Der 16-Jährige stahl, er raubte und betrog. 458 Straftaten binnen eines Jahres. Die Bande krimineller Geschwister im Alter zwischen acht und 15 Jahren brachte es gemeinsam sogar auf 620 Delikte – drei von insgesamt 1890 Fällen junger Intensivtäter aus einem Kriminalitätsbericht des nordrhein-westfälischen Innenministers Burkhard Hirsch, damals wie heute ein Liberaler. Veröffentlicht wurde Hirschs Bericht am 22. Dezember 1977 – ziemlich genau 30 Jahre bevor der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) mit seiner Aussage »Wir haben zu viele kriminelle junge Ausländer« eine Debatte über Jugendkriminalität eröffnet hat, die scheinbar nicht zu stoppen ist. Offensichtlich muss jede (Politiker-)Generation in Deutschland neu entdecken, dass es Jugendgewalt gibt. Grund genug, auf die wesentlichen Fakten zu schauen – und zu fragen, wo heute der Kern des Problems liegt.

Hat die Jugendkriminalität zugenommen?

Die Frage ist entgegen mancher Aussage nicht eindeutig zu beantworten. Und eigentlich müsste das auch der Wahlkämpfer Koch wissen: Denn erst im Oktober hatten Fachleute für die Herbsttagung der Innenminister von Bund und Ländern einen 27-seitigen, vertraulichen Bericht ausgearbeitet, der der ZEIT vorliegt. Ernüchterndes Fazit der nüchternen Analyse zur »Entwicklung der Gewaltkriminalität junger Menschen«: Man müsse wohl erst einmal gründlich forschen, denn »in vielen Bereichen liegen Informationen nur rudimentär vor«. Demnach ist die registrierte Gesamtzahl der Fälle von Gewaltkriminalität zwar seit 1997 um 15,6 Prozent auf 215741 Fälle im Jahr 2006 gestiegen – vor allem, weil es laut Statistik immer mehr schwere und gefährliche Körperverletzungen gibt. 43,4 Prozent dieser Gewalttaten werden von unter 21-Jährigen begangen – weit mehr, als es ihrem Bevölkerungsanteil (8,1 Prozent) entspricht. Zudem stieg die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen bis 21 Jahre um 25,8 Prozent auf etwa 90000.

Drastisch beschreibt die Bund-Länder-Arbeitsgruppe auch die Realität in den Großstädten: Tatort ist demnach vor allem der öffentliche Raum, die Straße. Wer Opfer wird, bestimmt der Zufall – meist sind es Gleichaltrige. Das Schlagen, Treten und Stechen geschieht spontan, aus tief sitzender Frustration heraus, und wird durch Banalitäten ausgelöst: »Was guckst du?«. Die jungen Täter agieren häufig in losen Cliquen. »Die Gewalt wird um ihrer selbst willen verübt, sie scheint der Unterhaltung und dem Zeitvertreib zu dienen«, schreiben die Fachleute.

Dennoch warnen sie vor einer Überbewertung der Zahlen: »Es sind derzeit keine gesicherten Aussagen möglich, ob die Jugendgewaltkriminalität in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg zeigt.« Den »klaren Aussagen« der Kriminalitätsstatistik stünden die Ergebnisse kriminologischer Forschungen entgegen: Ursache steigender Fallzahlen sei demnach »vorrangig steigende Anzeigebereitschaft«.

Auch ein Blick ins Ausland relativiert die aktuelle Aufregung. Denn im internationalen Vergleich zeigen die Kriminalitätsstatistiken einen weitgehend einheitlichen Trend. Was immer die statistische Zunahme der Gewaltverbrechen verursachen mag – ob wachsende Anzeigebereitschaft, zunehmende Gewalttätigkeit oder beides zusammen – das Phänomen kennen die meisten europäischen Länder, in Deutschland ist es eher noch gering ausgeprägt. Kurzschlussargumente, die auf rot-grüne Laschheit oder konservativen Rigorismus verweisen, gehen an dem Problem offensichtlich vorbei.

Sind jugendliche Ausländer generell krimineller als deutsche Jugendliche?

