In irgendeiner Zeitung war jüngst die Zahl 2,2 Millionen zu lesen, in einer anderen war von 1,7 Millionen die Rede – wie auch immer: Der Verkaufserfolg des Buches Ich bin dann mal weg von Hape Kerkeling bewegt sich in Höhen, wo es schwindelerregend wird. Man legt nach einem Telefonat mit der Pressestelle des Verlages den Hörer auf, schaut auf die Notizen, die man sich gerade machte, und zweifelt. Steht da nicht eine Null zu viel? War jetzt von 270.000 verkauften Exemplaren oder tatsächlich von 2,7 Millionen die Rede? Letzteres stimmt wohl, und daraus folgt: Hape Kerkelings Buch Ich bin dann mal weg; (Piper Verlag, München 2006; 344 S., 19,90 €) ist das meistverkaufte Sachbuch in der Geschichte der Bundesrepublik. Es erschien im Mai 2006, war kurz darauf auf der Bestsellerliste, hält deren Spitzenplatz bis heute, unterbrochen nur von vier Wochen, in denen es vom Buch des Papstes über Jesus von Nazareth und einer Woche, in der es von Gerhard Schröders Memoiren überflügelt wurde.

Nun ist es mit dem Geheimnis von Megaerfolgen einerseits so, dass sie jenseits einer bestimmten Grenze gar nicht auf einem Geheimnis, sondern einfach auf der Mechanik der Verselbstständigung beruhen. Der 2.700.001. Käufer macht, was 2,7 Millionen Käufer vor ihm taten. Andererseits hat es Logik, dass ausgerechnet dieses Buch so reinhaut.

Es ist autobiografisch, verfasst in der ersten Person Singular, der gegenwärtig jeder anderen überlegenen Schreibform. Und es berührt den unruhigsten Nerv der säkularisierten Epoche: den Glaubensverlust. Wir nennen uns immerhin christliches Abendland. Und leben in einer Gesellschaft, deren Mehrheit mit dem christlichen Gauben hadert. Oder auch mit dem Hadern kein Problem mehr hat, damit aber auch nicht ganz glücklich ist. Hape Kerkelings Tagebuchbericht über seine Fußmarschbewältigung des Jakobsweges scheint diesen Konflikt zwischen Saint-Jean-Pied-de-Port und Santiago de Compostela lösen zu können. Der pilgernde Komiker folgt Glaubenserlebnissen und Glaubensgefühlen, die jenem postmodernisierten Christentum entsprechen, das seit geraumer Zeit Konjunktur hat. Er bezeichnet sich "als einen Buddhisten mit christlichem Überbau". Besser kann man postmodernes Christentum ja gar nicht definieren.

Nun kann der Autor natürlich nichts dafür, dass es auf dem Jakobsweg neuerdings touristisch brummt. Für eines ist sein Buch, ist dessen schnoddrig-munterer Ton ("komme mir vor wie in einer Klerikalkomödie") aber wohl doch verantwortlich: Für ein im Subtext des Erfolges wirkendes Missverständnis. Es ist das Missverständnis des verheirateten Mannes, der findet, die Geliebte müsse dank-bar den Aufwand zu schätzen wissen, den er betreibt, um zwischen Büroschluss und zu Hause ein Stündchen bei ihr zu sein. Etwas von diesem Hochmut – und eben gerade nicht religiöse Demut – drückt sich im Erfolg des Kerkeling-Buches aus. Ist es nicht toll, scheint der Erfolg zu fragen, dass so viele Leute wieder Lust auf ein bisschen Katholizismus haben und dass sich diese Lust so alltagsnah ausdrückt? "Am Schluss gibt’s dann vom Secretarius Capitularis in Santiago eine dolle Urkunde in lateinischer Sprache mit Goldrand, die COMPOSTELA. Und mir werden alle Sünden erlassen, und das sind nach Ansicht der katholischen Kirche einige! Komme mir vor wie in einer Klerikalkomödie." Klingt gut, klingt lustig und entspricht der Wahrheit des Buches und seines Erfolges, der, genau betrachtet, nicht auf einer Wiederannäherung an den christlichen Glauben, sondern auf der leichtschultrigen Vermeidung der etwas schwierigeren christlichen Glaubensherausforderungen (ewiges Leben, unbefleckte Empfängnis etc.…) beruht. Irgendwie hat dieser Megaerfolg auch etwas Trauriges.