Eins der wichtigsten Stilmittel der komischen deutschen Zweimann-Popgruppe Zärtlichkeiten mit Freunden, kurz ZMF, stammt aus dem Theater. Es ist das Beiseite-Sprechen. ZMF spricht übers Publikum, ohne es wahrzunehmen, sie spricht übers Publikum hinweg, als wäre es gar nicht da.

Das kennt man von dem Dramatiker Thomas Bernhard. Der schickt eine seiner größten Figuren, den Theatermacher, mit folgenden Sätzen auf die Bühne: »Was, hier? In dieser muffigen Atmosphäre? Als ob ich es geahnt hätte!«

Von Bernhards »Was, hier?« lebt Zärtlichkeiten mit Freunden. Eine tiefe Enttäuschung überfällt die beiden jungen Komiker, als sie uns erblicken, als ihnen klar wird, mit wem sie es in den nächsten zweieinhalb Stunden zu tun haben werden.

Wie retten sie sich über den Abend? Entweder beleidigen sie ihre Zuschauer, oder aber sie sind selbst beleidigt. Sie sind beleidigt mit dem Kompagnon (»Wenn du Ärger machst, fliegst du raus aus meiner Band!«) oder mit dem Publikum, dem sie Blödheit und Sadismus unterstellen. Eine Mischung aus Zeigelust und Verfolgungswahn, aus Nichtkönnen und Nichtanderskönnen treibt diese beiden auf die Bühne.

»Lustig, wo sie einen manchmal hinschicken«, sagt der eine mit müdem Blick in den Saal, und »Du kannst es dir eben nicht aussuchen«, sagt der eine. Das sind insofern irreführende Sätze, als keiner sie irgendwohin geschickt hat. Sie schicken sich immerzu selbst, und sie haben es sich genau so ausgesucht. An rund 150 Abenden pro Jahr stehen sie auf der Bühne, Getriebene ihres Tourneeplans, der sie im dunklen November beispielsweise nach Pottendorf (Austria), Mettmach (dito), Brakel, Altenbeken, Lügde, Oberhausen und Bad Lippspringe und Ende November nach Dresden, Magdeburg und Mainburg (Bayern) geführt hat. Auf den letztgenannten drei Stationen begleiten wir sie in diesem Artikel, unmöglich aber wäre es, ihnen länger auf der Spur zu bleiben, sie fahren 60000 Kilometer jährlich durch die Lande, und viel Schlaf scheinen sie nicht zu brauchen. Es kann sein, dass sie beispielsweise mittwochs in Berlin spielen und donnerstags in Schwechat bei Wien, und die Fahrzeit nutzen sie dazu, Mails zu schreiben und ihre Finanzen zu ordnen. Der eine von beiden, Stefan Schramm, studiert Elektrotechnik in Dresden, der andere, Christoph Walther, studiert Sprecherziehung in Halle, aber seit ein, zwei Jahren sehen sie die Uni kaum noch von innen, ihre Karriere zieht stark an, die beiden haben 2006 ziemlich alle wichtigen Kleinkunstpreise gewonnen, den Stuttgarter Besen, das Passauer Scharfrichterbeil, den Swiss Comedy Award, den Prix Pantheon. So sitzen sie tagein, tagaus im Volvo Kombi, welcher ihre Bühnenausrüstung enthält, die Gitarre, die Trommeln, die Hocker, die Mikrofone und die Stehlampe, und fahren zum nächsten Konzert.

Wir treffen Zärtlichkeiten mit Freunden in Dresden, Kabarett Breschke und Schuch, das Viertel ist finster, in wenigen Häusern brennt Licht. Breschke und Schuch, das ist der umgebaute Maschinensaal der ehemaligen sächsischen Landesdruckerei, ein Art-déco-Gebäude von 1918, und im Saal zeigen Markierungen an den Wänden, wie hoch die Elbflut 2002 hier gestanden hat.

Für Schramm und Walther ist dies ein Heimspiel, die beiden stammen selbst aus Sachsen, aus Riesa, und Künstler und Publikum weiden sich an diesem Abend an den Eigenarten ihrer Sprache und Stammesmentalität. »Ihr hättet ja bei uns über die Elbe fahren können«, sagt Christoph Walter, in Anspielung auf die neue Dresdner Elbbrücke, »aber man hätte mal fragen müssen.« Dann schickt er ein schneidendes »Verwirkt!« hinterher.

