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Nun also auch in Frankfurt am Main, einer Stadt, der seit Langem eine CDU-Oberbürgermeisterin vorsteht und die in jenem Bundesland liegt, das seit acht Jahren von Roland Koch regiert wird: Am vergangenen Wochenende, spät in der Nacht, griff eine Meute randalierender junger Männer auf einem U-Bahnhof einen Zugführer an, der einen schwankenden Jugendlichen auffangen wollte – eine hilfreiche Geste, die von den anderen als Angriff gedeutet wurde. Die Meute konnte nur durch eine schnell herbeigerufene Polizeistreife davon abgehalten werden, auf den am Boden liegenden Mann einzutreten. Die Täter, die gemäß der Strafprozessordnung nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt wurden – es bestanden keine Anhaltspunkte für Fluchtgefahr oder Beweisunterdrückung –, waren Sprösslinge von Einwandererfamilien, die in einem Frankfurter Armutsviertel leben.

U- und S-Bahnen sind eine restringierte Öffentlichkeit eigener Art. Anders als im klaustrophoben, aber klar begrenzten Zeit-Raum von Aufzügen sind hier Fremde gezwungen, längere Zeit kommunikationslos miteinander zu verbringen, ein Minimum an Verhaltensregeln einzuhalten und sich als Personen zu präsentieren, die zwar anwesend, aber nicht ansprechbar sind. Dem entspricht nicht nur das ostentative Lesen von Zeitungen, sondern zunehmend die trotzig demonstrierte akustische Isolation: Jungen und Mädchen, die mit leerem Blick auf das Display ihrer Mobiltelefone oder MP3-Player stieren; die leere Zeit der Fahrt lässt sich für die Neuorganisation persönlicher Datenmengen nutzen.

Dem Binnenraum der Waggons korrespondieren unterirdische, schwach und kalt beleuchtete Passagen, Rolltreppen und Bahnsteige, deren Belebtheit tageszeitlichen Rhythmen folgt. Vor und nach dem Berufsverkehr nimmt die Frequenz der Nutzer ab. In den Stunden des frühen Morgens und der späten Nacht entfällt der Schutz dichter Menschentrauben, und die Verlorenheit der wenigen Fahrgäste nimmt objektiv und subjektiv zu – allen Alarmknöpfen zum Trotz.

Die nächtliche U-Bahn ist der wahr gewordene Albtraum der Schwachen und Minderbemittelten – gerade so, wie abendliche Parkhäuser der realistische Nachtmahr all jener sind, die wohlhabend und geschickt genug sind, über ein eigenes Automobil zu verfügen. Tatsächlich geht es beim jetzt beginnenden Dauerwahlkampf vor allem um die U- und S-Bahn-Nutzer: um solche, die eines Mindestlohns bedürfen und als mögliche Opfer von – objektiv höchst unwahrscheinlichen – Gewaltverbrechen besonders exponiert sind.

Der hessische Ministerpräsident Koch hat im Unterschied zu seinen Kollegen aus Hamburg und Niedersachsen klar erkannt, dass er sich eine neue Mehrheit weder unter den abhängig Beschäftigten noch unter dem mit der hessischen Bildungs- und Umweltpolitik höchst unzufriedenen Bürgertum beschaffen kann. Der mit dem Thema Jugendkriminalität eröffnete Wahlkampf ist daher auch – anders als es die CDU sonst so liebt – kein "Kampf um die Mitte", sondern ein Kampf um die Stimmen der Unterschicht. Es geht um nichts anderes, als dieses Wählerpotenzial dort bei seiner Angst zu packen, wo es die andere Volkspartei, die SPD, auf seine verbliebenen Hoffnungen ansprechen will.

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Allerdings dürfte durch die intensive öffentliche Debatte inzwischen klar geworden sein, dass aus fachlicher, aus sozialpädagogischer, kriminologischer oder rechtspolitischer Sicht nichts, aber auch gar nichts für den von der CDU beschlossenen Forderungskatalog von "Warnschussarrest", längeren Haftstrafen, erleichterter Abschiebung sogar hierzulande geborener Personen und sogenannten Erziehungscamps spricht.

