Wie genau sie darauf gekommen ist, ausgerechnet einen Film über drei alte Männer zu machen, kann Zhao Meng heute gar nicht mehr sagen. Es müsse wohl die Lust gewesen sein, sich auf das Unspektakuläre, das bedächtige China zu besinnen, meint sie. Und erzählt, wie es gewesen sei, diese alten Schauspieler zu ergründen. Wie sie sie immer wieder gebeten habe, ganz so zu sein wie sonst, zu Hause, beim gemächlichen Einkauf, beim Schnack mit den Nachbarn – und dabei hin und wieder auch eine Pause einzulegen. Anfangs sei es ihr noch seltsam vorgekommen, immer nur den dreien und ihren leicht verschleppten Bewegungen und Gesten nachzugehen. Je geruhsamer sich ihr Film entwickelt habe, desto aufgeregter sei sie selbst geworden: »Mir wurde klar: Das war es, was ich suchte! Ich wollte eine Langsamkeit, die ganz normale Zuschauer anspricht.« Sie meint damit die Mehrheit der Chinesen und ihre alltäglichen Sorgen, weit weg von jeder Modernisierungshysterie, die China umtreibt.

Für eine 26-jährige Absolventin des Masterstudiengangs an der Pekinger Filmakademie ist es eine erstaunliche Idee, in ihrem Film Keep Going On alte Männer auf eine Reise ohne Ziel zu schicken. Denn die einzige Filmakademie Chinas ist auch im Westen dafür berühmt, dass sie vornehmlich unruhige Dissidenz kultiviert. In der Akademie, die kürzlich ihren 50. Geburtstag feierte, wurden zuerst neue Ansätze aus Filmwissenschaft und Philosophie diskutiert. Hier konnte man in China zum ersten Mal Filme von Fellini, Bergman und Godard sehen, und hier wurde erstmals das chinesische Erziehungssystem über den Haufen geworfen, nach dem frontaler Unterricht bis heute mehr gilt als kreatives Arbeiten.

An der Filmakademie studierten die aufmüpfigsten Geister des chinesischen Films, unter anderem Chen Kaige, Tian Zhuangzhuang und Zhang Yimou. Kaum dass sie die Akademie verlassen hatten, rechneten sie in ihren ersten Filmen so streng mit der Kulturrevolution und anderen Katastrophen der chinesischen Vergangenheit und Gegenwart ab, dass sie oft nur im Westen gezeigt werden konnten. Auch Zhang Yuan, Wang Xiaoshuai und Jia Zhangke gingen hier zu Schule – Letzterer gewann mit seinem Film Still Life den Goldenen Löwen von Venedig, der, was selten ist für den anspruchsvollen chinesischen Film, sogar in Deutschland im Kino zu sehen war. Diese sogenannten Filmemacher der sechsten Generation – man zählt in China die Generationen seit den ersten chinesischen Filmen in Shanghaier Filmstudios in den zwanziger Jahren – legten sich ebenfalls mit den chinesischen Zensurbehörden an. Ihre meist mit Handkamera und winziger Crew gedrehten Filme waren in den neunziger Jahren die ersten unabhängigen Produktionen und durften nur das kosten, was Eltern und Freunde leihen konnten. Oft handelten sie von einer Seite Chinas, die bislang vernachlässigt worden war: Von Dieben, Huren, Homosexuellen und anderen Randgängern. Bis heute dürfen auch diese Filme nicht in China gezeigt werden.

