Seine Hand drückt auf die Bremse. Der gelbe Polo hält auf dem Parkfeld, hinter dem das persönliche Nummernschild angebracht ist. BO steht drauf – für Bochum. Dahinter OG für Onur Güntürkün. Die Initialen, behauptet der Professor voller Koketterie, habe er aus Angst gewählt, das Kennzeichen zu vergessen: "Es wäre mir zu peinlich, würde mein Auto gestohlen und ich könnte der Polizei die Nummer nicht nennen." Auch eine idiotensichere Zahl hat er ausgesucht; die 18 auf dem Schild steht für 18. Juli. Immerhin den eigenen Geburtstag könne er sich merken, sagt Güntürkün, der sich beruflich mit nichts anderem beschäftigt als dem Gehirn und dessen Leistungen.

Der Biopsychologe schaut in die Köpfe von Tier und Mensch und ergründet, "wie Denken aus Zellen entsteht". Mit 14 Mitarbeitern untersucht er, wie biologische Strukturen das Denken und Verhalten beeinflussen. Und umgekehrt: wie psychologische Vorgänge auf die biologische Struktur zurückwirken. Was herauskam, machte oft Schlagzeilen: Frauen können genauso gut Stadtpläne lesen wie Männer – aber nur, wenn sie gerade menstruieren. Um den 20. Tag ihrer Periode herum versagt ihr Orientierungsvermögen kläglich. Menschen drehen beim Küssen in zwei von drei Fällen den Kopf nach rechts. Und wie nehmen Rotkehlchen das Erdmagnetfeld wahr? Sie sehen es – mit dem rechten Auge. Außerdem machte er sich bei Delphinfreunden unbeliebt, als sein Labor im Gehirn der angeblich genialen Meeressäuger keine Anlagen für höhere Denkleistungen fand.

Er klammert sich an der Autotür fest, mit der zweiten Hand hält er den Rollstuhl. Kraftvoll schwingt er sich heraus. Dann setzt er die Beine an ihren Platz, knallt die Tür zu und fährt los auf seinem rollenden Stuhl. "Gehen Sie hinter mir, damit Sie nicht überfahren werden", sagt er und beschleunigt.

Der 49-Jährige ist ein professorales Energiebündel, das vom vielen Glück in seinem Leben schwärmt. Güntürkün weiß, dass er damit sein Gegenüber irritiert. Denn im ersten Moment registrieren die meisten zunächst sein Handicap, im zweiten seinen Migrationshintergrund. Danach erst erschließt sich die Erfolgsgeschichte des Bochumer Forschers, der Weihnachten wieder einmal erhält, was ihm häufig beschert ist: einen Preis. Diesmal ist es die türkische Forschungsgemeinschaft, die ihm in der nächsten Woche in Istanbul den Tübitak-Sonderpreis 2007 verleiht. Es ist auch nicht das erste Mal, dass er für eine Ehrung an den Bosporus reist. Die Istanbuler Universität ernannte ihn zum Ehrendoktor, als Auszeichnung für "seine aktive Vermittlung zwischen den akademischen Kulturen der Türkei und Deutschlands". Der Forscher mit den zwei Pässen ermöglicht Doktoranden Gastaufenthalte in Istanbul und holt türkischen Nachwuchs nach Bochum. Auch hierzulande hat er sich mit seiner Arbeit einen exzellenten Ruf erworben; er sitzt in Fachgremien der Deutschen Forschungsgesellschaft und ist Mitglied der Leopoldina, der Deutschen Akademie der Naturforscher.

Dann sagt er noch so einen Satz, diesmal ohne zu kokettieren: "Ich werde geistig überschätzt." Hieße er Müller und sähe aus wie der Nachbar von nebenan, würde er bei Preisvergaben eher vergessen werden: "Rollstuhl plus Name führt zu einem extrem großen Signal-Rausch-Abstand."

Er lenkt seinen fahrbaren Untersatz zu einer langen Rampe ("Der Lift ist zu umständlich"). Die Rampe führt zur Biopsychologie und ist nicht für Menschen gedacht. Allein für Autos. Eine mordsgefährliche Abfahrt! Wie ein Rallyepilot, beschleunigt von der Schwerkraft, saust Güntürkün in die Tiefe. Nur im Laufschritt kommt man hinterher.

Damals, 1962, hatte er unvorstellbares Pech gehabt. Um ein Haar wäre der vierjährige Onur vor Kinderlähmung gefeit gewesen, denn zwei Impfspritzen hatte er erhalten; nach der dritten wäre er immunisiert gewesen. Wäre. Doch er spazierte mit den Eltern am Schwarzen Meer und schnitt sich an einer Glasscherbe. Ärzte verabreichten ihm eine Tetanusspritze, und diese war "vermutlich infiziert". Güntürkün erkrankte schwer. Fast hätte er die Kinderlähmung nicht überlebt.

Als Sechsjähriger kam er mit seinen Eltern zur Therapie nach Deutschland. Erst neun Jahre später zog die Familie wieder nach Izmir. Für das Psychologiestudium kehrte er nach Deutschland zurück. Seit 1993 lehrt er in Bochum. Er ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Söhne und sagt: "Ich bin ein gelungenes Beispiel für Integration."