Der Warnschussarrest – im angelsächsischen Bereich ist vom short sharp shock die Rede – greift nur bei bisher nicht delinquent gewordenen Jugendlichen aus bürgerlichen Elternhäusern. Längere Haftstrafen werden bereits seit etwa zehn Jahren bis zum Überquellen der Jugendhaftanstalten verhängt, die Rückfallquoten liegen – nicht trotz, sondern wegen dieser Praxis – bei 71 Prozent. Es war die niedersächsische Justizministerin Heister-Neumann (CDU), die zu Recht festgestellt hat, dass "unsere Jugendanstalten in ihrer modernen Form … doch Erziehungscamps" sind. Und was die "erleichterte Abschiebung" betrifft: Sie wird sich schon allein aus europarechtlichen Gründen und aufgrund entsprechender Vorschriften der Menschenrechtskonvention auch dann nicht umsetzen lassen, wenn man es für moralisch vertretbar hält, junge Menschen, die ihre kriminelle Sozialisation ausschließlich hierzulande durchlaufen haben, auszuweisen (die Schweiz kennt für diesen Vorgang den treffenden Ausdruck "Ausschaffung").

Der Wahlkampf Roland Kochs und Angela Merkels beruht auf fachlich unausgewiesenen Rezepten, aus untauglichen Verschärfungen, aus hohlen und nicht haltbaren rechtspolitischen Verheißungen sowie einem massiven Etikettenschwindel. Koch und Merkel tun so, als seien "Erziehungscamps" etwas grundsätzlich anderes als lediglich ein weiteres Konzept zur Ausgestaltung des Jugendstrafvollzugs beziehungsweise zur Anreicherung der breiten Palette jugendstrafrechtlich-pädagogischer Angebote.

Und dennoch wird an ebendiesem Etikettenschwindel eine tiefer liegende Problematik sichtbar. Der Assoziationshof des Begriffs "Erziehungscamp", das von der Sache her nicht mehr sein kann als eine andere Form des Jugendstrafvollzugs, ist ausgesprochen weiträumig. Zu Deutsch heißt camp ja nichts anderes als "Lager". Der Assoziationshof des Begriffs reicht vom "Ferien-" über das sportliche "Trainings" bis hin zum "Arbeits-" oder "Konzentrationslager". Lager sind – wie der Philosoph Giorgio Agamben gezeigt hat – eingegrenzte Räume des Ausschlusses, Zonen, die zwar durch das Recht konstituiert, aber in ihrem Inneren dem Recht nicht unterworfen sind. Damit kein Missverständnis entsteht: Es geht nicht darum, irgendjemandem vorzuwerfen, er wolle Jugend-KZs, die es in der NS-Zeit tatsächlich gab, einrichten. Wohl aber geht es darum, zu zeigen, welche sonst zensierten Ordnungswünsche mit derlei Begriffen provoziert werden können.

Dass bei Kochs Kampagne ein kulturalistisch verbrämter Rassismus im Spiel ist, hatte sich schon bei ihrem Auftakt gezeigt – in seinen polemischen Garnierungen, vor allem seiner Kritik an gewissen "hierzulande nicht üblichen Formen der Müllentsorgung" oder seinen Bemerkungen zur "Hausschlachtung", die mit dem Thema Sicherheit in der U-Bahn nicht das Mindeste zu tun haben.

Ein näherer Blick auf Kochs Semantik und den ursprünglichen Münchner Fall fördert zutage, dass es nicht nur um eine Mobilisierung von Angst, sondern auch um die Sehnsucht nach Unterwerfung geht. Um diese Sehnsucht besser zu verstehen, sei ein Blick auf die Bild- Zeitung geworfen.