Die beiden tragen Perücken, und auf der Bühne geben sie sich Frauennamen. Stefan Schramm heißt auf der Bühne Ines Fleiwa, und Christoph Walther hört auf den geheimnisvollen Künstlernamen Cordula Zwischenfisch. Zwischen beiden herrscht eine klare Rollenteilung. Schlagzeuger Cordula führt das Regiment (»Nu wieder ruff nach C-Dur, sonst gehen die Leute mit so’m blöden Akkord heem!«), Gitarrenspieler Ines gehorcht. Der eine erklärt die Welt, der andere versucht staunend, sie zu begreifen.

Die beiden sind ein inniges Paar, an ihre Instrumente gefesselt und durch die Instrumente voneinander getrennt. Einmal, bevor sie ein Lied spielen, nehmen sie Abschied voneinander mit einem zarten, fragenden »Bis dann?« – als sei ungewiss, ob sie sich nach dem Applaus je wiedersehen werden. Sie gehen auf die Bühne wie zwei Bombenentschärfer oder Atlantikschwimmer – als sei der Auftritt etwas Wildes, Tosendes, worin Männer wie sie einander zwangsläufig verlieren werden. Das Publikum ist ein diffuses, tendenziell unfreundliches Element, das man abzuwehren beziehungsweise zu befahren wissen muss.

Ziemlich am Anfang des Abends bringen Zärtlichkeiten mit Freunden ihre spektakulärste Nummer, den trommelnden Lenin. ZMF waren damit schon im Fernsehen, bei Raab und in Ottis Schlachthof, es ist eine sensationelle Nummer, so verblüffend und beglückend beim ersten Erleben wie Chaplins Brötchentanz.

Christoph Walther zieht also seinen Bühnenblazer aus und verkehrt herum wieder an, Stefan Schramm knöpft ihm die Jacke auf dem Rücken zu. Dann setzt sich Walther rücklings zum Publikum hinter sein Schlagzeug, zerrt sich eine Lenin-Maske über den Hinterkopf, und spielt nun, als Lenin, mit dem Rücken zu uns, das Schlagzeug zu Steve Millers Song The Joker.

Es ist ein Moment von gespenstischer Komik: Wir sehen eine hämmernde, um 180 Grad verdrehte Entertainer-Larve, Lenin, den blinden, grinsenden Galeerentrommler der Weltgeschichte. Spätestens mit dieser Nummer hat ZMF gewonnen, wer das einmal gesehen hat, wird es nicht mehr vergessen, sie können sich für den Rest des Abends alles erlauben.

Um halb zwölf ist nach etlichen Zugaben die Vorstellung aus, Walther und Schramm laden ihre Ausrüstung in den Volvo, Schramm wird um 2 Uhr zu Hause sein, um 6 aufstehen und um 7 Uhr seinen Sohn zur Schule bringen, dann zum Zahnarzt nach Leipzig fahren wegen einer Wurzelbehandlung, dann Bürokram erledigen – und am Abend treffen wir uns wieder in Magdeburg.

Wir sind im Gesellschaftshaus am Klosterberggarten, und es ist ein völlig anderes Publikum im Saal. Anstelle von Anoraks, Parkas, Jeans sieht man nun: Kostüm, Krawatte, Einstecktuch, Brosche, ältere Herrschaften, Silberhochzeiter, und dazwischen gefönte Jungherren mit Krawattennadel und hungrigem Blick: Die HypoVereinsbank bittet zur geschlossenen Veranstaltung. Genauer: zur »Highlightveranstaltung«.

