Was ist bloß aus der Macht der Konsumenten geworden? Im Jahr 1998 kostete ein Fass Öl auf den Weltmärkten kaum mehr als zehn Dollar, zum Jahresbeginn 2008 kostete dasselbe Fass schon mehr als hundert Dollar, und Fachleute des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung rechnen damit, dass der Preis bis 2015 auf mehr als zweihundert Dollar steigen könnte.

Vor zehn Jahren waren die Importeure von Öl und Gas wohlhabende Industrieländer, die in Zeiten billigen Öls dünkelhaft auf jene Exportländer herabsahen, welche nur den bloßen Rohstoff auf die Märkte zu bringen vermochten. Heute hofieren die Industrienationen die Energiemächte, um Vorzugslieferungen, Exklusivpipelines und Bohrkonzessionen zu erheischen. Die Großen machen sich klein, um den Tropfen mehr Öl zu erhalten als der Konkurrent von nebenan. So hat sich die Macht in der Welt verkehrt.

Für die europäischen Staaten sind das schlechte Nachrichten. Die Rohstoffvorräte Großbritanniens und der Niederlande in der Nordsee sind bald ausgeschöpft. Die Deutschen haben ohnehin kaum Öl und wollen mittelfristig ihre teuren Kohlegruben schließen. Um der Unabhängigkeit willen setzt Frankreich auf Kernkraft, doch in Deutschland ist diese Art der Energieerzeugung zu umstritten, als dass sie ein Ausweg wäre. Europa muss seine Energie zunehmend importieren, vor allem aus Russland und dem Mittleren Osten. Die EU konkurriert dabei mit den aufstrebenden Gesellschaften Asiens, allen voran China und Indien. Der Alte Kontinent gerät da allmählich in Abhängigkeit von Staaten und Regierungen, von denen man besser nicht abhängig wäre.

Um Europas heikle Lage zu begreifen, muss man sich die Lieferländer und ihre Strategien genauer ansehen. Denn Verknappung und Markthysterie erklären noch nicht die Macht, die Öl und Gas heute verleihen. Wie hebeln Rohstoffstaaten den Weltmarkt aus? Wie halten sie die Preise hoch? Wie drängen sie die Verbraucher in die Abhängigkeit? Vor allem beim Gas, das in festen Rohrleitungen transportiert wird oder nur für viel Geld verflüssigt werden kann, lässt sich der Einsatz von Energie als Machtwährung gut zeigen. Der Erdgasproduzent bildet ein Monopol, erst national, dann international. Er baut Pipelines, und zwar möglichst viele. Er nimmt Lobbyisten in den Abnehmerländern unter Vertrag. Diese drei Maximen sind die Grundlage der Energiemacht.

Hugo Chávez besetzt die Spitze des nationalen Ölkonzerns mit Gefolgsleuten

In Russland lässt sich beispielhaft studieren, wie Macht durch Eingriff von oben gebündelt wird. In den neunziger Jahren hatte das Land eine Vielfalt von Ölproduzenten. Und beim Gas verkaufte der russische Staat ausländischen Konzernen Förderkonzessionen, um neben dem russischen Produzenten Gasprom ein wenig Abwechslung zu schaffen. Bis Wladimir Putin kam. Der neue Präsident machte es sich Anfang 2000 zur Aufgabe, den Staat zu "stärken" – indem er die Demokratie begrub, die wichtigen Konzerne des Landes bündelte und unter die Kontrolle des Kremls brachte. "Zuvor wurde Gasprom im Interesse der Manager und der wichtigen Aktionäre geleitet", sagt Stepan Daschewskij, ein Moskauer Energieexperte, "heute wird es im Interesse der Regierung geführt." Putin funktionierte Gasprom um in ein Instrument russischer Staatsmacht nach innen und außen. Gasproms Konkurrenten wurden vom Markt gedrängt, andere Konzerne unter das Dach des Energieriesen gezwungen, Pipelines und Produktion gebündelt – getreu dem ersten Gebot des russischen Energiemarktes: "Ich bin der Herr, dein Gaslieferant. Du sollst keine anderen Gaslieferanten neben mir haben."