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Man kann dieses Blatt als Kampfblatt populistischer und konservativer Strömungen analysieren und bekämpfen. Doch womöglich ist die Bild- Zeitung mehr und anderes: Vielleicht ist sie in ihren vielstimmigen Einlassungen vor allem eine Projektionsfläche des kollektiven Unbewussten – also im wahrsten Sinne des Wortes ein Medium, in dem sich jene Emotionen, die in der seriösen Publizistik der Zensur einer verantwortungsethisch orientierten Berichterstattung unterliegen, ungehemmt artikulieren. Wenn das der Fall ist, lässt sich aus der Bild- Zeitung mehr über die kollektive Befindlichkeit der Deutschen erfahren als aus methodisch gesicherten Meinungsumfragen.

Ist es nicht paradox? In dem Maße, wie die ernst zu nehmende kriminologische, sozialpädagogische und juristische Zunft von exzellenten Wissenschaftlern wie den Kriminologen Christian Pfeiffer und Joachim Kersten sowie dem Psychologen Michael Hock bis zu Anwaltsvereinen und dem deutschen Richterbund die CDU-Vorschläge begründet zurückweist, verstärkt die Bild- Zeitung ihre Kampagne. Während in der Ausgabe vom 4. Januar der Kolumnist Franz Josef Wagner anlässlich des Vorwahlsieges von Barack Obama auf Seite zwei Rassismus in Reinkultur absondert – Obamas "Großmutter lebt 80-jährig in einem Kral in Kenia. Sie weiß nicht, wie man mit Messer und Gabel isst" –, feiert das Blatt auf Seite eins "Deutschlands mutigsten Staatsanwalt". Seine "Wahrheit über kriminelle Ausländer: Sie beeindruckt nur eines: Die Haft!".

Im selben Duktus der Superlative hatte das Blatt schon den pensionierten Internatsleiter Bernhard Bueb angepriesen: "Deutschlands strengster Lehrer". Bueb, dessen Traktat Lob der Disziplin in der wahrhaft reaktionären Forderung nach bedingungsloser Anerkennung jedweder Autorität gipfelt, stieß auf breite Zustimmung. Auch heute trifft der schrille Appell an Mut, Strenge und Härte, wie er sich im Ruf nach "Erziehungscamps" ausdrückt, auf einen Resonanzboden unbewusster Verarbeitung eines gesellschaftlichen Unbehagens, dessen mögliche Brisanz noch nicht abzuschätzen ist.

Auch dafür liefert die Bild- Zeitung Belege. In der Ausgabe vom 5. Januar brachte das Blatt ein Interview mit der Mutter des Münchner Schlägers, in dem sie sich nicht nur bei den "Deutschen" entschuldigte und auf die deprimierende familiäre Situation, auf den Teufelskreis von Armut, Vernachlässigung und Gewalt hinwies, sondern auch die Umstände schilderte, unter denen sie nach der Tat ihres Sohnes mit der Polizei in Kontakt kam: "Dann kam das SEK. Sie haben die Tür eingetreten, mich aufs Bett geschmissen und festgebunden. Dann haben sie mir gesagt, dass sie meinen Sohn suchen." Die Mutter von Serkan A., Naciye A., ist 62 Jahre alt. Auf dem Bild wirkt sie wie eine abgearbeitete und erschöpfte Frau.

Dieser offen dokumentierte Skandal scheint bisher niemandem aufgefallen zu sein: Ein bis an die Zähne bewaffnetes Sondereinsatzkommando (SEK) überwältigt eine ältere Dame und fesselt sie, als stünde sie im Verdacht, gewaltsamen Widerstand zu leisten. Dass hier von "Verhältnismäßigkeit" keine Rede sein kann, liegt auf der Hand, und man fragt sich, wer diesen Einsatz zu verantworten hat. Bisher jedenfalls hat sich kein "mutiger Staatsanwalt" gefunden, der diesem Übergriff nachgegangen ist und eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht hat.

