Ein früher Vormittag im November, der erste Schnee hat die Giebel und Kathedralen der Stadt gepudert. Im Maximilianeum, wo einst die Pagen des Königs geschult wurden und nun der bayerische Landtag tagt, kann man die neue Hackordnung der CSU besichtigen. Vorn in der Ministerbank grüßen sich alte Bekannte; in der Reihe dahinter sitzen ein paar auffallend junge Frauen. Edmund Stoiber kommt zu spät und stolpert leicht, als er seinen Platz rechts außen in der ersten Reihe der CSU-Fraktion einnimmt. Am Rednerpult steht Günther Beckstein, der Ministerpräsident; in den Händen hält er das Manuskript seiner ersten Regierungserklärung.

Um die Durchlässigkeit des bayerischen Schulsystems zu illustrieren, erzählt Beckstein eine kurze Geschichte: »Ein junger Mann hat den Realschulabschluss erworben, eine Ausbildung in der Verwaltung gemacht und gearbeitet. Nach neun Jahren hat er das Abitur nachgeholt und Volkswirtschaft studiert. Heute ist er CSU-Vorsitzender und bayerischer Finanzminister. Das zeigt doch: Wer Talent hat, macht seinen Weg.«

Die Abgeordneten lachen, doch die Geschichte ist heikel. Sie handelt von Erwin Huber. Der hätte sie selbst wohl nicht erzählt, denn Huber spricht selten über seinen Lebensweg, der ihn, das uneheliche Kind einer Tagelöhnerin, von einem Einsiedlerhof in Niederbayern hinauf in höchste Staatsämter geführt hat. Schon gar nicht wirbt er öffentlich mit seiner Karriere. Wer es wie er aus ärmlichen Verhältnissen nach ganz oben geschafft hat, stellt seinen Aufstieg entweder demonstrativ aus mit dicken Zigarren oder geliehenen Luxusjachten, was Hubers Sache nicht ist. Oder er verschließt, was ihn geprägt hat, in seinem Herzen.

Becksteins Lob hätte deshalb leicht gönnerhaft klingen können, zumal ihn sein eigener Bildungsweg schnurgerade von der Volksschule über das Gymnasium zum Doktor des Rechts geführt hat. Doch Huber spielt mit – gegen Lob kann man nichts machen – und bedankt sich mit einer angedeuteten Verbeugung. Später ist er der Erste, der dem Ministerpräsidenten zu seiner Rede gratuliert. Ein kräftiger Handschlag, heftiges Schulterklopfen – es ist eine jener Umarmungen unter Männern, bei denen man nicht recht weiß, ob sie nicht zugleich Teil eines Ringkampfes sind. Schnell versichern die Mitarbeiter Becksteins, selbstverständlich habe der Ministerpräsident die Passage über Huber zuvor mit diesem abgesprochen. War wohl auch nötig.

Ein Jahr ist vergangen, seit Erwin Huber und Günther Beckstein in Wildbad Kreuth jene »Zweckgemeinschaft zum Abschlachten Stoibers« verabredet haben, von der ein ranghoher Parteifreund noch heute mit fröhlichem Schauder spricht. In der kommenden Woche, wenn in Kreuth wieder die CSU-Landesgruppe tagt, kehren auch die beiden Täter an den Ort ihrer Tat zurück. Zwei Kumpane, die lange Zeit erbitterte Konkurrenten waren und die ihr politisches Schicksal nun fest aneinandergekettet haben. Zwei Männer in fortgeschrittenem Alter, die bereits viele Ämter bekleidet haben und nun noch einmal als Novizen antreten. Zwei enge Weggefährten Stoibers schließlich, deren vorrangige Aufgabe darin besteht, eben diesen Stoiber möglichst schnell vergessen zu machen.

Bald hundert Tage sind Erwin Huber und Günther Beckstein in ihren neuen Ämtern. Und wenn man nach einer Überschrift für ihren Anfang sucht, landet man unweigerlich bei der Operation Stilwechsel. Jedes Wort und jede Geste der beiden transportiert die Botschaft: Wir sind anders als Stoiber! Der Ministerpräsident Beckstein ist pünktlich, so oft es geht. Er verzichtet auf großes Gefolge, und Besucher empfängt er notfalls im unaufgeräumten Hotelzimmer. Noch bevor ihn die Delegierten des Münchner Parteitags Ende September zum Spitzenkandidaten für die nächste Landtagswahl nominierten, versicherte er ihnen, er sei ein »begeisterter Demokrat«, der »Rede und Gegenrede« schätze. Was in weniger feudalen Regionen wie eine pure Selbstverständlichkeit klingt, registrieren die Christsozialen mit Erleichterung.

Auch Erwin Huber beschwört den Teamgeist in der CSU und stellt die Bilanz seiner ersten Monate als Parteichef unter das Motto »Neue Mannschaft, neuer Stil, neue Ziele«. Nachdem Edmund Stoiber die CSU in den vergangenen Jahren immer rücksichtsloser nach seinem Bilde geformt und den Bogen dabei zuletzt deutlich überspannt hatte, signalisieren seine beiden Nachfolger nun Entspannung – nach innen wie nach außen.