Dass sich der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Bischof Huber für den Mindestlohn ausgesprochen hat, legt den Zweifel nahe, ob diese Frage in seine Zuständigkeit fällt. Das von einigen gewünschte Tempolimit auf deutschen Autobahnen oder das in Kürze bevorstehende Rauchverbot in Bierzelten sind Themen von brennender Dringlichkeit, und doch wird man die Ansichten des Bischofs dazu (falls er welche haben sollte) nicht sonderlich ernst nehmen wollen.

Mag der Herr Bischof so schnell fahren und so viel rauchen, wie er will, was geht uns das an!

Die Frage des gerechten Lohns jedoch gehört zu den Essentialien des Neuen Testaments. Das Himmelreich, so Matthäus (20) gleiche einem Arbeitgeber, der früh am Morgen ausgehe, um Arbeiter für seinen Weinberg zu suchen. Mit den ersten, die er findet, verabredet er einen Tageslohn von einem Silbergroschen. Er geht aber noch ein paarmal los, macht immer neue Tarifverträge, und als der Tag um ist, kriegt jeder einen Silbergroschen. Nun aber werden diejenigen, die den ganzen Tag geschuftet haben, sauer: "Sie murrten und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht.

Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh!"

Gut gegeben! Aber was soll das heißen? Grundeinkommen für alle?

Gleicher Lohn für unterschiedliche Arbeit? Also sieben Euro und ein paar Gequetschte für die einen und Millionen für die anderen, obwohl sie die Hitze des Tages nicht getragen haben? " Die Schrift ist unabänderlich", sagt Kafka, "und die Meinungen sind nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber."

Aber seht ihr denn nicht, würde jetzt der Bischof sagen, dass hier vom Himmelreich die Rede ist, nicht von Tarifen? Und dass umgekehrt Wendelin Wiedeking mit einem Jahresgehalt von 54 Millionen nicht Gott ist, sondern arm dran? Denn achtet auf den letzten Satz: "So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein." Da spricht er uns ganz aus dem Herzen, wissen wir doch längst, dass "Das Letzte" eines Tages "Das Erste" sein wird. Finis