Die von Naciye A. geäußerte Entschuldigung wurde neben einem Interview mit dem Opfer, dem pensionierten 76-jährigen Lehrer Bruno N., platziert. Bruno N. hat ihre Entschuldigung nicht angenommen, "denn das ist keine ehrliche Entschuldigung. Ich will kein Mitleid. Ich bin nicht bereit, ihnen deshalb die Hand zu reichen." An dieser Haltung von Bruno N. ist nichts, überhaupt nichts auszusetzen. Keinem Opfer einer Gewalttat irgendwo auf der Welt darf eine falsche Versöhnung abgepresst werden – eine rein verbal bleibende Versöhnung entspräche auch gar nicht ihrem Begriff, der auf die Freiheit von Täter und Opfer, von Feind und Feind baut.

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Indes: Bild wäre nicht Bild, wenn es das Opfer nicht ebenfalls abgelichtet hätte. Auf der Fotografie sehen wir den verkrampft lächelnden Bruno N. vor einem bunten Tuch, in seinen Händen hält er die Reproduktion einer mittelalterlichen Darstellung des auferstandenen Christus. Bild erläutert: "Opfer Bruno N. mit einem Jesus-Bild in seinem Wohnzimmer". Man fragt sich, ob die Journalisten ihn gebeten haben, mit dem Bild zu posieren. Aber vor allem: Wie passt das Bild jenes Mannes, der Feindesliebe, Vergebung und Versöhnung bis in seinen Tod am Kreuz predigte, in die Vorstellung eines Opfers, das in unchristlicher Weise die stellvertretende Entschuldigung einer alten Frau noch nicht einmal in Erwägung zieht?

Nimmt man Text und Illustration des Gesprächs zusammen, so sagt Bruno N. zwar, dass er – der von den Schlägern als "Scheißdeutscher" beschimpft wurde – ihre hasserfüllten Gesichter nicht vergessen könne und den Hass gegen "unser Land und einen Bürger dieses Landes" erlitten habe. Tatsächlich aber zeigt sich Bruno N. – freiwillig oder aufgefordert – nicht als Deutscher, der von "Ausländern", sondern als Christ, der von einem Muslim gedemütigt wurde.

Hier schließt sich ein Kreis, der von den Gegnern von Moscheebauten in Köln und Frankfurt zu Internetseiten wie Deus vult oder Politically Incorrect über feinsinnige Positionspapiere der Kirchen zur gutnachbarschaftlichen Abgrenzung von Christentum und Islam bis zu Roland Kochs Tiraden über in Deutschland unübliche "Hausschlachtungen" reicht. In den Appellen an Härte, Strenge und Autorität, in der Beschwörung des Lagers, nein, des "Camps" mit all seinen männerbündisch-kameradschaftlichen sowie menschenfeindlichen Aspekten, in der Entfaltung einer neuchristlichen und liberalen Martyriologie spricht sich ein ebenso atavistisches wie zeitgemäßes kollektives Unbewusstes aus. Es nährt sich in den unheimlichen Interieurs der städtischen Unterwelt, in den Unzeiten der Nacht und den Zwischenräumen der Angst vor kommunikationslosen Fremden, die, wenn sie wieder zu Hause sind, mit Armut und der Angst vor sozialem Abstieg kämpfen müssen.

Der Schlaf der Vernunft, so der Titel von Goyas berühmten Bild, gebiert Ungeheuer. Der Ruf zur "Ausschaffung" von Gewalttätern wird diese Ungeheuer nicht bannen, sondern nur wachsen lassen. Man kann es auch soziologisch ausdrücken: Die Grundprobleme der Weltgesellschaft, die sich auch auf deutschem Territorium zeigen, lassen sich nicht exportieren. Es ist gut, dass es eine nüchtern differenzierende Sozialwissenschaft wie die Kriminologie gibt.

Micha Brumlik ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Frankfurt am Main. Zuletzt erschienen von ihm "Sigmund Freud. Der Denker des 20. Jahrhunderts" (Beltz Verlag) sowie "Kritik des Zionismus" (Europäische Verlagsanstalt)