Oscar Peterson hatte eine kuriose Begründung für seine wahnwitzige pianistische Fahrweise. Er reiste mit vollem Tempo über den Highway der Geläufigkeit; den Hubraum seiner Klaviere reizte er bis zum Anschlag aus – alles, um Verkehrsunfälle zu vermeiden. »Wenn Musik wie ein Verkehrsunfall klingen soll«, sagte Peterson gern, »dann sollte man auf die Straße gehen und ihn verursachen. Aber das Klavier sollte man in Ruhe lassen.«

Ins Schleudern kam Oscar Peterson nie, denn er hielt die Spur, die er sich verordnet hatte: keine Eskapaden, keine Ausflüge in die Moderne, ausreichend Sicherheitsabstand zu Jazzrock, Free Jazz und Weltmusik. Er blieb der Ritter des Mainstream, des swingenden Drive; seine Bop-Linien hatten etwas Unwirkliches, weil die Zeit schier stehen blieb, wenn sie erklangen. Seine Finger waren vielleicht die schnellsten, die Nordamerika und die restliche Welt seit Lucky Lukes Tagen gesehen haben: Sie waren fixer als ihre Schatten. Aber sie sollten nicht einer Avantgarde des Jazz dienen, die in seinen Ohren nur dissonante Fragen stellte, statt harmonische Antworten zu geben. Da stieg Oscar mit Wucht auf die Bremse.

Oscar Peterson, 1925 in Montreal geboren, hatte sich früh in der Virtuosität eingerichtet. Er war an der Seite des Produzenten Norman Granz durch Amerika getingelt und hatte die Carnegie Hall in New York eher nebenbei erobert, ihn interessierte nichts so sehr wie die gute alte Zeit, da Melodie und Improvisation noch ungefährdet von rauer Expressivität waren. Der genial Begabte hätte ein Schüler von Franz Liszt sein können. Trotz seiner Berufung zum fliegenden Taumel war er ganz dem Gesanglichen verpflichtet; als mitatmender Begleiter Ella Fitzgeralds oder Billie Holidays war er schon früh legendär.

Seine Kraft und Kondition waren einzigartig; seine Gabe der Koordination, etwa bei beidhändig gespielten Unisono-Bewegungen, ist bis heute unerreicht. Zugleich konnte er Akkorde errichten, die wie Marmor leuchteten. Count Basie sagte einmal in listiger Ironie, er verehre diesen Mann nicht nur, er fürchte sich auch vor ihm. Und es lag mehr als nur landsmannschaftliche Sympathie darin, dass Glenn Gould über Peterson sagte: »Ich habe seine pianistische Begabung immer für außergewöhnlich gehalten und seine Werke über viele, viele Jahre mit großer Begeisterung gehört.« Da erkannte ein Olympier den anderen. Beide liebten das Gas- und hassten das Nebelpedal. Übrigens wurde Peterson einmal wie Gould von einem Schlaganfall erwischt; doch der Lebenskünstler Peterson starb nicht, sondern spielte mit turboschneller rechter und gemütlich sich einklinkender linker Hand unverdrossen weiter.

Aus der Ferne der Moderne besehen, besaß Petersons Kunst etwas Dinosaurierhaftes, Urzeitliches. Dabei war sie eigentlich zutraulich. Und weil er so gern lachte und den Dompteur gab, dem die Finger gehorchen wie ein Flohzirkus, konnte er den Spruch, er sei eigentlich der bestbezahlte Barpianist der Welt, nicht gänzlich widerlegen. Peterson, nun ja, hatte ein Faible für das Geordnete, geistig Bedächtige, und sein Konservatismus war kurios. Andererseits war Petersons stilistische Welt mitnichten so eng, wie es manchem Spötter schien. In der Spiritualität seiner Brillanz war er gewiss der Erbe Fats Wallers und Art Tatums, aber er konnte auch wunderschön auf die »geschlossenen Hände« eines George Shearing oder den Wagemut eines Bud Powell anspielen. Wenn er mit Charlie Parker oder Dizzy Gillespie musizierte, durfte sich sein Gemüt befreien – aber es waren Befreiungen, die am eigenen Gartenzaun endeten.

Nicht selten diagnostizierte man auch eine leicht anrüchige Nähe Petersons zum Pop, die er nie abstritt. Er hatte keine Angst vor den schönen Dingen. Er konnte Sunny blendend erlaucht abtönen, er konnte auch mit höchstem Anstand durch Mancinis Sally’s Tomato waten. Wenn er dann (auf seinem Tristeza On Piano- Album) das innige Down Here On The Ground spielte, installierte er im Mittelteil flatternde Klangflächen, die in ihrer quasi-impressionistischen Schleierwirkung von Debussy hätten stammen können. Doch ist es typisch für Peterson, dass er nach solchen klangsinnlichen Eskapaden bescheiden zurückfand in die Delikatesse des Anfangs.

Jetzt ist Oscar Peterson, der heitere, allseits beliebte, mit sieben Grammys über alle Anfeindungen erhabene Meister des gepflegten Mainstreams, im Alter von 82 Jahren im kanadischen Mississauga gestorben.

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