Ganz plötzlich springt Wachtmeister Patrick Haim auf, rückt seine Brille zurecht und starrt angestrengt in die Dunkelheit. Zwei schemenhafte Gestalten nähern sich seinem Posten. Der Atem der beiden dampft in der klirrenden Kälte. »Halt! Grenzraumüberwachung!«, ruft Haim. Ein Ehepaar aus dem Osten, das nach Österreich will? Tschetschenen? Rumänen? »Eigene«, tönt eine gelangweilte Männerstimme. Im Militärjargon heißt das: Wir sind auch Soldaten. Gruppenkommandant Latzenhofer und Rekrut Rössler haben ihren Posten verlassen und streifen durch den Wald, auf der Suche nach »Illegalen«.

Kittsee, ein 1800-Seelen-Nest im Nordburgenland direkt neben der slowakischen Grenze, ist ein Dorf wie viele andere im südöstlichen Bundesland: Nahezu alle Häuser stehen an der Hauptstraße. Die Bauten wirken geduckt – höchstens zweistöckig, flache Dächer, heruntergelassene Rollos. Gleich dahinter liegt die Außengrenze der Europäischen Union mit ihren Hunderten von Wachposten. Acht davon gehörten zum Stützpunkt Kittsee. Es sind winzigen Holzhütten, Hochsitze oder Achtmannzelte. In Zweiergruppen streifen die Soldaten hier durch die Nacht und achten darauf, dass niemand ihr sieben Kilometer langes Grenzstück illegal übertritt.

Bald allerdings zum letzten Mal. Grenzsoldat in Österreich ist ein Job ohne Zukunft: Am 21. Dezember um 24 Uhr werden die Schengen-Außengrenzen erweitert. Dann sind die Slowakei, Polen und Slowenien für die Grenzsicherung verantwortlich. Die 16 Soldaten, die in dieser Nacht in Kittsee ihren Dienst versehen, beenden ein 17jähriges Kapitel in der Geschichte des Österreichischen Bundesheeres. Danach läuft der sogenannte Assistenzeinsatz Neu. Die Zahl der Soldaten wird drastisch reduziert, die Posten an der Grenze werden aufgelöst und das Heer darf beim Grenzschutz lediglich assistieren. Den Job von Wachtmeister Haim werden dann Polizisten übernehmen.

Ein paar Nächte muss er allerdings noch durchhalten. Das Thermometer zeigt minus vier Grad. Der schneidende Wind macht die Luft noch kälter. Mit klammen Fingern holt sich Haim eine Marlboro aus der Jackentasche und zündet sie an. Drei bunte Wegwerffeuerzeuge hat er mitgebracht – zur Sicherheit. Auf Zigaretten möchte er nicht verzichten.

Kurz nach Mitternacht. Der 24-jährige Berufssoldat Haim ist gerade mit Aufwärmen dran und darf sich in das kleine Holzhaus verziehen, das die Postennummer 224 trägt. Drinnen steht ein kleiner Ofen. Auf einem Tisch gegenüber der Tür liegen Bananen, eine Packung Aspirin C. Daneben steht eine Thermoskanne mit Himbeertee. Während Haim sich ausruht, hält der Grundwehrdiener Stevenson draußen die Stellung. Um gegen die Kälte anzukämpfen, stapft er auf und ab. Dazwischen blickt er durch sein Nachtsichtgerät. »Ab Mitternacht vergeht die Zeit schneller«, sagt er. Seine sechs Wochen Grenzdienst, zu denen er wie die meisten burgenländischen Grundwehrdiener zwangsweise eingeteilt wurde, hat er beinahe abgesessen. Am schlimmsten seien die ersten Dienste gewesen, sagt er. Jetzt sei es erträglich. Nur der eiskalte Wind macht ihm zu schaffen. »Wenn der so richtig pfeift, denkt man die ganze Zeit nur an ein Bett, eine Decke und eine Tasse Tee.«

Zwanzig Kilometer vor Posten 224 liegt Bratislava. Dazwischen sind nur ein paar Wiesen und Äcker. Die slowakische Hauptstadt ist gut zu erkennen: ein gewaltiges Lichtermeer. Man kann sogar die beleuchteten Werbeschilder auf den Fabriken lesen, man sieht die hellen Fenster der Hochhaussiedlungen und die Burg im Westen der Stadt. In klaren Nächten erhellen ihre Lichter den Posten 224. So wie in dieser Nacht.

Die illegalen Grenzgänger warten lieber noch ein paar Tage