Der Tod Benasir Bhuttos hat die Welt erschüttert. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen berief eilig eine Sondersitzung ein, um die Ermordung der pakistanischen Oppositionsführerin zu verurteilen. Die US-Aktienkurse fielen, und die asiatischen Aktienmärkte rutschten fast alle in Erwartung weltweiter Erschütterungen ab. In den USA wurde das Ereignis sogleich zum Wahlkampfthema – jeder Präsidentschaftsanwärter fühlte sich aufgerufen, etwas darüber zu sagen, wie mit der explosiven Situation in einem Atomwaffenstaat umgegangen werden sollte.

In Pakistan selbst hat der Mord immer neue Fragen aufgeworfen. Wer hat sie umgebracht – und warum? Wie wird Pakistan nach Benasir aussehen? Was wird jetzt aus der größten politischen Partei des Landes, die Benasir ohne demokratische Legitimierung »geerbt« hatte? Eine Befürchtung beherrscht alle Gespräche in den Wohnzimmern: Wird Pakistan diesen vielleicht schwersten Anschlag auf die Stabilität des Landes eventuell nicht überleben?

Mit ihrem Tod ist Benasir Bhutto sogar zu einer noch größeren Figur geworden, als sie es im Leben je hätte sein können. Ihr Vater Sulfikar Ali Bhutto, der Gründer der Pakistanischen Volkspartei (PPP), war der launenhafte Prinz der pakistanischen Politik. Vielleicht kann man seine Tochter als Prinzessin der Probleme des Landes bezeichnen. Beide waren nicht fehlerfrei. Charismatische Führer, die meist in Zeiten der Not in Ländern mit schlecht ausgebildeter politischer Kultur auftreten, regieren instinktiv als Autokraten. Benasir war mit ihren 35 Jahren die erste muslimische Frau der modernen Geschichtsschreibung an der Spitze einer Regierung. Die Macht auch hinter ihrem Thron aber war die Armee.

2007 war für uns das Jahr, in dem die Protestbewegung der Anwälte gegen Präsident Pervez Musharraf und das Erwachen der Zivilgesellschaft die Hoffnung weckte, dass Moral und demokratische Prinzipien in einem Land an Bedeutung gewinnen könnten, in dem die Herrschenden stets mit der Manipulation der Verfassung und schamloser Berechnung davongekommen sind. Der Anschlag auf Benasir hat all das beendet, und jetzt lauern Chaos und politische Umwälzungen. Trotz all ihrer Fehler war Benasir doch diejenige Führungspersönlichkeit, die sowohl intellektuell als auch als politische Strategin befähigt war, weltweit Unterstützung für Pakistans Drängen hin zu einer liberalen Gesellschaft zu gewinnen. Allein die Vorstellung, dass eine moderne, attraktive und eloquente Frau ein Land führen könnte, das im Allgemeinen mit religiösem Extremismus und sozialer Rückständigkeit in Verbindung gebracht wird, war aufregend genug. Außerdem war ihre Partei die größte des Landes und hatte ihre Unterstützer nicht nur in den armen Teilen der Bevölkerung, sondern auch unter der Intelligenzija. Die Tatsache, dass sie auch leidenschaftliche Gegner hatte, lag an ihrer charismatischen Persönlichkeit.

Welches sind nun die Hauptthemen, die durch die Ermordung Benasirs akut geworden sind?

1. In Pakistan gibt es einen guten Nährboden für Verschwörungstheorien. Während die Regierung Musharraf mit dem Finger auf radikale Al-Qaida-Anhänger zeigt, wird allgemein vermutet, dass verbrecherische Elemente in den Geheimdiensten oder im Establishment in den Anschlag verwickelt sein könnten. Manche glauben, ihre Ermordung sei Teil einer großen internationalen Verschwörung zur nuklearen Entwaffnung Pakistans. In Pakistans Geschichte gibt es zahlreiche ungeklärte Mordfälle, angefangen mit dem Mord am ersten Premierminister des Landes, Liaquat Ali Khan, der 1951 umkam – zufällig am selben Ort wie Benasir.

2. Da die PPP die einzige Partei mit Anhängern in allen vier Provinzen ist, wird der Tod Benasirs den föderalen Zusammenhalt schwächen und den regionalen Nationalismus stärken. Schon jetzt führen die drei kleineren Provinzen zahlreiche Klagen gegenüber der größten Provinz Punjab, die auch Hauptsitz des Militärs ist. Bereits jetzt ist Belutschistan, das flächenmäßig die größte Provinz, aber die mit der geringsten Bevölkerungszahl ist, vollständig entfremdet; immer wieder kommt es zu Militäraktionen gegen örtliche Nationalisten. Die Bhuttos stammen aus Sindh, und auf Benasirs Beerdigung gab es lautstarke Sprechchöre: »Wir wollen Pakistan nicht!«