Umso merkwürdiger, dass nun plötzlich eine Filmemacherin an der Akademie reüssiert, die mit alldem nichts mehr zu tun haben will. Zhao Meng findet ihre rebellischen Vorgänger unglaubwürdig. Sie hält sie für Krawallbrüder, die immer mit dem Finger auf das Schlimmste zeigten. Sie meint: Auch wenn das chinesische Publikum diese Filme hätte sehen dürfen, es hätte sie gar nicht sehen wollen. Es seien nicht die Außenseiter, für die sich die chinesischen Zuschauer ihrer Ansicht nach interessieren, sondern die alten Leute, die früher dazugehörten und nun auf der Strecke blieben. Menschen, die aus den traditionellen Familienstrukturen gefallen und deshalb ein wenig schwermütig, aber immer noch stolz seien. Die es durchaus lässig nähmen, wie alles an ihnen vorüberziehe.

Die Filmhelden Zhao Mengs sind nicht existenziell bedroht, sie sind höchstens einsam. Sie sind wohlhabende Geschäftsmänner, deshalb haben es die Kinder auf ihr Geld abgesehen. Sie haben ein Haus, der Nachwuchs wohnt aber auf der anderen Seite des Erdballs, in Amerika. Trotzdem sind sie nicht zornig. Sie sprechen nicht über ihre Verletzungen. Dem neuen Leben im schnellen China, der überspannten Dynamik, dem Boom und dem Braus, welche monothematisch die westlichen Medien füllen: Alldem halten die drei alten Schauspieler höchstens ein müdes Lächeln entgegen. Sie trödeln in einem zerbeulten Minibus übers öde Land. Sie singen alte Lieder. Und zwischendurch sitzen sie schweigend nebeneinander, und jeder starrt stoisch in die eigene Leere.

Zhao Meng ist einer der nostalgischsten chinesischen Filme seit Langem geglückt – und offenbar hat sie damit einen Nerv getroffen. Traditionell werden jedes Jahr alle Abschlussfilme der Akademie im campuseigenen Kino gezeigt, einem sympathisch abgewetzten, sozialistisch-realistischen Palast mit viel rotem Samt. Obwohl die Filme ohne Pausen vom Morgen bis in den späten Nachmittag hinein laufen, ist der Saal voll besetzt, viele der Zuschauer sind Studenten, es finden sich aber auch Mütter mit kleinen Kindern und alte Leute, die während der Filme ihren Proviant auspacken – zwar wird für diesen Filmtag nicht in den Medien geworben, er spricht sich dennoch in der Stadt herum. Als Zhao Mengs Film an der Reihe ist, herrscht andächtige Aufmerksamkeit. Später, als der kurze Abspann über die Leinwand läuft, kommt Zhao Meng mit einem ihrer alten Schauspieler auf die Bühne. Beide strahlen und verbeugen sich immer wieder, der Applaus will nicht aufhören.

Einige Tage später lädt Zhao Meng in das Zimmer einer Kommilitonin auf dem Campus ein. Hier steht einer der wenigen DVD-Player, die es im Wohnheim gibt, und wir können ihren Film noch einmal ungestört ansehen. Wie alle Zimmer auf dem Campus hat auch dieses vier Doppelbetten auf 15 Quadratmetern, Betonfußboden und eine kleine Arbeitsnische für jeden. Das Gemeinschaftsbad teilt sich der gesamte Flur. Alle, auch die Kinder reicher Eltern und anderweitig Privilegierte, leben hier. Zhao Meng scheint es fast ein wenig peinlich, wenn sie davon berichten soll, wie sie von ihren Lehrern die Zusage bekam, dass ihr Film länger und teurer werden dürfe als geplant. Man schusterte ihr 10000 Euro zu und fand einen Privatsponsor, der noch einmal so viel investierte. Obwohl Zhao Meng den Film nur einmal öffentlich zeigen konnte, hat sie ihn bereits ans chinesische Fernsehen verkauft. Trotzdem bleibt sie auf dem Boden und will so lange auf dem Campus wohnen wie möglich. Inzwischen ist sie damit beschäftigt, ihre Hochzeit vorzubereiten, sich eine Wohnung einzurichten und als Zwischenlösung eine Arbeit zu finden, mit der sich gutes Geld verdienen lässt, vielleicht beim Fernsehen.