Mancher braucht länger, um seinen Weg zu finden. Wer ihn im Alter von 47 Jahren urplötzlich vor sich sieht, mag sich wie von einem Stromschlag getroffen fühlen: ein Kurzschluss, der jäh offene Enden verknüpft. Bei Witold Lutosławski kam der Schock aus dem Radio. Als Komponist war der Pole da schon bekannt. Er hatte sich mit Schönberg auseinandergesetzt, mit Bartók, er kannte als Initiator des berühmten »Warschauer Herbst«-Festivals die westliche Nachkriegsavantgarde, die dort zu Gast war. Und den Zweiten Weltkrieg hatte er als Kaffeehauspianist überstanden. Lutosławski war ein Suchender, als er 1960 im Radio Töne hörte, die ihn »im Bruchteil einer Sekunde« auf seinen Weg brachten.

Es waren unkomponierbare Klänge. Im Concerto for Piano and Orchestra von John Cage ist fast alles dem Zufall überlassen. Die freie Komplexität, die dabei herauskommt, war für Lutosławski eine Offenbarung. Dabei hatte er keineswegs vor, sich wie Cage als Autor aus dem Werk zurückzuziehen. Er sah im Zufall eine Technik, er zähmte ihn. Lutosławskis Streichquartett (1964) beginnt mit einem sehr genau notierten Violinsolo, zerbrechlich und leise, und Vorschriften gibt es auch, wenn die anderen drei einsetzen. Nur: Da stehen in der Partitur nicht mehr vier Stimmen übereinander, sondern vier Kästen. Jeder enthält ein Solo. Festgelegt ist, wer wann beginnt – und dass alle ihr Solo so lange spielen, bis, zum Beispiel, die erste Geige die nächste Abteilung erreicht hat.

Wie das klingt? Nach den Tonpunkten des einsamen Anfangs legen sich lang gestreckte Seufzer übereinander. Die Gestik, die Wärme, die Farbe sind einheitlich, erkennbar. Doch nirgends spürt man den Autorenstift, der für so irreguläre Verschiebungen ohnehin nicht fein genug wäre. Vom »erdrückenden Erbe der deutschen Klassik« (Lutosławski) hat er sich ebenso befreit wie von der Objektivierung der Töne, wie sie die Serialisten betrieben. Seine Motive, seine Gesten sind körperlich, subjekthaft (»Ich möchte den Spielern Vergnügen bereiten«) und zugleich abstrakt. Es ist, als schütze das Eigenleben die Musik auch vor Aussagen. Als könne man in einem Wald wieder Hirsche sehen, ohne das Wort »Hirsche« zu denken, von dem die Tiere ja auch nichts wissen.

Umso kontrollierter baut Lutosławski einen Spannungsbogen auf, dessen Abmessungen (rund 25 Minuten) in der Literatur für Streichquartett einmalig sind. Verdichtungen, Zersprengungen, Bilder und Gedanken anregend: Termitenattacken, Staustufen, Mänaden, Monaden. Doch wo immer sich eine Assoziation abzeichnet, wird sie schon wieder von anderem durchdrungen. Fast unheimlich ist die Klarheit in dieser Vielfalt. Oft scheint die Musik den Hörer zu fragen: Bist du wach genug? Von wegen Chaos. Der Zufall ist auch eine Sprache. Mit ihr wurde Lutosławski, der 1994 starb, zu einem der bedeutendsten Komponisten seines Jahrhunderts.

Witold Lutosławski: Streichquartett, Alban Berg Quartett (EMI 5139742)

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