Ein Sozialist, wie er im Buche steht – Seite 1

Das Bild Karl Liebknechts, des am 15. Januar 1919 zusammen mit Rosa Luxem-burg ermordeten Führers des Spartakusbundes und Mitbegründers der Kommunistischen Partei Deutschlands, schwankt in der Geschichte. In der DDR wurde er als Märtyrer gefeiert, der einem gegenrevolutionären Komplott von rechten Sozialdemokraten und kaiserlichen Militärs zum Opfer gefallen sei. In der Bundesrepublik betrachtete man ihn eher als einen missratenen Spross Wilhelm Liebknechts, der neben August Bebel wichtigsten Vaterfigur der deutschen Sozialdemokratie, als einen Wirrkopf, der durch seinen ungestümen revolutionären Aktionismus sein tragisches Ende selbst heraufbeschworen habe.

In seiner 1980 erschienenen Biografie unternahm Helmut Trotnow den Versuch, die sterilen ideologischen Frontlinien des Kalten Krieges zu überwinden und Karl Liebknecht für die Sozialdemokratie, die ihn im Ersten Weltkrieg aus ihren Reihen verstoßen hatte, zurückzugewinnen: »Im Grunde genommen war Liebknecht ein radikaler Reformpolitiker, der mit seinem uneingeschränkten Bekenntnis zu den Idealen von Menschlichkeit und Gerechtigkeit der heutigen SPD, die ihn entschieden von sich weist, näher steht als der SED, die ihn als geistigen Vorfahren reklamiert.«

Zu jenen in der DDR, die Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg auf die ideologischen Bedürfnisse der SED-Führung zurechtgestutzt hatten, zählt auch die Historikerin Annelies Laschitza. Sechs Jahre nach der Wende von 1989 veröffentlichte sie eine Rosa-Luxemburg-Biografie, in der sie sich zwar von den groben Verfälschungen früherer Tage distanzierte, die revolutionäre Sozialistin aber erneut auf einen Denkmalssockel stellte. Dieselbe Mischung aus verhaltener Selbstkritik und einem Fortschreiben früherer Positionen begegnet uns nun auch in ihrem neuen Werk über Die Liebknechts. Im Vorwort verspricht die Autorin, »Fehler und Schwächen zu korrigieren, die sich vor allem aus einer dogmatischen Überhöhung der marxistisch-leninistischen Klassiker und einer Vernachlässigung des Individuellen ergeben haben«. Zugleich verkündet sie als ihre Absicht, dafür zu sorgen, dass Karl Liebknecht an der Seite Rosa Luxemburgs »als ungestümer Kämpfer und umstrittener Querdenker, als Mann mit Charme und Charisma in Erinnerung bleibt«.

Diese Absicht hat die Autorin konsequent in die Tat umgesetzt. Präsentiert wird eine sozialistische Musterbiografie im Stile eines bürgerlichen Entwicklungsromans. Von Anfang an scheint Karl Liebknecht dazu auserwählt, in der sozialdemokratischen Bewegung Hervorragendes zu leisten. »Der Kleine gedeiht sehr gut und wird hoffentlich seinen Paten Marx und Engels Ehre machen.« Das schrieb Wilhelm Liebknecht nach der Geburt seines zweiten Sohnes Karl am 13. April 1871 in Leipzig – und diese Worte des stolzen Vaters könnten auch als Motto über Laschitzas Porträt stehen.

Sie schildert den Werdegang des jungen Liebknecht als gradlinigen Prozess – vom Besuch des humanistischen Nicolaigymnasiums in Leipzig, über das Studium der Jurisprudenz, die Referendarzeit und Promotion bis zur Niederlassung als Rechtsanwalt im Jahre 1899. Am Ende steht ein »gebildeter Sozialist mit lauterem Charakter« vor uns, ein Anwalt, der – wie es heißt – »seine höchste und heiligste Aufgabe« darin sieht, »den Schwachen und Unterdrückten Beistand zu leisten«. Der, in die Fußstapfen des Vaters tretend, sich in die Politik begibt, als Reichstagsabgeordneter unermüdlich gegen den preußischen Militarismus agitiert und sich zugleich mit den »Opportunisten« auf dem rechten Flügel der SPD herumschlägt. Kurzum: ein Mann ohne Fehl und Tadel, ohne Brüche und Widersprüche.

Dieses Heldengemälde bekommt einige Risse, wenn sich Annelies Laschitza dem Privatleben Liebknechts zuwendet. Seit 1900 war der Rechtsanwalt mit Julia Paradies, der Tochter eines jüdischen Kaufmanns, verheiratet. Mit ihr hatte er drei Kinder – zwei Söhne und eine Tochter – und führte nach außen eine glückliche Ehe. Doch im Januar 1906 lernte Liebknecht die Studentin Sophie Ryss aus Rostow am Don kennen und verliebte sich heftig in sie. Die Briefe, die sich die beiden schrieben, hat die Historikerin als Erste einsehen können. Sie werfen kein günstiges Licht auf Liebknecht, denn einerseits suchte er vor seiner Familie und seinen politischen Freunden das Liebesverhältnis zu verheimlichen, andererseits meldete er aber gegenüber seiner Angebeteten schon bald Besitzansprüche an. »Schwor mein Herzensmädchen mir nicht Treue? Bin ich ganz abgehalftert? … Oder ist ein Unglück passiert?« So bedrängte er sie, wenn sie einmal für längere Zeit nichts von sich hören ließ. Oder er warb: »Könnt ich Dich doch ganz für mich besitzen, mich dünkt, dann könnt ich doch noch glücklich werden.«

Annelies Laschitza zitiert ausgiebig aus dem Briefwechsel, ohne ihn jedoch scharf auszudeuten. Denn was sich hier enthüllt, sind die unsympathischen Züge eines Egomanen, der zwar in seinen Reden die Vision einer repressionsfreien sozialisti-schen Gesellschaft beschwor, als Privatmann aber ziemlich rücksichtslos die eigenen Bedürfnisse an die erste Stelle setzte. Als Julia Liebknecht im August 1911 nach einer Gallenoperation unerwartet starb, hatte es Karl Liebknecht sehr eilig, Sophie Ryss zu heiraten .

