Ist er das wirklich? Roger Christmann sitzt in einer Brasserie in der Brüsseler Altstadt, groß und schmal, schwarzer Pullover, ein Silberring am kleinen Finger. Er wirkt in sich gekehrt wie jemand, der die Abende lieber mit einem Buch verbringt, als durch die Clubs zu ziehen. Am Telefon hatte er gefragt, wie lange wir durchhalten würden. Für die Nacht in Brüssel brauche man Zeit. Viel Zeit.

Roger Christmann, 36, ist einer von 270 Zugereisten aus ganz Europa, die in Brüssel leben und sich unter dem Namen »Tof People« zusammengetan haben. Ihren Steckbrief und ihr Bild findet man im Internet, man kann sie anmailen und sich mit ihnen verabreden. Dort erfährt man auch, dass tof das Brüssler Slangwort für »enthusiastisch« ist. Für das EUProjekt wurden freiwillige Stadtführer aus allen Berufen gesucht, die Lust hatten, mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass es in Brüssel nur Beamte und Bürotürme gibt. Sie sollen ihre persönliche Seite der Stadt zeigen: mal schmutzig, mal rau, dann wieder ruhig, beschaulich und schön. Uns haben drei Tof People durch ihr Brüssel geführt: Mit Roger Christmann gingen wir durchs nächtliche, das für den Belgier einem Kunstwerk gleicht. Die Italienerin Emanuela Tasinato zeigte uns das afrikanische Viertel. Mit dem Duisburger Burckhard Doempke entdeckten wir Brüssel, wie es war, bevor Europa dort einzog.

Es dämmert, Laternen tauchen Gassen in gelbes Licht, nur noch die flimmernden Schriftzüge der Chocolaterien und Bars weisen den Weg. Die Brasserie, in der Roger Christmann sitzt, nennt sich Cirio. Goldene Blumenmuster zieren die Wände, in Vitrinen reihen sich Marionetten, Vasen, Emailletöpfe aneinander. Christmann bestellt uns das Stammgetränk des Ladens: Halfhalf, eine Mischung aus Sekt und Weißwein, und wirkt erleichtert, als wir mit ihm anstoßen. Dann sagt er, dass ihm in der Altstadt immer wieder diese alten Menschen begegneten, die sich abends im Cirio träfen. Er faltet die Hände und deutet mit dem Kopf kaum merklich auf einen Mann mit Perücke, der seiner Begleitung aus dem Kunstpelz hilft. Ihre Lippen sind grellrot geschminkt. Neben ihnen sitzt eine alte Dame mit Vogelnestfrisur und nippt an einem Cognac. Lautlos balancieren Kellner in Fliege und Weste Tabletts auf den Fingerkuppen. »Ich weiß bis heute nicht, ob ich diesen Ort verstehe«, sagt Christmann, »aber es zieht mich oft hierher.«

Vor zehn Jahren hat der ehemalige Banker seinen Job in der ostbelgischen Kleinstadt Eupen gekündigt. Er hat die drei Kneipen hinter sich gelassen, die das Eupener Nachtleben ausmachten, und den Kulturclub, dessen Vorsitzender er war. Er wusste nicht mehr, was er dort noch bewegen konnte. In Brüssel suchte das Kunstenfestivaldesarts einen Geschäftsführer. Man entschied sich für ihn. Roger Christmann warf alle Krawatten in den Müll, packte seine anderen Kleider zusammen und zog in die Stadt, die er nur von wenigen Besuchen kannte.

Unter einer Metro-Brücke in der Innenstadt führt er uns ins Recyclart, einen Club für Kunst, Konzerte, Performances. Christmann sucht sich einen Platz am Rande des Geschehens, überlegt, wen er treffen möchte, wen nicht. Durch seine Arbeit beim Festival kennen ihn viele in Brüssel. Die Leute grüßen ihn im Vorbeigehen, egal, wo er uns hinführt.

Nun hat ihn ein Freund entdeckt und kommt auf ihn zu. Eine erfreuliche Begegnung. Marc Jacobs, 35, Betreiber des Clubs. Er deutet auf die Bühne. Darauf steht ein Mann im Skelettkostüm, unter seiner Kleidung hat er Mikrofone befestigt, auf die er klopft, als schlage er sich. Das erzeugt Klänge, die am Mischpult mit Geräuschen verbunden werden, die in Wellen lauter werden und wieder abebben. Gäste stehen in kleinen Trauben auf der Tanzfläche, nippen aus Plastikbechern, unterhalten sich. Wippen mit im Takt, der keiner ist. Als der Skelettmann von der Bühne geht, setzt sich eine Frau mitten im Publikum auf einen Holzstuhl und stülpt sich einen Helm über, um den Drähte gewunden sind. Ein Drahtende hängt wie eine Zündschnur vor ihrem Gesicht. Sie zündet es an, und der Helm explodiert mit einem lauten Knall. Für einen Moment herrscht Stille. Ein Feuerball wirft Licht auf schockierte Gesichter. Und dann, als wäre nichts geschehen, spielt ein DJ sanften Swingjazz. Die Frau nimmt den Helm wieder ab und verschwindet. Die Gäste applaudieren, lachen erleichtert. Die ersten beginnen zu tanzen.

»Leute aus der ganzen Welt ziehen nach Brüssel und verschwinden irgendwo«, sagt Roger Christmann, während sich hinter ihm einer in seltsamen Schlangenbewegungen übt. »In der Nacht trifft man sie mit all ihren Verschrobenheiten wieder.« Er schaut durch den Club, der so anders ist als das Leben, das er einmal verlassen hat. Vom Recyclart ist es nicht weit bis zum Archiduc. Eine Art-déco-Bar, in den fünfziger Jahren war dort ein Jazzschuppen. Zwei Säulen stützen den oval geformten Raum, auf einem schwarzen Flügel steht ein Glas mit Gladiolen. Gedankenverloren tanzen zwei Südamerikaner davor. Aus den Boxen erklingen Jazz, Latin, Soul, Country. »Hier ist die Nacht vielleicht am ehrlichsten«, sagt Christmann. Am Tresen lehnt ein Mann, der EU-Abgeordneter sein könnte oder ein Banker auf Reisen. Mit einem Glas Whisky in der Hand mustert er Frauen, die den Club betreten. Eine Blondine rückt immer dichter an einen hübschen Asiaten. Ein Mann in Lederjacke bedrängt eine Frau, Türsteher zerren ihn auf die Straße. Roger Christmann lächelt. Er sagt, dass diese Stadt jeden verändere. Sie schicke einen auf Entdeckungsreise. Meistens zu sich selbst.