Hofgeismar - Der Reinhardswald ist eine deutsche Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Fast könnte man meinen, hier in Nordhessen sei vor hundert Jahren die Zeit stehen geblieben, wenn man die schönen Alleen sieht und die dunklen, stillen Wälder mit ihren mächtigen Huteeichen. Früher trieben die Bauern ihre Schweine zur Eichelmast in diese Wälder. Unweit der verwunschenen Sababurg – einem früheren Jagdschloss der Landgrafen von Hessen – liegt eines der ältesten Naturschutzgebiete Deutschlands, ein echter Urwald mit bis zu 600 Jahre alten Baumriesen. Wie auf einem Gemälde von Caspar David Friedrich recken die Bäume ihre knorrigen Äste in den Himmel.

Reiseveranstalter verkaufen die Sababurg als Prototypen des »Dornröschenschlosses«. Schließlich hatten die Gebrüder Grimm 30 Jahre lang in Kassel gewirkt und auch im Reinhardswald nach alten Sagen und Märchen geforscht. Doch passt das Märchen vom dukatenspeienden Goldesel besser zu dem, was sich in der abgeschiedenen Region gerade abspielt.

Heinrich Sattler, Bürgermeister von Hofgeismar am Rande des Reinhardswaldes, will mitten in die fast unberührte Naturlandschaft seiner Heimat das größte Ferienresort Europas stellen: fünf Hotels, vier Golfplätze, eine künstliche Seenplatte nebst »Beachclub«, ein Reitsportzentrum samt Ponyhof, Trabrennbahn und Poloplatz, dazu ein Konferenzzentrum und 600 Ferienhäuser in sechs neu anzulegenden Dörfern. »Medical, Wellness, Beauty, Golfing, alle In- und Outdoor-Sportarten« – dem Hofgeismarer Bürgermeister perlen die PR-Botschaften nur so von den Lippen. Der Bürgermeister rechnet mit einer halben Million Übernachtungen pro Jahr und mehr als 1000 neuen Arbeitsplätzen in der strukturschwachen Region.

Als Standort für sein Megaprojekt hat der CDU-Kommunalpolitiker das Landgut Beberbeck erkoren, nur einen Steinwurf entfernt von der Sababurg. Das frühere Gestüt der Hessischen Landgrafen, das heute landwirtschaftlich genutzt wird und ein Altenheim beherbergt, liegt auf einer Rodung inmitten des Reinhardswaldes. Im Herbst beschloss das Land Hessen, die Domäne zum Vorzugspreis von 9,2 Millionen Euro einer eigens von der Stadt Hofgeismar gegründeten Besitzgesellschaft zu verkaufen. Die Erschließung will die Koch-Regierung mit 30 Millionen Euro fördern. Der hessische Ministerpräsident schwärmt von einem neuen »Leuchtturmprojekt« in Nordhessen.

Ortskundige nennen die Gegend »Hessisch-Sibirien«

Auf den Geschmack gebracht hatte Sattler ein Kölner Architekturbüro, das sich auf Ferienparadiese in aller Welt spezialisiert hat. Zunächst war es nur um den Umbau der Sababurg in ein »Erlebnishotel« gegangen. Doch dann fiel der Blick der Planer auf die Domäne Beberbeck. »Das Gelände ist ideal. Wir schaffen hier eine ganz neue Destination«, sagt Architekt Tom Krause. Aus ganz Deutschland und den Beneluxstaaten sollen die Erholung suchenden Menschen nach Beberbeck finden. Trotz des rauhen und unbeständigen Klimas in Nordhessen, einer Region, die unter Ortskundigen gelegentlich als »Hessisch-Sibirien« bezeichnet wird.

Seit die Pläne öffentlich sind, herrscht in der Region Goldgräberstimmung. Handwerksbetriebe vom Zimmerer bis zum Bäcker hoffen, beim Bau und dem späteren Betrieb des 400-Millionen-Euro-Projekts kräftig mitzuverdienen. Widerspruch aus der ortsansässigen Bevölkerung gibt es kaum. Ist das »Schloss Beberbeck Resort« also tatsächlich das »wahre Märchen aus dem Herzen Deutschlands«, als das es ein opulent aufgemachter Hochglanzprospekt schon anpreist?