Ja – sie fallen zumindest eindeutig öfter in der Statistik auf: Mehr als jeder fünfte junge Gewalttäter (21,9 Prozent) hat keinen deutschen Pass – obwohl Ausländer nur etwa ein Zehntel dieser Bevölkerungsgruppe stellen. Allerdings sinkt der Anteil der Ausländer in der Statistik seit Jahren. 1997 lag er noch bei knapp 30 Prozent aller jungen Gewalt-Tatverdächtigen. Auffällig ist außerdem, dass Kochs Heimat Hessen zwar nicht mehr – wie noch vor zehn Jahren – auf Platz eins der Bundesländer steht. Aber das Flächenland belegt mit 30,7 Prozent junger Gewalttäter ohne deutschen Pass nach den Stadtstaaten Berlin und Bremen immer noch einen Spitzenplatz in der Statistik. Bei vielen ausländischen Tätern treffen die Ermittler auf nach außen halbwegs intakte Familienstrukturen, während innerhalb der Familie körperliche Züchtigung eine gängige Erziehungspraxis darstellt. Wissenschaftler machen diese Macho-Kultur mitverantwortlich dafür, dass manche der gezüchtigten Sprösslinge später selbst zuschlagen.

Wie viele jugendliche Intensivtäter gibt es?

Von Intensivtätern sprechen Kriminalisten, seit in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine kleine Zahl von Straftätern mit einer immensen Zahl von Ermittlungsverfahren auffiel. Anders als die Kriminalwissenschaft es bis dahin gelehrt hatte, legten sich diese Täter nicht auf eine Art von Delikt fest. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten: Intensivtäter sind fast durchweg männliche Jugendliche. Sie leben überwiegend in großen Städten. Weniger als zehn Prozent der Täter sind dort für gut 40 Prozent der Gewaltkriminalität verantwortlich, sagen Ermittler. Schätzungen gehen von mehr als 3000 jugendlichen Intensivtätern bundesweit aus. Viele von ihnen begehen ihre erste Tat mit acht, neun Jahren – der Einstieg in eine kriminelle Karriere, die dem Staat wie im Münchner U-Bahn-Fall den Vorwurf beschert, die Täter nicht stoppen zu können. Dramatisch klingen Zahlen aus Berlin: Dort zählt die Staatsanwaltschaft 495 Täter, die mehr als zehn Straftaten in einem Jahr begangen haben. Davon haben knapp 80 Prozent einen Migrationshintergrund.

Welche Sanktionen kennt das Jugendstrafrecht?

Das besondere Strafrecht für junge Täter setzt stark auf Erziehung statt auf Strafe – zum einen, weil den Tätern aufgrund Ihres Alters häufig das Unrechtsbewusstsein fehlt, zum anderen, weil ihre Persönlichkeit noch formbar ist. Das Jugendgerichtsgesetz (JGG) vertraut dabei zunächst auf Sanktionen und Angebote wie Therapien und den Ausgleich mit dem Opfer. Es gibt drei Stufen: Erziehungsmittel wie Ermahnungen oder gemeinnützige Arbeit, dann Zuchtmittel wie kurzzeitigen Jugendarrest. Erst als letzte Möglichkeit sieht das JGG bei schweren Straftaten oder Wiederholungstäter Haftstrafen von bis zu zehn Jahren vor. Parallel dazu können ausländische Täter auch abgeschoben werden – bislang aber nur, wenn sie zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt worden sind.

Was bringen Strafverschärfungen?

So vehement die CDU derzeit fordert, die Höchststrafe im Jugendstrafrecht von zehn auf 15 Jahre zu erhöhen, so einhellig sprechen Experten von einem falschen Signal, das höchstens symbolische Wirkung habe. Denn von Höchststrafen betroffen sind lediglich jugendliche Mörder – geschätzt nur einige Dutzend im Jahr in ganz Deutschland. »Das ist sinnlos«, sagen deshalb Fachleute wie der Kriminologe Christian Pfeiffer oder Christoph Frank, Vorsitzender des Deutschen Richterbundes: »Niemand kommt von einer derartigen Tat ab, weil sie stärker strafbewehrt ist.« Auch ein Blick auf die Rückfallquoten spricht gegen längere Haftstrafen: Achtzig Prozent der Jugendlichen, die im Gefängnis waren, werden nach ihrer Entlassung rückfällig. Die letzte große Strafrechtsreform scheint das zu belegen: 1998 wurde die Strafandrohung für schwere und gefährliche Körperverletzungen teilweise verdoppelt – die Art von Taten, bei denen die Statistik seitdem einen deutlichen Anstieg verzeichnet. Aber: Die Vorliebe der Politiker für Strafverschärfungen in spektakulären, meist medial ausgewalzten Einzelfällen zeigt sich daran, dass die Große Koalition in diesem Jahr die nachträgliche Sicherungsverwahrung für jugendliche Schwersttäter beschließen will – übrigens die einzige Strafverschärfung von Union und SPD im Koalitionsvertrag.

