Am Morgen des 5. Februar 2008 wird der Welt das Grab schon ausgehoben sein, einen Tag steht sie noch aufrecht, dann vergeht und verglüht sie, wird mit Asche bekreuzigt und beerdigt. Trotzdem werden an diesem 5. Februar sämtliche Kölner Tageszeitungen vom Vortag wie von einem Naturereignis berichten: Sie werden die Titelseite von aller politischen Relevanz befreien, sie räumen sie einfach leer, nur ein einziges riesiges Bild wird vom Höhepunkt finaler Lebendigkeit und Buntheit künden. Am Tag danach werden die Lebendigen, eng zusammengerückt, ihre letzten Lieder singen, die Welt wird still und stiller, am Morgen danach ist endgültig Schluss mit lustig. Seltsame Leute – darunter Prinz, Bauer und Jungfrau, die obersten Minister des Geschehens – kehren zurück in den Alltag, der humorlose Kardinal wird zur Bußfertigkeit rufen, die Gürtellinie als Äquator der Sittsamkeit wird wieder beachtet, die heidnischen Kostüme kommen in die Kiste. Das ist die Welt zwischen Rosenmontag und Aschermittwoch – es ist die Welt des Karnevals in Köln am Rhein.

Das Triebhafte, Schäumende ist längst nicht mehr das einzige Merkmal des Karnevals, wie es die legendären Saturnalien auszeichnete, die antiken Feiertage von Völlerei und Sinnenhaftigkeit. Der Karneval in Köln ist vielmehr eine Übung in radikaler Volksherrschaft, bei der alles Oben und Unten in die Balance einer allumfassenden Schunkelsucht gerät. Einander wildfremde Narren umarmen und bützen (küssen) einander, singen ohne streng intonierenden Chorleiter mundartliche Lieder (und zwar auswendig, mit allen Strophen) und preisen den hillijen (heiligen) Dom als Wahrzeichen. Die Kathedrale ist der Orientierungsturm für alle freiwillig Kenternden, die es auf eine Insel der Seligen drängt. Und es hat den Anschein, als werden es immer mehr, die im Karneval mehr sehen als nur den Anlass für einen kurzen alkoholischen Exzess. Ja gerade die so oft für ihren ziellosen Müßiggang gescholtene Jugend kann derzeit offenbar gar nicht genug kriegen vom Feiern, von Verkleidung, von der Einübung ins Eigentliche des Fastelovend und des Fasteleer (Kölsch für: Fastnacht). Karneval hat kein Programm, das eine Stechuhr kennt. Man kann und darf wahllos hinein.

Wieso ist das eigentlich so? Kommt der Karneval mit seinen hier straff organisierten, dort lässig liberalen Aspekten nicht dennoch als finster bürgerliche Angelegenheit daher, bei der Menschen Jahr für Jahr dieselben lächerlichen Kostüme anziehen, klebrigen, Mundfäule erzeugenden Bonbons nachspringen, über ältliche oder zotige Witze brüllen, in überfüllten Lokalen herumstehen, klobig gebaute Politsatiren auf Umzugswagen anstarren und Vergnügen daran finden, bei herben Minustemperaturen "Alaaf" zu rufen, bis der Kehlkopf scheppert? Mag alles sein. Trotzdem sehen die Jecken im Karneval mehr als die Summe seiner Rituale. Karneval ist eine einzige Party ohne Türsteher, eine gemütliche Love Parade, weil die Enge in den Kneipen und auf den Straßen den Körperkontakt nicht verhindert. Drink doch eene mit und stell dich nit esu aan: Selbst der Verstockte und Schüchterne taut in der Mikrowelle Karneval auf; Flüssignahrung hilft ihm dabei.

Dieses Sozialgefüge mit vielen Rechten und wenig Pflichten macht den Kölner Karneval attraktiv – und funktionsfähig. Erstes und letztes Gebot: Du sollst (dich) nicht langweilen! Wo Gesetze nicht erlassen werden, werden sie mitunter bestens befolgt. Strafverfolgung wäre sowieso unmöglich: Ein Erfolgsfaktor des Karnevals ist die unausgesprochene Offerte, dass der Jeck seine Identität beim Betreten der Karnevalszone abgeben darf. Er ist eingeladen, in den Untergrund der Verstellung abzutauchen. Die Maske ist seine Tarnkappe in einer Stadt, die zu ihrem lebendigen Adjektiv wird. Kölsch ist die Muttersprache, die im Karneval zu nationaler Verständlichkeit gelangt, kölsch ist auch des Jecken Charakter, der den Zugang zur Stadt sogar Düsseldorfern und Bergheimern ohne Einwanderungsbehörde einräumt. In dieser gelebten Humanität ist der Kölner Karneval ordnungspolitisch solider, als es seine Kritiker wahrhaben wollen, die ihm entfliehen, um etwa auf abgeschiedenen Schweizer Berghütten des Abends in stiller Runde Raclette zu bereiten.