Es gibt eine kleine Rede vorab von der Filialleiterin. In Kürze geht die Rede so: »Liebe Kundinnen und Kunden … freue mich, dass Sie doch so zahlreich erschienen sind … möchte ich die Gelegenheit nutzen, kurz das Jahr 2007 aus banktechnischer Sicht Revue passieren zu lassen … Zinsen sind langsam, aber sicher gestiegen … Die neue Abgeltungssteuer steht für uns alle in den Startlöchern … wir sind für Sie da … ich empfehle Ihnen: Treffen Sie sich kurz vor oder nach dem Jahreswechsel mit uns.«

Das kann man als nachrangig Auftretender nur schwer übertreffen. Hailait-Veranstaltung! Hinter der Bühne sitzen die beiden Künstler und schneiden mit, wie sie alle ihre Auftritte mitschneiden, und vielleicht fließt die Rede mal in ein späteres Programm ein. Es müsste ihnen jetzt eigentlich bange sein. Das Publikum, das ihnen bevorsteht, ist ans Fernsehkabarett gewohnt, ans handelsübliche Eindreschen auf Spitzenpolitiker, und das hat ZMF nicht im Programm. Vielmehr handelt ihr ganzer Auftritt von der Unmöglichkeit aufzutreten. Die beiden Herren unter ihren Spaßperücken sind viel näher bei Beckett (Samuel) als bei Barth (Mario), sie sind von Beginn an am Ende, und Vladimir und Estragon (aus Warten auf Godot) und Hamm und Clov (aus dem Endspiel) sind ihre geheimen Mentoren. ZMF gehört in die Riege der aneinander geketteten Männer des absurden Theaters.

Doch sie überzeugen auch ihr Magdeburger Publikum. Sie haben nämlich Autorität.Das liegt vor allem an Christoph Walther als Cordula Zwischenfisch. Der Drummer hat ein Kinn, welches so spitz ist wie ein Kinderspaten, und er hat den stechenden Blick des Fanatikers. So einem stellt man sich nicht in den Weg. Er ist über sein Schlagzeug gebeugt wie ein grimmiger Uhrmacher, dem das Uhrwerk unter den Fingern zerbröselt. In Glücksmomenten aber strafft er sich, dann sitzt er hoch auf seinem Hocker, ein zungenschnalzender Kutscher, mutwillig und feurigen Blicks, bereit, jeden niederzuwalzen, der sich dem Projekt »Rock ’n’ Roll für Deutschland« in den Weg stellt: Let the good times gefälligst roll! Shake your body, jezze!

Popmusik als Medium eines tiefen deutschen Im-Recht-Seins: Hier ist einer, der von der Welt will, dass sie in seinem Takt marschiert. Letztlich aber, das ist die Tragik, hat er nur einen, der in seinem Takt marschiert, den armen Kerl an der Gitarre. Dieser, Herr Ines, ist mit seinem engelhaften Lächeln der sanfteste, duldsamste und verlegenste aller Rocker. Vom Drummer lässt er sich in die finstersten Ecken Deutschlands peitschen – Mündel, Sklave und Sündenbock seines Herrn.

Gemeinsam wirken sie wie Missionare, die den Auftrag haben, noch die ärmsten Gemeinden an die Pop-Grundversorgung anzuschließen. Und dann schnell weiter, fort, raus hier!

Als sie nach der Magdeburger Vorstellung in ihre Umkleidekabine kommen, sind die versprochenen Brötchen und das Bier schon weg, der Catering-Zuständige hat die Garderobe besenrein verlassen und ist mit den Sachen, damit nichts wegkommt, nach Hause gegangen. Schließlich hatte der Hausmeister gemahnt, um 22 Uhr müsse das Haus leer sein, denn dann werde die Alarmanlage scharf.

Dritter Abend, Süddeutschland. Mainburg hat 14.000 Einwohner und liegt im größten Hopfenanbaugebiet der Welt, aber auch im nördlichen Anfluggebiet des Münchner Flughafens. Man ist im Hinterland und hat doch müde Großstädter im Saal, die in ein paar Stunden schon wieder raus müssen zur Frühschicht von BMW.

Christoph Walther hat sich, nach achtstündiger Autobahnfahrt, informiert über die Eigenarten des Ortes und herausgefunden, dass es in jüngerer Vergangenheit verkehrspolitische Wallungen gegeben hat. Die einzige Ampel Mainburgs wurde durch einen Kreisverkehr ersetzt, das hat vor allem die örtliche Fahrschule empört, denn die braucht eine Ampel, um die Fahrprüfungsaufgabe »Anfahren an grüner Verkehrsampel« abarbeiten zu können. Der Kreisverkehr wird zu einem zentralen Begriff des Abends.