Immer wieder gefordert wird, dass 18- bis 21-Jährige, die sogenannten Heranwachsenden, im Regelfall nach Erwachsenen-Strafrecht verurteilt werden sollen. Prinzipiell haben Richter bislang einen Ermessensspielraum, ob sie einen 20-jährigen Vater wie den Münchner Serientäter Serkan A. für »erwachsen« halten. Die Folge: Offenbar routinemäßig werden Heranwachsende als Jugendtäter beurteilt – im Norden noch öfter als im Süden. So verurteilten Hamburger Richter 2006 86,8 Prozent der 18- bis 21-Jährigen nach Jugendrecht – Tendenz seit 2001 leicht steigend, trotz CDU-geführtem Senat.

Welche Alternativen sind im Gespräch – und was ist davon zu halten?

Eine »sinnvolle Alternative auf der Suche nach etwas Besserem als den Strafvollzug« nennt der Kriminologe Artur Kreuzer das nordhessische Erziehungscamp des Exboxers Lothar Kannenberg – eine Einrichtung, wie sie die CDU jetzt bundesweit überall einführen möchte. Bei dem von Kannenberg »aus dem Bauch heraus« entwickelten Konzept lernen die jugendlichen Mehrfachtäter neben Ordnung und Drill auch, so der Gründer, »was den Jugendlichen nicht vermittelt wurde: Wärme, Liebe und Geborgenheit«. Ob wirklich nur 20 Prozent der Kandidaten rückfällig werden, wie Kannenberg behauptet, ist allerdings unklar.

Mit dem »Warnschussarrest« verkauft die CDU eine Maßnahme als neu, die bereits mehrere Bundesratsinitiativen erlebt hat – und parlamentarisch derzeit auf Eis liegt. Die Idee: Tätern, die eine Bewährungsstrafe als Freispruch deuten könnten, könne mit »ein bisschen Knast« der Ernst der Lage verdeutlicht werden. Der Haken am »Oldtimer der Hardliner« (Kriminologe Kreuzer): Derartige Jugendliche sind meist keine Ersttäter und kennen bereits den milderen Jugendarrest. Und: »Warnschüsse« können im Bundesdurchschnitt wegen der Belegung der Haftanstalten oft erst Monate nach dem Urteil vollstreckt werden – »und damit zu spät für eine erzieherische Wirkung«, sagt Oberstaatsanwalt Frank.

Einhellig positiv beurteilt wird die Forderung, die Dauer der Jugendverfahren zu verkürzen, sodass ein 15-jähriger Dieb nicht erst nach Monaten spürt, dass es eine Reaktion des Staats auf seine Tat gibt – wenn er möglicherweise längst schon eine Gewalttäterkarriere gestartet hat. Nur ist diese Forderung nicht neu – und die Realität sieht anders aus. In Hamburg etwa dauert es im Durchschnitt allein von Anklage bis Verurteilung mindestens dreieinhalb Monate – dazu kommt die Zeit, die Polizei und Staatsanwaltschaft brauchen. Zumindest bei Intensivtätern versuchen die Ermittler vielerorts mit Spezialdezernaten die Zeit bis zur Anklage zu verkürzen: So gilt in Köln schon als Erfolg, wenn zwischen Tat und Urteil durchschnittlich weniger als 100 Tage vergehen. Wer also dort im Spätsommer beim Handyraub erwischt wird, bekommt zu Weihnachten ein beschleunigtes Urteil. »Die Verkürzung derartiger Verfahren ist sehr wünschenswert, kostet jedoch viel Geld«, urteilt der Richterbund-Vorsitzende. Dafür müssten nicht nur die Gerichte, sondern auch Polizei und Staatsanwaltschaft personell erheblich besser ausgestattet werden.

Mitarbeit: Frank Drieschner