Was ist eigentlich Geschichte?«, fragte Sebastian Haffner in einem Vortrag im Norddeutschen Rundfunk 1972. Seine Antwort: »Nicht alles, was je geschehen ist, wird Geschichte, sondern nur das, was Geschichtsschreiber irgendwo und irgendwann einmal der Erzählung für wert erachtet haben. Erst Geschichtsschreibung schafft Geschichte. Geschichte – um es ganz scharf zu sagen – ist keine Realität, sie ist ein Zweig der Literatur.«

Geschichte als erzählte Literatur. Kaum ein Zweiter hat diesen Anspruch so ernst genommen und es hier zu so hoher Kunstfertigkeit gebracht wie Sebastian Haffner, und darin lag auch das Erfolgsgeheimnis seiner vielen Bücher, mit denen er die Zunft ein ums andere Mal herausforderte. Dabei war der vor 100 Jahren, am 27. Dezember 1907, geborene Sohn eines Berliner Schulrektors gar kein gelernter Historiker. Vielmehr hatte er auf Wunsch des Vaters nach dem Abitur 1926 ein Studium der Rechtswissenschaft begonnen – mit dem Ziel einer Beamtenlaufbahn im höheren Verwaltungsdienst. Doch Hitlers »Machtergreifung« 1933, die der angehende Jurist als Referendar am Berliner Kammergericht erlebte, vereitelte diesen Plan. Er legte zwar noch seine Assessorprüfung ab, eine Karriere im Staatsdienst kam für ihn aber nicht mehr infrage.

Stattdessen versuchte Raimund Pretzel, wie er damals noch hieß, nun als Journalist Geld zu verdienen. Er schrieb kleine, unpolitische Feuilletons für Unterhaltungsblätter wie Die Koralle oder das Modemagazin Die Dame. Eine Auswahl hat Jürgen Peter Schmied (der an einer großen Haffner-Biografie arbeitet) 2004 publiziert, und siehe da: Manche Eigenarten des späteren Schriftstellers sind bereits in diesen frühen Fingerübungen zu besichtigen, so vor allem die Kunst, dem scheinbar Bedeutungslosen Bedeutung abzugewinnen, einen Sachverhalt aus ungewohnter Perspektive zu betrachten und vermeintliche Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen. »Die meisten Gemeinplätze werden Wahrheiten, wenn man sie auf den Kopf stellt«, heißt es einmal – ein Satz, der als geheimer Schlüssel zum Verständnis des gesamten Haffnerschen Werkes dienen könnte.

Ende August 1938 folgte Raimund Pretzel seiner jüdischen Freundin und späteren Frau Erika Landry ins Exil nach England. Hier begann er, der der englischen Sprache noch kaum mächtig war, im Frühjahr 1939 mit dem Schreiben eines Buches, für das ihm der Londoner Verleger Fredric Warburg einen wöchentlichen Vorschuss von zwei Pfund zahlte. Doch seine autobiografische Erzählung Geschichte eines Deutschen blieb unvollendet. Denn bald nach Beginn des Zweiten Weltkriegs legte Sebastian Haffner, wie er sich nun nannte, das Manuskript zur Seite, um sich einem neuen Buchprojekt zuzuwenden – Germany: Jekyll and Hyde .

In Hitler erkannte Haffner frühzeitig den »Selbstmörder par excellence«

Das Erstaunen war groß, als im Herbst 2000, fast zwei Jahre nach Haffners Tod Anfang Januar 1999, die Geschichte eines Deutschen aus dem Nachlass herausgegeben wurde. Denn der Autor präsentierte sich nicht als ein Anfänger, der sich tastend seiner Möglichkeiten zu vergewissern sucht, sondern in früh vollendeter Virtuosität. Alle Elemente, die den großen Geschichtserzähler auszeichnen, sind hier bereits ausgebildet: die knappe, zupackende Sprache, die Lust an der brillanten Pointe und provokativ zugespitzten These, die Fähigkeit, mit wenigen Strichen eine Situation oder eine Person zu charakterisieren.

Noch verblüffender war die Hellsichtigkeit, mit der der Emigrant die Folgen des einzigartigen moralischen Zusammenbruchs der deutschen Gesellschaft im Frühjahr 1933 diagnostizierte. Haffner erkannte, dass die kriminelle Dynamik des NS-Regimes sich darauf richtete, im deutschen Volk Raubtierinstinkte zu wecken und sie in Mordbereitschaft gegen die Juden zu verwandeln. »Sollte dieser Versuch der Nazis – der eigentliche Kern ihrer Bestrebungen – tatsächlich gelingen, so würde das freilich zu einer Menschheitskrise allerersten Ranges führen, in der die physische Existenz der Gattung Mensch in Frage gestellt würde.« Ebendies geschah mit dem Holocaust.

