Die Sonntage in Moskau verbringt man am besten in den Museen. Dort sieht man das Volk andächtig vor Repins grausigem Gemälde sitzen. Es zeigt Iwan den Schrecklichen, und im Arm hält er seinen erwachsenen Sohn, den er kurz zuvor erschlagen hat. Außerdem sind am Sonntag alle Moskauer Luxusboutiquen geöffnet; man kann auch Lexus und Lamborghinis kaufen. Die in anderen Städten üblichen Einzelhandelsgeschäfte gibt es in Moskau nicht. Nur immer wieder Prada, Brioni, Rolex, Cartier, Gucci und Dior.

Deshalb wohl benutzen viele Moskowiter den Sonntag, um auf kleinen Plätzen und in Parks zu demonstrieren. Da werden dann verschiedene Fahnen gezeigt, was der Polizei und einigen Divisionen der Armee Gelegenheit gibt, gegenüber dem Volk Stellung zu beziehen und die Ordnung zu garantieren.

Eine andere Sonntagsbe-schäftigung in Moskau kann in einem Besuch bei Jelissejew bestehen, einem wahnsinnig schönen Delikatessenladen im Stil der russischen Belle Époque. Er sieht also aus wie ein Bahnhof in Grosskotzistan.

Vor solider folkloristischer Küche saßen wir dann im Restaurant Caviarterra des Hotels Ritz-Carlton. Der namensgebende Kaviar existiert zwar nur in pasteurisierter Form, weil der Fang der Störe derzeit verboten ist. Doch die Lawine der geräucherten Fische und Schinken, der Stolishny-Salat mit Kartoffeln, Eiern, Gurken, Erbsen und Truthahn mit Mayonnaise, die Walnusssaucen und das Fladenbrot vermitteln dem Gast zuverlässig ein Gefühl für die Größe Russlands und die Enge des eigenen Magens.

Die weite, exotische Welt öffnet sich dagegen im Restaurant Usbekistan. Man denkt sofort an Ali Baba und die vierzig Räuber, beim Anblick der schwer kostümierten Helfershelfer, der bemalten Decken, der schwellenden Polster und vor allem beim Auftritt der beiden Bauchtänzerinnen. Hier, endlich, erweist sich Moskau als Metropole für das riesige Land, das bis in den asiatischen Osten reicht. Die Küche ist usbekisch, arabisch und chinesisch, und, soweit ich es beurteilen kann, in jeder Version authentisch. Jedenfalls hat mir alles geschmeckt, was die aparten Damen an den Tisch brachten, auch wenn ich die einzelnen Dinge in Teigfladen einrollen und hinunterschlucken musste. Es wurde getanzt, gesungen und gefeiert. Man muss das mögen. Aber wir hielten es gern aus bis zum Tee und zu den hervorragenden kleinen Kuchen.

Die großen Hotels der Stadt haben eine Sonderstellung, weil es eine gastronomische Mittelschicht (noch) nicht gibt. In der Oberklasse besetzt das Ritz-Carlton den Spitzenplatz, aus zwei Gründen: einmal wegen seiner Nähe zum Kreml, der eine dekorative Kulisse abgibt. Zum anderen wegen des Restaurants Jeroboam, dessen Küche vom deutschen Dreisternekoch Heinz Winkler in Betrieb gesetzt wurde und von ihm weiterhin aus der Ferne dirigiert wird.

Fast alle Spitzenköche sind solche Verpflichtungen eingegangen, und ich habe feststellen müssen, dass die Telepathie nur selten ein vollwertiger Ersatz für den real am Herd werkelnden Küchenchef ist. Aber das Ritz-Carlton, wo eine Nacht in der Präsidentensuite mit 16.000 Euro zu Buche schlägt, stellt auch da eine Ausnahme dar.