"Ich beschäftige mich fast nur noch mit der verheerenden Außenpolitik Großbritanniens und der USA. Die Zeit, die mir für Musikpsychologie bleibt, ist bis 2009 ausgebucht. Wenn Sie vorher mit mir sprechen wollen, fällt ein Honorar von 50 Pfund für jede angefangene Stunde an." Herzlich willkommen bei John Sloboda, dem Direktor des Instituts zur Erforschung von Musikalität und musischer Entwicklung an der Keele University. Die liegt zwischen einem Bergwerk und der Autobahn von Birmingham nach Manchester, eine klassische "Backsteinhochschule". Sie wurde 1949 als sozialistisch inspiriertes Gegenstück zu den Traditionsuniversitäten gegründet. Heute verfügt sie über einen supermodernen Wissenschaftspark. Die Psychologen aber müssen sich mit einem heruntergekommenen Gebäude aus der Nachkriegszeit begnügen.

Sloboda arbeitet in einem Büro im Obergeschoss. Dort sitzt er jetzt und sagt: "Dieses Zimmer ödet mich an." Auch sonst macht ihm manches Probleme, nicht nur die Politik seines Landes, sondern auch sein eigenes Fach, in dem er ein Star ist. Sloboda war Präsident der European Society for the Cognitive Sciences of Music, ist seit 2004 Mitglied der British Academy, Autor zahlreicher Publikationen über Musikalität, Emotion und klangverarbeitende Prozesse des Gehirns, die als Standardwerke seiner Disziplin gelten. Er kennt sich in der künstlerischen Seele aus wie ein Klavierbauer in der Mechanik eines Flügels. Und er glaubt nicht an Talent.

In seiner musikpsychologischen Forschung trieb ihn ein Paradox um: Warum hören Teenager im Schnitt vier bis fünf Stunden am Tag Musik, statt ein Instrument zu lernen und selbst Musik zu machen? Er entwickelte Erklärungsmuster, die sich an der Motivationsforschung und an sozialistischen Vorstellungen über die Gründe der ungleichen Verteilung von Reichtum orientieren. Unterschiedliche Begabungen hingegen spielen nach seiner Meinung dabei keine Rolle.

Der "Mythos vom Talent", sagt er, sei eine irrige Vorstellung der "Volkspsychologie". Talent sei ein vager und unpräziser Begriff. Er setze eine ererbte, rare, sehr spezifische und früh auftretende Begabung voraus. Doch seine Untersuchungen ergaben kaum Nachweise für ein Zusammenfallen dieser vier Kriterien, selbst bei sogenannten Wunderkindern. Natürlich gebe es genetische Faktoren, doch "die große Mehrheit der Bevölkerung besitzt die angeborenen Voraussetzungen, gut Musik zu spielen".

Sloboda selbst war als Junge hochbegabt, "wie man das so nennt". Er errang bereits als Zehnjähriger ein Stipendium für ein Klavierstudium an der Londoner Royal Academy of Music. Aber er fand Mathematik und Physik ebenso faszinierend. Nach einigen Jahren legte man ihm nahe, mehr zu üben, mindestens sechs Stunden am Tag, sonst flöge er raus. Er sagte: "Goodbye."

Seiner Ansicht nach beginnt die Teilung in musikalische und unmusikalische Menschen schon in frühester Kindheit. Nach der Geburt können Babys Musikstücke wiedererkennen, die sie im Mutterleib gehört haben. Kinder, deren Eltern viel singen, erreichen in der Regel in ihrem späteren Leben ein höheres musikalisches Niveau. In den ersten fünf bis sechs Lebensjahren, erklärt der fachabtrünnige und nun doch wieder ganz von seinem Gegenstand hingerissene Mann, sauge das Kinderhirn musikalische Stimuli wie ein Schwamm auf, nicht anders als beim Erlernen der komplexen Strukturen der Muttersprache.

Wenn in dieser Lebensphase Musik in der Luft liege, sei das Saatbeet bereitet. Zwischen sechs und zehn Jahren machen Kinder dann ihre ersten bewusst formativen Musikerfahrungen. In einer Untersuchung von 113 Musikern und Nichtmusikern fand er heraus, dass Erstere sich meistens an Gelegenheiten erinnerten, bei denen sie sich durch eine Melodie oder ein Klangerlebnis aus ihrem normalen Bewusstseinszustand herausgehoben fühlten. Nichtmusiker erinnerten sich vor allem an Angstzustände und Beschämung, an Lehrer, die ihnen vorhielten, sie könnten nicht singen, an Mitschüler, die sie auslachten – Vorkommnisse, die sie davon überzeugten, "unmusikalisch" zu sein.