Das Prinzip Gasprom freilich ist nicht neu. Viele Rohstoffländer haben sich von Kolonialstaaten und sogenannten Schutzmächten befreit, indem sie seit den sechziger Jahren ihre Ölgesellschaften verstaatlichten. Die größte Energiegesellschaft der Welt, Saudi-Aramco, wurde zwischen 1972 und 1980 von einem amerikanischen Konzern in einen saudischen Staatsbetrieb umgewandelt. Seither ist Aramco die wichtigste Einnahmequelle des Landes und das Symbol saudischer Macht. Ähnliches gilt für die fast gleich große National Iranian Oil Company. Sie übernahm auf den Fingerzeig des iranischen Schahs 1973 sämtliche Produktionsanlagen im Lande. Drittgrößter Ölkonzern der Welt ist der venezolanische Staatsbetrieb PDVSA. Präsident Hugo Chávez hat die Konzernspitze seit seiner Machtübernahme 1999 systematisch mit seinen Gefolgsleuten besetzt. Nun verfügt die PDVSA über alle Ressourcen im Land, sie darf nach der Verfassung nicht privatisiert werden. Ein neues Energiegesetz erlaubt ausländischen Firmen die Förderung von Öl und Gas nur als Trittbrettfahrer mit Minderheitsbeteiligung, PDVSA führt stets Regie.

Über diese Giganten in Staatshand können ambitionierte Staatslenker die Energieexporte zur politischen Waffe machen. Die erwünschte Monopolstellung aber erreichen Staatschefs wie Putin und Chávez erst mit dem Ausgreifen über die Landesgrenzen. Der venezolanische Petropopulist sucht nach Bundesgenossen in den Ländern, die seinen Feldzug gegen die USA unterstützen. Er verkauft Schürfrechte an russische und iranische Konzerne, und er wirbt in der Opec für den höchstmöglichen Preis. "Wir werden das Lakaienverhältnis zu den USA umkehren!", rief er in einer seiner ausgedehnten Fernsehaudienzen.

Das wird sich auch Präsident Putin sagen, dessen Land nicht Mitglied der Opec ist, deren Drehen an der Preisschraube er aber stets mit Entzücken verfolgt. Die Opec ist jedoch nur für das Öl zuständig, was Putin nachdenken ließ. Seit zwei Jahren besucht er die großen Gaslieferländer Algerien, Iran, Qatar; in Moskau empfing er Hugo Chávez. Anfang dieses Jahres gab Putin, selbst Herr über die größten Gasreserven der Welt, seinen Rohstofftourneen mit Gasprom-Gefolge einen tieferen Sinn. "Ich finde die Idee einer Gas-Opec interessant", sagte er und wiegelte sogleich ab: Niemand habe die Absicht, ein Kartell zu bauen.

Das ginge auch kaum, denn die regionalen Gasmärkte von Europa, Lateinamerika und Südostasien lassen sich nun einmal schlecht vernetzen. Man sollte also nicht "Gas-Opec" sagen, ein Begriff, mit dem Putin nur spielt, um die zerstrittenen Europäer einzuschüchtern. Es geht um nicht weniger als den russischen Wunsch, den Weltgasmarkt zu kontrollieren: Gasproms Investitionen in Algerien, technologische Gefälligkeiten in Qatar, Bestärkung des antiamerikanischen Furors von Hugo Chávez, gepaart mit russischer Energieberatung, der historische Besuch von Putin in Iran, derweil Russen bei der Erschließung neuer Gasfelder helfen – hinter alldem steht ein Ziel. Putin möchte überall auf dem Gasglobus mitreden können, frühzeitig Einvernehmen über Preise und neue Pipelines herstellen und vor allem verhindern, dass die Exportländer in eine Konkurrenz zueinander treten, von der die Verbraucher profitieren könnten.