Gähnen gehört zu den Körperphänomenen, über die wir erstaunlich wenig wissen. Irgendeinen Zweck muss es erfüllen, schließlich wird auch im Tierreich viel gegähnt. Das Gähnen hat eine soziale Komponente, es ist offenbar ansteckend ( ZEIT Nr. 15/98 ). Aber was hat der Körper davon, wenn wir gähnen?

Einer der größten Gähnexperten ist der amerikanische Psychologe Robert Provine von der University of Maryland, der mit seinen Studenten schon unzählige Experimente durchgeführt hat. Auch die Sauerstoffthese hat er getestet. Gähnen wir bei einer Unterversorgung mit dem Gas mehr? Dazu ließ er seine Probanden Luft mit unterschiedlichem Sauerstoffanteil atmen – von 20 Prozent, wie sie in der normalen Atemluft enthalten sind, bis zu 100 Prozent. Die Gähnrate blieb bei diesen Versuchen erstaunlich konstant bei etwa 24-mal pro Stunde. Auch als er den Sauerstoffanteil konstant ließ und die Konzentration von CO₂ erhöhte (das ist die Hauptursache dafür, dass wir in "verbrauchter Luft" müde werden), gähnten die Testpersonen nicht häufiger.

Ihre Vermutung, dass Gähnen ein Zeichen für Langeweile ist, lässt sich aber auch nicht halten. Zum Beispiel gähnen Leistungssportler vor dem Wettkampf besonders viel oder auch Fallschirmspringer vor dem ersten Sprung. Wer also in einer Sitzung vom Chef bei einem verstohlenen Gähner ertappt wird, der kann sich immer damit herausreden, dass er sich gerade auf eine besondere Herausforderung vorbereitet. Christoph Drösser

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