Dass Haffner noch vor Entfesselung des Zweiten Weltkriegs diese Zivilisationskatastrophe hatte kommen sehen, weckte den Verdacht, seine Erinnerungen seien womöglich gar nicht 1939, sondern in wesentlichen Partien erst später, nach 1945, geschrieben worden. Alle Zweifel an der Authentizität sind jedoch widerlegt worden – nicht zuletzt auch durch das Auffinden des letzten handgeschriebenen Kapitels im Frühjahr 2002 (siehe das ZEIT- Dossier Nr. 21/02).

Germany: Jekyll and Hyde , das zweite Buch, erschien im Mai 1940 bei Secker und Warburg, zeitgleich mit dem Beginn des deutschen Angriffs im Westen. (Eine deutsche Übersetzung kam erst 1996 in einem kleinen Berliner Verlag heraus). »Vorzügliche Analyse«, lobte Thomas Mann in einer Tagebuchnotiz. Tatsächlich bot Haffner hier eine Innenansicht des »Dritten Reiches«, wie man sie so differenziert bislang nicht hatte lesen können. Dass er dabei mit Hitler begann, war kein Zufall. Denn in ihm, dem Emporkömmling, sah er die bewegende Kraft, den »Dreh- und Angelpunkt« des Regimes. Frappierend ist auch hier, wie hellsichtig Haffner bereits damals im »Führer« der NSDAP den »potenziellen Selbstmörder par excellence« erkannte, der Deutschland über kurz oder lang mit sich in den Abgrund ziehen würde.

Im britischen Exil wurde er als »feindlicher Ausländer« beargwöhnt

Viele Themen seiner späteren Bücher waren in diesem Werk bereits angeschlagen: die symbiotische Beziehung zwischen Hitler und großen Teilen des deutschen Volkes, der er in seinen Anmerkungen zu Hitler (1978) noch einmal nachspürte; die unrühmliche Rolle Preußens, die er später allerdings in milderem Licht zu sehen geneigt war (Preußen ohne Legende, 1979). Vor allem aber die Überlegung, die zu seinem Leitthema werden sollte: ob das Deutsche Reich von 1871 nicht von allem Anfang an eine Fehlkonstruktion, gleichsam »ein unpassendes Gefäß für die deutsche Zivilisation« gewesen sei. In seinem letzten großen Buch Von Bismarck zu Hitler aus dem Jahr 1987 hat Haffner die Frage nach der »ungeschickten Größe« des Kaiserreichs zum Ausgangspunkt weit ausholender Reflexionen über das fehlgeschlagene Experiment des ersten deutschen Nationalstaats gemacht.

Vor Germany: Jekyll and Hyde war Haffner in England ein Nobody, der zweimal als »feindlicher Ausländer« interniert wurde. Nach Erscheinen des Buches war er mit einem Schlage bekannt. Der britische Premier Winston Churchill war von der Lektüre so beeindruckt, dass er die Mitglieder des Kabinetts dazu verdonnerte, das Werk ebenfalls zu lesen. Das erfolgreiche Debüt öffnete Haffner die Tür zur angesehenen britischen Sonntagszeitung, dem Observer. Rasch wurde er, der inzwischen die Landessprache perfekt beherrschte (und 1948 die englische Staatsbürgerschaft annahm), zu einem der einflussreichsten Mitarbeiter des Blattes. Seine Artikel (die seit 2001/02 in zwei Auswahlbänden nachzulesen sind) zeigen den temperamentvollen Journalisten mit seiner unbändigen Neigung, seine Sicht der Dinge zuzuspitzen – auch auf die Gefahr hin, einmal übers Ziel hinauszuschießen.

1954 kehrte Haffner als Korrespondent des Observer nach Deutschland zurück. Er war häufiger Gast in Werner Höfers sonntäglicher Runde Der Internationale Frühschoppen. Was es freilich mit diesem Engländer, der ein akzentfreies Deutsch sprach, auf sich hatte, das wussten die wenigsten. Haffner war damals das, was man einen »Kalten Krieger« nannte. Nachdrücklich setzte er sich für eine Politik der Stärke gegenüber der Sowjetunion ein; die DDR erschien ihm als ein »Scheinstaat«, den man niemals anerkennen dürfe.