Der Festsaal, in dem sie spielen, hat in dieser Saison schon Oscar Wildes Gespenst von Canterbury und Paul Maars Eine Woche voller Samstage gesehen, aufgeführt von der örtlichen Laienspieltruppe. Früher hat das Haus einmal Emmy-Göring-Heim geheißen, und wirklich unsterblich ist Mainburg, weil hier Alois Brummer zur Welt kam, seines Zeichens Pornokönig der siebziger und achtziger Jahre. Das alles wissen Herr Walther und Herr Schramm, aber das bauen sie nicht ein. Sie könnten es aber tun. Sie sind vorbereitet.

Mainburg hat ein tolles Comedy-Publikum, die Stimmung ist bestens, 150 Leute amüsieren sich, und der mitreisende Rezensent staunt, wie sehr auch das vermeintlich Beiseite-Gebrabbelte und Zufällige im Programm sich beim dritten Zuhören als fester Bestandteil herausstellt, wie wenig »Spiel« dabei ist und wie viel Ordnung und Struktur. Der ganze Abend, so erscheint es ihm nun, ist eine Folge von ausgehärteten Schnapsideen, die sich, zum Teil seit Jahren, den Charme des frisch Erfundenen erhalten. So auch der Streit, den die beiden zum Schluss inszenieren: Der Gitarrist besteht darauf, Heart of Gold von Neil Young als Zugabe zu spielen, der Drummer findet den Song scheiße und baut linkshändig schon sein Instrument ab, das er rechtshändig noch spielt. Während sich der Gitarrist noch am eigenen Spiel berauscht, desertiert der Drummer auf offener Bühne schon seitwärts aus der Band. Das ist wieder Endspiel, Hamm und Clov zwischen Schlagzeug und Gitarre: Verlässt du mich? Bricht heute die Band auseinander?

Das wird sie nicht. Der Terminkalender der Band ist mit gelbem Marker ausgemalt bis zum Totensonntag 2008. Stefan Schramm und Christoph Walther werden Deutschland noch besser kennenlernen, seine Kreisverkehre und Kleinbühnen.

Ein paar Tage nachdem er Zärtlichkeiten mit Freunden begleitet hatte, ging der Schreiber dieses Artikels in ein Pop-Konzert in der Hamburger Colorline Arena. 12.000 Leute waren da. Wie lange müssten ZMF unterwegs sein, um so viele Leute zu erreichen? Sie müssten hundert Tage lang auf Tournee gehen. Hundert voll besetzte Festsäle, Kulturscheunen, Gaststättenhinterzimmer und Vereinsheime voller ZMF-Fans könnten geschmeidig in die steilen Tribünen der Colorline Arena hineinmontiert werden, ehe sie voll wäre.

Aber Reichweite ist das eine, Zufriedenheit das andere. Christoph Walther und Stefan Schramm wirken auf ihre lakonische, gedankenschnelle, unprätentiöse sächsische Art nicht nur zufrieden, sondern geradezu gefestigt und auf dem besten Weg.

Es gibt einen schönen sächsischen Witz, der so geht: Während einer Vorstellung in der Dresdner Semperoper bekommt ein Zuschauer oben auf dem Balkon Durst, er hat sich eine Thermoskanne mit Kaffee mitgebracht, die er aufschraubt und auf die Balkonbrüstung stellt. Da wird er vom Bühnengeschehen so in den Bann gezogen, dass er seine Ellbogen auf die Brüstung legt und, ohne es zu merken, die Thermoskanne umstößt. Als sich der Inhalt der Kanne schon zur Hälfte ins Parkett ergossen hat, ruft von unten eine Stimme: »Nich alles uff eenen! Sie müssen n’ bissel schlenkern!«

Genau das tun Zärtlichkeiten mit Freunden. Sie leisten geistige Grundversorgung, Humorversorgung. Sie schlenkern. Und wir wünschen ihnen (und den Deutschen), dass irgendwann alle was davon mitbekommen.

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