompliment. Die Proben sind beendet, es ist kurz vor 22 Uhr, er packt zusammen. »Warum soll man das Gefühl, das der Komponist mit seiner Musik erzeugen wollte, zerstören nur um eines Effektes willen?« Er denkt an Rent , die erfolgreiche Broadwayversion von La Bohème, und es graust ihm bei der Vorstellung, dass seine Mimi von Aids niedergestreckt wird.

Sonntag, 14.30 Uhr, die Amato Opera ist ausverkauft. Es klingelt zum dritten Mal. Wer schon einmal in der Metropolitan Opera war, muss jetzt schmunzeln. Dort wird vor jeder Vorstellung ein riesiger Lüster bis ganz unter die Decke gezogen. In der Amato Opera setzen sich stattdessen rechts und links der Bühne zwei kleine fünfarmige Leuchter in Bewegung. Drehend und wankend, wie ein Kind, das die Stöckelschuhe der Mutter ausprobiert und alle damit bezaubert.

Information© ZEIT-Grafik BILD

Amato Opera:
319 Bowery, Tel. 001-212/ 2288200, www.amato.org . »La Bohème« läuft bis zum 13. Januar jedes Wochenende. Dann steht »Don Pasquale« von Donizetti auf dem Programm, danach »Il Trovatore« von Verdi und ab Mai Mozarts »Così fan tutte«. Eintritt: 35 Dollar; Senioren, Kinder, Studenten 30 Dollar. »Opera in brief« zeigt Opern für Kinder, auf 90 Minuten zusammengefasst. Immer samstags um 11.30 Uhr. Eintritt: Kinder 15, Erwachsene 20 Dollar

Restaurant:
Marion’s Continental, 354 Bowery, nahe 4th Street, Tel. 001-212/4757621, http://marionsnyc.com . Mo–Sa 17.30–2 Uhr, So 12–24 Uhr. Marion’s ist ein typisches New Yorker Bar-Restaurant im Fünfziger-Jahre-Stil, in dem man all die Gestalten sieht, die die Bowery und das East Village bevölkern, wenn die Sonne untergegangen ist: Dragqueens und Künstler, Spike Lee und Christina Ricci. Großartige Cocktails und Desserts

Museum:
New Museum of Contemporary Art, 235 Bowery, Tel. 001-212/2191222, www.newmuseum.org

Auskunft:
New York City & Company, c/o Aviareps Tourism, Tel. 089/55253399, www.nycvisit.com

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