DIE ZEIT: Herr Heggli, Schneemänner haben eine dicke Kugel unten, eine kleinere Kugel darüber und eine noch kleinere oben als Kopf. Ist das die einzige Möglichkeit, einen Schneemann zu bauen?

Martin Heggli: Natürlich gibt es auch andere Methoden, einen Schneemann zu konstruieren. Das sieht man bei den Schneeskulpturenbauern. Sie fertigen einen festen Schneeblock, aus dem sie die gewünschte Form herausarbeiten wie Bildhauer, die einen Holzstamm bearbeiten.

ZEIT: Welche der Bauweisen ist stabiler?

Heggli: Das lässt sich so gar nicht sagen. Bei der Kugelvariante ist es auf jeden Fall wichtig, dass man die Übergänge zwischen den einzelnen Kugeln mit Schnee verstärkt. Wenn Sie aber einen sehr dichten Schneeklotz hinkriegen und daraus einen Schneemann schnitzen, ist der sicher sehr stabil.

ZEIT: Das Verdichten scheint eine wichtige Rolle zu spielen. Kann ich das auch mit meinen Kugeln schaffen?

Heggli: Ja. Die einfachste Variante ist das Festklopfen. Man kann auch Wasser dazugeben. Dann besteht allerdings die Gefahr, dass der Schnee sehr hart wird. Dann kann man ihn nur noch mit der Motorsäge bearbeiten.

ZEIT: Weshalb kann ich Schnee überhaupt zu einer großen Kugel rollen und daraus einen Schneemann formen?

Heggli: Bei großer Kälte ist es recht schwierig, einen Schneemann zu bauen. Wie gut der Schnee klebt, hängt nämlich stark von der Temperatur ab. Das merken Sie schon, wenn Sie versuchen, aus sehr kaltem Neuschnee einen Schneeball zu formen. Der fällt einfach wieder auseinander.

ZEIT: Warum?

Heggli: Schnee muss man sich eigentlich wie einen Schwamm vorstellen, das heißt eine poröse Struktur, die aus Eis und Luftporen dazwischen besteht. Bei Neuschnee machen diese Luftporen 90 Volumenprozent aus, der Eisanteil nur 10 Volumenprozent. Auf der Oberfläche der Eiskristalle gibt es einen ganz dünnen Wasserfilm. Er sorgt dafür, dass die einzelnen Eiskristalle aneinanderkleben. Dieser sogenannte Sinterprozess geht sehr schnell. Auch bei Temperaturen unter 0 Grad Celsius ist der Wasserfilm noch vorhanden. Aber je kälter es ist, desto dünner ist der Film…

ZEIT: …und desto schlechter kleben die Teile aneinander.

Heggli: Genau.

ZEIT: Deshalb kann ich auch bei recht feuchtem Schnee relativ zügig eine große Kugel rollen?

Heggli: Ja. Den Sinterprozess kann man im Übrigen auch in einer Lawine beobachten. Ist sie in Bewegung, reißt sie große Schneemassen mit sich. Wenn sie zum Stillstand kommt, verdichtet sich der Schnee sehr schnell. Die Eisteilchen pappen aneinander, mit dramatischen Folgen für einen Verschütteten. Der Schnee wird in kürzester Zeit fest wie Beton.

ZEIT: Das ist Ihr eigentliches Forschungsgebiet?