Gleichwohl liegt die Modernität des Karnevals über Mummenschanz und Larvenspiel hinaus in seinem realistischen Spielcharakter. Karneval ist die vollendete, wenn auch zeitlich begrenzte Form des Second Life, einer künstlichen Parallelwelt, in welcher der Mensch zum Chamäleon wird, das seiner Kindheit und seinen Träumen nachhängt und in der mutierten Gestalt von allen anerkannt und gewürdigt wird. Wortlaut unter Freunden: Ich hann da jestern e nett Biensche Maja kennejeliert. Der Name der Dame, die der Freund als Biene Maja kennenlernte, tat offenbar nichts zur Sache. Cowboy, Indianer, Ritter, Clown, Teufel? Oft gesehen, jetzt selbst gespielt. Hexen? Früher verbrannt, heute Lichtgestalten am Altweiberdonnerstag, die auch dem Hässlichen Schönheit verleihen und damit die Macht des Luziferischen einklagen. Ihnen wird die Macht von den Bewohnern des Rathauses in verzweifelter Fröhlichkeit abgetreten; dabei wird die Gürtellinie für einen Tag anatomisch verschoben, wenn sich die Herren ihre Krawatte halbieren lassen und damit in ihre symbolische Entmannung einwilligen. Zu Altweiber ist die Schere das wichtigste Instrument der karnevalistischen Initiation. Wer nicht selbst schneidet, lacht sich dabei wenigstens halv kapott (halb kaputt). Die fidele Anarchie besteht darin, dass die Lizenz zu solchen Lustigtaten von niemandem erteilt wird. Man nimmt sie sich, denn es ist Karneval. Auch das Militär der rot-weißen Funken und die Gardisten stehen nur herum und schreiten nicht ein – sprechendster Ausdruck von Machtverzicht.

Dieser organisierte Ausnahmezustand ist selbstverständlich ein Widerspruch in sich, aber darin ist er unschlagbar. Er ist Blödsinn und Utopie in einem. Karneval erfüllt den Behüteten wie den Gefallenen ihren Wunsch nach Geborgenheit im Schoß der Masse. Ein bisschen Theorie gefällig: Entspringt die Lust am Karneval der Nostalgie? Ist sie Ausdruck der Postmoderne? Oder ist Karneval überhaupt retro? Ach watt, denk nit esu hingenerömm (denk nicht so hintenrum): Karneval war immer, er ist und wird immer sein. Also muss an der Sache, ahnen die jungen Jecken, etwas dran sein. Er bietet Spaß, der nicht mit gehobenem Sinn erkauft werden muss. Beim berühmten Rosenmontagszug wie bei den Veedelszöch (Stadtteilzügen) potenziert der Straßenkarneval die Demokratie zum Tollhaus. Wer nämlich auf einem Umzugswagen durch die Stadt schaukelt, ist nur deshalb ein Bessergestellter, weil er von oben joot luure kann, also optimale Aussicht aufs Fußvolk hat. Dieses krabbelnde, wimmelnde, springende, tanzende, gänzlich unangestrengte Millionenjeckentum ist der wahre Hauptdarsteller einer Theateraufführung, die als Tausendfüßler-Karawane durch die Stadt kriecht.

Die Höhner, eine von Kölns wunderbaren Gesangsgruppen, haben die Spiritualität dieses Umzugswesens vor Jahren in einen hinreißenden Slogan gepackt, unter dem sich zwischen Nonsens und Weisheit zielstrebig marschieren ließ: Die Karawane zieht weiter, dä Sultan hätt Doosch. Dieser Satz ist Unfug und Psychologie in einem, denn der Durst hält den Jecken mobil. Er steht nicht, sondern vagiert. Er taumelt. Er tanzt. Er verändert sich. Er ist unberechenbar. Dennoch sucht er immerzu die Schultern desjenigen, der in der ewigen Polonaise vor ihm zieht. Mitmachen und sich dabei geborgen und geführt wissen, weil an seitliches Entkommen ohnehin nicht zu denken ist: Das ist der Kern des Kölner Karnevals. Ideale Bedingungen für die Spaßgesellschaft jeden Alters.