Miss Kittin heißt mit bürgerlichem Namen Caroline Hervé. Ende der neunziger Jahre wurde sie als DJane weltbekannt. Sie lebte vier Jahre in Berlin. In ihrer neuen Heimatstadt Paris nahm die 34-Jährige ihr zweites Album „Batbox“ auf. Es erscheint am 1. Februar.

Mein größter Traum ist es, einmal in den Weltraum zu fliegen. Ich möchte unsere Erde von oben sehen, den Kosmos um uns herum. Ich bedauere, zu spät geboren zu sein, um die Mondlandung live am Bildschirm verfolgt zu haben. Deshalb schaue ich mir gerne Dokumentationen im Fernsehen an, die von den Weltraumfahrten erzählen, von den Missionen zum Mond – und davon, dass keiner der Astronauten unverändert zurückkehrte. Ich glaube, sie bekamen ein Bewusstsein für größere Zusammenhänge. Sie haben gesehen, wie winzig die Erde im Weltraum ist, wie viel es dort draußen zu entdecken gibt.

Als Kind in Grenoble haben mich Menschen genervt, die nicht über den Tellerrand schauten, nur ihre kleine Welt sahen, Angst vor unbekannten Erfahrungen hatten. Ich wurde Künstlerin, um der Dummheit zu entfliehen. Heute weiß ich das, damals wollte ich einfach nur rebellieren. Gegen meine Mutter, die aus mir eine Musterschülerin machen wollte, auf die sie stolz sein konnte, um so ihre eigene Bitterkeit zu vergessen. Gegen meinen Vater, der ohne mich mit seiner neuen Familie glücklich sein wollte. Für beide war ich ein Ärgernis, es war eine harte Zeit, meine Mutter hat trotzdem geglaubt, dass aus mir etwas Besonderes würde. Indem ich dagegen kämpfte, wurde ich so, wie sie gehofft hatte – ist das nicht verrückt?

Ich habe mir oft vorgestellt, wie es wäre, ins Weltall zu fliegen. Als Teenager begann ich, astrale Träume zu haben, eine Art von Visionen im Wachzustand. So einen Zustand erreiche ich noch heute, wenn ich meditiere, sehr entspannt bin, weit weg von irdischen Problemen – und mich auf eine existenzielle Frage konzentriere. Zum Beispiel vor zwei Monaten in Paris. Ich stellte mir die Frage: Woher komme ich? Denn ich glaube an Reinkarnation. In dem Traum war ich ein Meteorit, der mit großer Geschwindigkeit durchs All flog. Ich glaube, der Traum wollte mir sagen, dass ich von weit her komme.

Ich weiß, Deutsche sind solchen Erfahrungen gegenüber skeptisch. Sie nennen mich einen Hippie, wenn ich ihnen davon erzähle. Lieber gehen sie mit mir auf den Berliner Fernsehturm, essen ein Stück Käsetorte, trinken Kaffee und sind so dem Weltall ein Stück näher. Vier Jahre lang lebte ich in Berlin, von 2002 bis 2006, und wenn ich zurückkehre, gehe ich so oft wie möglich auf den Fernsehturm. Die Einrichtung des Restaurants erinnert mich an James-Bond-Filme aus den siebziger Jahren, die Architektur an eine Weltraumstation.

Kehren wir zu meinem Traum vom Flug ins Weltall zurück. Den letzten Abend vor der Reise würde ich mit einem nächtlichen Picknick feiern. Draußen im Grünen, Freunde würden Rotwein mitbringen und kleine Speisen. Musik muss nicht gespielt werden, mir würde es um das Zusammensein mit Menschen gehen. Ich würde allen sagen, dass es nicht schlimm wäre, sollte mir etwas zustoßen, denn ich hätte mir meinen Traum erfüllt.

Ich sehe mich, wie ich am Fenster des Raumschiffes sitze und die Aussicht auf die Unendlichkeit genieße. Dazu läuft Musik von The KLF, einer britischen Elektroband aus den frühen neunziger Jahren, sie haben ein wunderbares Chill-out-Album gemacht. Die Musik und die Bilder erinnern mich an das Fernsehprogramm, das ich bei meinen ersten Touren in Deutschland gesehen habe. Ich kam nachts aus Clubs zurück, legte mich auf das Hotelbett und sah Space Night im Bayerischen Rundfunk. In der Sendung wurden Bilder aus dem Weltall gezeigt, unterlegt mit elektronischer Musik. Großartig! Manchmal schlief ich dabei ein, manchmal übernahm ich einige Tracks der Sendung in mein DJ-Set.

Wenn ich ins All reise, will ich keinen Planeten besuchen. Mich interessiert das Gefühl, durch den Kosmos zu fliegen, die Einsamkeit zu spüren, so wie in Stanley Kubricks Film 2001 – Odyssee im Weltraum. Vor zehn Jahren fuhr ich nach Florida, ich besuchte das Kennedy Space Center, saß im 3-D-Kino, mit der Brille, und hielt den Atem an, als sie den Film über das Weltall vorführten. Es war eines der stärksten Gefühle, das ich je hatte. Es war, als wäre ich wirklich im All. Ich war sprachlos. Dasselbe Gefühl möchte ich gerne einmal wirklich erleben.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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