Das ist neu in der Autobranche. Nicht die Giganten Toyota, General Motors, Volkswagen oder Daimler bestimmen die Schlagzeilen, sondern ein vergleichsweise kleiner Hersteller aus Indien: Tata Motors. In dieser Woche stellen die Inder auf der Automobilmesse in Neu-Delhi ihren »People’s Car«, also ihren indischen Volkswagen vor, der zu einem sagenhaften Preis von 100.000 Rupien, umgerechnet gut 1700 Euro, noch in diesem Jahr auf den Markt kommen soll. Und damit nicht genug. Tata Motors will nicht nur auf dem untersten Preisniveau den Weltmarkt aufrollen, sondern zukünftig auch in der automobilen Luxusklasse mitmischen. Die Inder wollen sich die britischen Traditionsmarken Jaguar und Land Rover sichern, die der angeschlagene US-Autoriese Ford zu Geld machen will.

Ist Tata dem Größenwahn erlegen, wenn es sich mit Riesen auf den Weltmärkten anlegt? Das Unternehmen produziert gerade einmal 400.000 Fahrzeuge im Jahr. Die Fabriken der Branchenriesen Toyota oder General Motors spucken hingegen jeweils rund neun Millionen Autos aus. Oder ist das indische Unternehmen der erste Beleg dafür, dass Hersteller aus den aufstrebenden Schwellenländern die Konzerne aus Japan, Europa und den USA von nun an das Fürchten lehren?

Ernst nehmen sollten die etablierten Autobauer die neue Konkurrenz aus Indien auf jeden Fall. Ihr Kopf ist ein langfristig denkender Stratege, der schon jetzt eine ziemlich einmalige Unternehmerkarriere hinter sich hat: Ratan Tata, Chefaufseher von Tata Motors und zugleich Vorsitzender der Tata Group, eines der größten Industriekonglomerate Indiens.

Als Sinnbild eines aggressiven Aufsteigers aus einem Schwellenland ist Ratan Tata allerdings eine Fehlbesetzung. Der Mann mit den grauen Schläfen und der Adlernase sieht nicht nur aus wie ein römischer Patrizier; er spielt auch auf dem Subkontinent in derselben Klasse wie in Europa seinerzeit ein Gianni Agnelli in seinen Glanzzeiten bei Fiat. Der Vorstandsvorsitzende der Tata Group ist ein Gentleman mit tadellosen Umgangsformen und höchstem ethischem Anspruch.

Die von ihm seit 1991 geführte Unternehmensgruppe schreibt seit über hundert Jahren indische Wirtschaftsgeschichte und gilt als überaus begehrter Arbeitgeber. Die Firmen mit dem Tata-Label im Logo sind für ihre Unbestechlichkeit bekannt – und das ist noch immer eine Besonderheit auf dem Subkontinent. Zugleich verkörpert die Tata Group seit einigen Jahren den gewachsenen Anspruch zwischen Bombay und Neu-Delhi, in der Weltspitze mitzuspielen. Als Tata vor gut einem Jahr beinahe geräuschlos den britisch-niederländischen Stahlhersteller Corus übernahm, jubelte der Vorsitzende des indischen Industrieverbands, R. Seshasayee: »Die Internationalisierung unserer Firmen hat mit diesem Deal einen Höhepunkt erreicht. Tata ist ein Symbol für ein neues, selbstbewusstes Indien.«

Schon zuvor hatten die Inder immer wieder still und leise weltweit zugekauft, etwa die Lkw-Sparte des südkoreanischen Daewoo-Konzerns oder die traditionsreiche britische Teemarke Tetley. Ähnlich geräuschlos könnte die Übernahme der ehemals britischen Autohersteller Jaguar und Land Rover verlaufen. Auch hier agierte Ratan Tata bislang diplomatisch und ohne nationalistische Töne. Den Mitarbeitern der beiden Firmen versicherte er schon im Vorfeld: »Der einzige Unterschied wird sein, dass die Unternehmen jemandem in Indien gehören« – als ob nicht gerade dies das Weltbild vieler Europäer auf den Kopf stellt. Man sollte den indischen Industriebaron, der Ende Dezember seinen 70. Geburtstag feierte, auf keinen Fall unterschätzen: Auch mit guten Manieren kann man die Expansion eines Firmenimperiums dynamisch vorantreiben.

»In hundert Jahren wird Tata viel größer sein als jetzt, und wir werden unsere Flügel weit über Indien hinaus ausgebreitet haben«, so lässt sich der Vorstandsvorsitzende, der 1991 die Leitung des Firmenkonglomerats der Familie von seinem Onkel übernahm, auf der Tata-Website zitieren. Dabei ist Tata insgesamt schon jetzt ziemlich groß. Seit Beginn seiner Regentschaft gelang es Ratan Tata, den Umsatz der Gruppe, deren Produktportfolio von Stahl über Tee und Autos bis zu Finanzdienstleistungen reicht, auf 28,8 Milliarden Dollar im Jahr zu verneunfachen.