Doch "das Hirn ist nicht unbeschränkt formbar", sagt Sloboda. Mit zehn Jahren sind die Würfel gefallen. Von da an hilft auch "musikalischen" Kindern nur noch eines zum Erfolg: üben, üben, üben. Das zeigte seine Analyse Zwölfjähriger, die die anspruchsvolle Aufnahmeprüfung in der Musikschule Chetham’s in Manchester absolvierten: Die erfolgreichen Kandidaten hatten doppelt so viele Übungsstunden hinter sich wie die Abgewiesenen. Und sie spielten ihre Instrumente bereits acht Mal so lange wie nicht minder begabte, aber weniger motivierte Altersgenossen.

Die meisten professionellen Musiker, die er kenne, seien Einzelgänger, die sich mit der Einsamkeit des Übens problemlos abfänden. Vor allem Spitzenmusiker zögen in aller Regel ihre eigene Gesellschaft der anderer Menschen vor. Mit 21 Jahren, ergab eine andere Untersuchung, hatten die besten Violinisten eines Konservatoriums 10.000 Übungsstunden absolviert, ein Arbeitspensum, das doppelt so hoch war wie das weniger erfolgreicher Studenten derselben Musikhochschule. Diese Diskrepanz erkläre die doppelte Kluft zwischen den allerbesten und den weniger guten Künstlern – bei der Spieltechnik, und bei ihren expressiven Fertigkeiten.

Wie steht es mit jemandem wie Clara Haskil? Die rumänische Pianistin – viele halten sie als Mozart-Interpretin für unübertroffen – erklärte in einem Interview, sie brauchte nie viel zu üben, ihre Finger spielten wie von selbst. "Wenn das stimmt", hält Sloboda dagegen, "war sie ein genetischer Freak. Man müsste sie in ein Labor holen und einer eingehenden Befragung unterziehen."

Das geht nicht, sie starb 1960. Vielleicht, meint er, dürfe man ihre Aussage nicht auf die Goldwaage legen. Er berichtet von einem brillanten 16-jährigen Schüler der Musikschule in Manchester, der ihm erzählte, er habe erst mit zwölf Jahren mit dem Klavierspielen begonnen. Die Eltern gaben freilich zu Protokoll, eine Nachbarin habe ihren Sohn seit seinem sechsten Lebensjahr unterrichtet. Bei einer zweiten Befragung erklärte der Junge: "Ach ja, aber bei der habe ich ja nichts gelernt."

Sloboda stand im Zenit seiner musikpsychologischen Karriere, als ihn ein Unwohlsein ob der Introvertiertheit seiner Disziplin beschlich. "Die Ergebnisse unserer Forschungen werden in Fachzeitschriften veröffentlicht, aber niemand liest sie." Vor allem die Leute nicht, die sie praktisch umsetzen könnten: Politiker und Pädagogen. Er organisierte ein fachübergreifendes Projekt zur Verbesserung des aktiven Musiklebens. Es resultierte in einem Richtlinienkatalog, der von der Regierung tatsächlich übernommen wurde. Die verpflichtete sich, jedem Kind das Erlernen eines Instruments im Grundschulalter zu ermöglichen.

Nun arbeitet er nur noch zwei Tage in der Woche an der Universität. Den Job ganz hinzuschmeißen, kann er sich finanziell nicht leisten. "Mein Sternzeichen ist der Zwilling. Ich glaube nicht an Astrologie, aber Zwillinge sind Menschen, die Dinge anschieben, aber nie zu Ende bringen. Ich war nie in der Lage, mein Leben nur einer Sache zu widmen."

In einem sehr autobiografisch angelegten Essay "Zur Lage der musikpsychologischen Forschung" schrieb er vor zwei Jahren, bereits während der Kosovokrise habe ihn eine derartige Entrüstung über die Kriegstreiberei Bill Clintons und Tony Blairs ergriffen, dass er oft unfähig gewesen sei, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Sie erscheine ihm trivial und belanglos. Nach den Ereignissen des 11. September und dem Angriff auf Afghanistan habe er das Gefühl gehabt, "moralisch und spirituell zu zerbrechen".