Bei einem elitären, im Geiste Adornos gebildeten Liebhaber klassischer Musik kann der Name "Tschaikowsky" keine andere Reaktion provozieren als die gezogene Pistole Joseph Goebbels: Tschaikowsky steht für übelsten Kitsch. Doch man muss ihm, wie es Daniel Gregory Mason prägnant formuliert hat, "seine Mängel zugute halten". Er war sich seiner Grenzen und Schwächen bewusst, und seine (wenigen) wirklich großen Momente verdanken sich paradoxerweise diesen Mängeln. Von Berlioz stammt die boshafte Bemerkung, dass Mendelssohns Melodien meist gut begönnen, aber schlecht ausgingen. Sie verlören ihren Schwung und endeten mit einer "mechanischen" Auflösung. Dieses Scheitern der Melodielinie beweist keineswegs, dass Mendelssohn ein schlechter Komponist war. Vielmehr zeugt es von einem Gespür für historische Veränderungen: Diejenigen, die immer noch "schöne Melodien" schreiben konnten, waren die Kitschkomponisten.

Nicht in seinen zahlreichen "schönen Melodien", sondern in dem Moment, da eine Melodielinie vereitelt wird, kommt auch Tschaikowky wahrer Kunst nahe. Im Orchestervorspiel des Eugen Onegin wird das "Thema der Tatjana" nicht entwickelt, sondern lediglich in Varianten wiederholt.

Dabei wahrt es den Charakter eines isolierten Melodiefragments. Diese Wiederholung dramatisiert das Scheitern jeder zweckmäßigen Entwicklung und hat einen wahrhaft melancholischen Beigeschmack. Nur in der Briefszene, dem utopischen Ausbruch von Tatjanas Begehren, verdichtet sich das Thema zu einer Art organischem Gewebe. Kein Wunder, dass Onegin vor Tatjanas peinlich-offenem Zurschaustellen ihrer erotischen Leidenschaft zurückschreckt.

In seinem ersten wirklichen Meisterwerk, der sinfonischen Dichtung Francesca da Rimini (1876), geht Tschaikowsky sogar noch einen Schritt weiter. In der Mitte der Dichtung taucht plötzlich eine Passage auf, die besonders in den Aufnahmen mit Jewgenij Mrawinsky klingt wie das Menetekel einer diffusen Angst, als käme sie aus dem 20.

Jahrhundert - dann fasst die gewohnte Romantik wieder Tritt. Kein Wunder, dass Hitchcock am Ende von Der zerrissene Vorhang ausgerechnet Musik aus Francesca da Rimini wählte.

Aus dem Englischen von Bettina Engels