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Was er von seiner zweiten Frau erwartete, darüber ließ er sie nicht im Unklaren: »Wir müssen uns ineinander schicken, freilich wirst Du, mehr als ich, Dich anschmiegen müssen. Ich bin nicht frei; ich muß meinen Weg gehen.« Und diesen Weg geht die Autorin weiter distanzlos mit ihm. Ihr Buch ist zwar als Doppelbiografie angekündigt, doch steht Sophie Liebknecht deutlich im Schatten ihres Mannes, der sich immer mehr in seinen politischen Geschäften aufrieb und immer weniger Zeit für die Familie aufbringen konnte. »Die Politik frißt mich auf; jede Faser hat sie verschlungen«, klagte er im November 1914, einige Monate nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges, seiner Frau, die ihre beruflichen Ambitionen als promovierte Kunsthistorikerin zurückstellen und sich ganz um die Kinder kümmern musste.

Keine Frage: Karl Liebknechts oppositionelle Aktivitäten im Krieg sind aller Ehren wert. Als einer der wenigen ließ er sich nicht durch die Kriegspropaganda täuschen. Bereits im Oktober war er sich sicher, dass das Deutsche Reich keinen Verteidigungskrieg führte, sondern einen Präventivkrieg vom Zaun gebrochen hatte – was von der deutschen Geschichtswissenschaft erst 50 Jahre später, dank der Forschungen Fritz Fischers, bestätigt wurde. Am 2. Dezember 1914 stimmte Liebknecht im Reichstag als Einziger gegen die Kriegskredite – ein Akt der Zivilcourage, der Bewunderung verdient. Die Strafe folgte auf dem Fuße: Der 42-Jährige wurde eingezogen und kam als Armierungssoldat an die Ostfront.

Am 1. Mai 1916 führten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg eine große Antikriegsdemonstration am Potsdamer Platz in Berlin an. Liebknecht wurde verhaftet und zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. Durch sein konsequentes Eintreten gegen den Krieg war er zum bestgehassten Mann der herrschenden Kreise im wilhelminischen Deutschland geworden – und zum »populärsten Mann in den Schützengräben«, wie Karl Kautsky, der SPD-Cheftheoretiker, im August 1916 schrieb.

In den Partien zum Ersten Weltkrieg gewinnt die Darstellung an Farbe, die Sprache, deren hagiografischer Duktus in den ersten Kapiteln manchmal nur schwer erträglich ist, wird lebendiger. Und hin und wieder findet sich nun sogar ein kritisches Wort, etwa wenn Annelies Laschitza Liebknecht dafür tadelt, dass er Sophie aus dem Gefängnis heraus unaufhörlich mit Wünschen und Forderungen traktierte, obwohl sie doch schon genug damit zu tun hatte, den beschwerlichen Kriegsalltag zu bewältigen.

Nicht ganz unkritisch ist auch der Bericht über Liebknechts Rolle in der Novemberrevolution von 1918. Zu Recht wirft ihm die Autorin vor, sich in einen »revolutionären Rausch« hineingesteigert und sich dabei über die wahre Stimmung in der Bevölkerung hinweggetäuscht zu haben. Für das Programm »Alle Macht den Räten!« gab es keine Mehrheit; dafür trat nur eine verschwindende Minderheit ein. Bereits am 10. November, in der ersten Versammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte, wurde Liebknecht niedergeschrieen – »ein Fiasko für die Spartakusgruppe«, wie Annelies Laschitza konstatiert.

Doch statt die Kräfteverhältnisse nüchtern zu analysieren und ihre Strategie zu korrigieren, glaubten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die Revolution doch noch in ihrem Sinne vorantreiben zu können. Sie bezahlten für diesen Irrtum mit ihrem Leben. Auf die kaltblütige Ermordung der beiden geht die Autorin leider nur kurz ein. Bis heute sind die Hintergründe nicht voll aufgedeckt. Ob die ganze Wahrheit jemals ans Licht kommen wird, ist eher unwahrscheinlich.

Karl Liebknecht verdient es in der Tat, in Erinnerung gehalten zu werden. Aber nicht, indem man ihn idealisiert oder ihn für eine politische Richtung reklamiert, sondern indem man ihn so beschreibt, wie er war: mit seinen Stärken und Schwächen, seinen Leistungen und seinem Versagen. Annelies Laschitzas Buch enthält viel Material, nicht nur zum politischen, sondern auch zum privaten Leben Liebknechts. Doch ist die Autorin insgesamt von ihrem »Helden« zu sehr eingenommen, als dass sie immer die notwendige Balance zwischen Einfühlung und Distanz halten könnte. Die große, kritische Liebknecht-Biografie muss erst noch geschrieben werden.