Der Bau der Berliner Mauer im August 1961 leitete die Wende ein. Haffner trennte sich vom Observer und schrieb nun für deutsche Blätter, vor allem für Die Welt. Zum Schlüsselerlebnis wurde die Spiegel-Affäre. Unvergessen ist sein beherzter Auftritt in der Panorama -Sendung vom 2. November 1962: »Wenn die deutsche Öffentlichkeit sich das gefallen lässt, wenn sie nicht nachhaltig auf Aufklärung dringt, dann adieu, Pressefreiheit, adieu, Rechtsstaat, adieu, Demokratie!«

Haffner wechselte von der Welt zum stern. Aus dem »Kalten Krieger« wurde ein engagierter Verfechter der »neuen Ostpolitik« und eines Machtwechsels in Bonn. Als immerhin schon Sechzigjähriger entdeckte er sein Herz für die rebellierenden Studenten. Immer wieder zitiert wird er mit seinem Kommentar zum 2. Juni 1967 in Berlin, der unter der Überschrift Die Nacht der langen Knüppel erschien. Darin verstieg er sich zu der Behauptung, dass »dieses Springer-Berlin von 1967 in der Sache, wenn auch nicht in der Form, wieder ein faschistisches Berlin geworden« sei – eine schlimme Entgleisung, und zwar umso mehr, als Haffner aufgrund seiner Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus vor dem inflationären Faschismus-Vorwurf eigentlich hätte gefeit sein müssen.

Auch in seiner radikalen Phase war er kein eigentlicher »Linker«

Ende der sechziger Jahre schrieb Haffner sein wohl provozierendstes Buch Die verratene Revolution – eine scharfe Abrechnung mit der Politik Friedrich Eberts und Gustav Noskes in den entscheidenden Monaten des Umbruchs zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik. Manche sozialdemokratischen Historiker tragen ihm diese Kritik bis heute nach, obwohl der Autor in Nachworten zu späteren Ausgaben davon etwas abrückte.

Gern übersehen wurde und wird, dass Haffner auch in seiner radikalen Phase nicht eigentlich ein »Linker« war. Er blieb im Grunde ein skeptischer Aufklärer, der zum Denken anstiften und zum Widerspruch reizen wollte. Nach seinem Ausscheiden beim stern 1975 verlegte er sich ganz aufs Schreiben historisch-politischer Bücher. Sein bescheiden Anmerkungen zu Hitler genanntes Werk von 1978 wurde ein großer Erfolg. Golo Mann feierte es in einer langen Rezension im Spiegel als »ein geistvolles, durchaus originelles und klärendes Buch«. Aber auch die sonst gegenüber Außenseitern eher zurückhaltenden Fachhistoriker zollten dem Autor Respekt.

Seit den späten achtziger Jahren wurde es still um Haffner. Alter und Krankheit hinterließen ihre Spuren. Sein letztes, als eine Art Vermächtnis konzipiertes Buch Von Bismarck zu Hitler hatte er schon nicht mehr schreiben, sondern nur auf Band sprechen können. Hin und wieder meldete er sich noch in Interviews zu Wort, ganz selten griff er selbst noch zur Feder. Als er Anfang 1999 starb, schien er fast vergessen.

Doch nach dem Erscheinen seiner Geschichte eines Deutschen war sein Name wieder in aller Munde. Fast alle seine Werke wurden neu aufgelegt, darunter auch sein wunderbares Churchill-Porträt aus dem Jahre 1967 und seine Streitschrift Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg, mit der er 1964 in die Kontroverse um die Thesen Fritz Fischers eingegriffen hatte. Vermutlich hätte sich Haffner über den plötzlichen Nachruhm gewundert. Denn jedes Aufheben um seine Person war ihm, dem »Preußen mit britischem Pass«, wie man ihn genannt hat, zutiefst zuwider. Das war ja auch der Grund gewesen, warum er von der Veröffentlichung seines Erstlings aus dem Jahre 1939 Abstand genommen hatte: Es schien ihm zu subjektiv, zu persönlich geraten.

Tatsächlich ist die Geschichte eines Deutschen nicht nur Haffners persönlichstes, sondern auch sein bestes Buch – unübertroffen in der Selbstständigkeit und Originalität der Beobachtung wie auch der seismografischen Wahrnehmung individueller und kollektiver Befindlichkeiten. Jeder angehende Historiker sollte dieses Buch kennen und daraus lernen – nicht nur, wie man Geschichte schreibt, sondern wie man ihre geheimen Botschaften jenseits der Begriffe und Theorien entschlüsselt.