Alfred Gusenbauer, heißt es, sei beratungsresistent. Gleich, was ihm sonst noch für Eigenschaften oder Qualitäten zugeschrieben werden – seit einem Jahr fällt immer wieder dieser Begriff, wenn angebliche oder tatsächliche Insider, stets anonyme »SPÖ-Kreise«, Politikberater oder Kommentatoren den Bundeskanzler beschreiben wollen: Er lasse sich von niemandem beraten. Mag ja sein.

Aber nur einmal angenommen, Gusenbauer hätte vor genau einem Jahr – soeben ins Kanzleramt eingezogen – professionelle Berater um Tipps gebeten. Die wichtigsten Fragen hätten gelautet: Was soll ein Regierungschef tun, dem durch das Wahlergebnis keinen klaren Auftrag erteilt wurde? Wie soll sich ein Kanzler verhalten, dem die Verfassung keine Möglichkeit einräumt, an seine Minister Weisungen auszugeben? Wie führt man eine Regierung, in der sich ein nahezu gleich starker Partner profilieren möchte, den man die vergangenen sieben Jahre aufs Bitterste bekämpft hat?

So oder ähnlich hätte wohl die Antwort gelautet: Gusenbauer, der zur Überraschung aller – auch Teilen der eigenen Partei – Kanzler geworden ist, muss sich zu dem stilisieren, was nach herrschender Meinung einem Kanzler entspricht. Er muss mehr Staatsmann sein als Politiker, weise statt zänkisch, verbindend statt ausgrenzend.

Dazu ist eine Entpolarisierung des Erscheinungsbildes nötig. Die diffamierenden Vokabeln (»Gruselbauer« und »Sandkiste«) und unliebsamen Bilder (Boden küssen am Moskauer Flughafen) müssen von gefälligeren Motiven überdeckt werden: der Kanzler mit dem Dalai Lama plaudernd oder in ein ernstes Gespräch mit dem britischen Premierminister Gordon Brown vertieft. Bundeskanzler und Gusenbauer: Diese beiden Wörter müssen wie selbstverständlich zueinander gehören. Mit dem Amtstitel dürfen nicht mehr nostalgisch Kreisky oder Vranitzky assoziiert werden – oder gar Schüssel. Kanzler ist ab sofort nur mehr einer.

Ein Bundeskanzler hat über den komplexen und oft mühsamen Details der Innenpolitik zu stehen. Für den täglichen Streit, den sich die Koalitionspartner liefern, hat er seine Josefs, ob Peppi Cap oder Joe Kalina. Ein Kanzler legt sich weder mit Andrea Kdolsky noch mit Günther Platter an – von Hannes Missethon ganz zu schweigen.

Er darf sich aber auch nicht ständig mit jenen Punkten der SPÖ-Agenda befassen, die koalitionsintern strittig sind. Würde Gusenbauer immer wieder die Gesamtschule als gesellschaftspolitisches Ziel betonen, wäre er sofort im Clinch mit den Werner Amons und Fritz Neugebauers. Das Ende der Studiengebühren zu fordern wäre nur eine Einladung an die ÖVP, ihm mit Genuss seine Grenzen aufzuzeigen. Das unvermeidliche Streiten obliegt anderen. Ein Kanzler hat allgemeines Wohlbefinden zu befördern.

Eine irritierte Basis ist der Preis für erfolgreiche Profilierung