Doch, sagt Andrea Ypsilanti und lässt sich in einen Stuhl im Frankfurter Bahnhofsrestaurant fallen, an dem Vergleich mit Ségolène Royal sei schon etwas dran. Die schöne Sozialistin gegen den konservativen Fiesling, vermeintlich weiche Themen gegen harte, ein stark polarisierter Wahlkampf und der ständige mal laut, mal leise geäußerte Zweifel "Kann die das?". Manchmal habe sie geradezu Déjà-vu-Erlebnisse gehabt, wenn sie die Berichterstattung über die französische Präsidentschaftskandidatin und sich selbst verfolgt habe, sagt Ypsilanti.

Gleich muss sie weiter zur Moschee im Gutleutviertel, hier um die Ecke. Am Morgen hat Roland Koch ein Burka-Verbot an Schulen gefordert – obwohl bislang in Hessens Schulen keine einzige Burka-Trägerin gesichtet wurde. Da passt der Moscheebesuch besonders gut, um sich einmal wieder als größtmögliche Alternative zu Koch zu präsentieren. Ségolène Royal hat am Ende mit ihrer Strategie gegen den robusten Sarkozy verloren, doch die hessische Spitzenkandidatin der SPD sieht darin kein Omen, eher eine lehrreiche Warnung. Nicht zu wenig Härte, glaubt Ypsilanti, sei Royal zum Verhängnis geworden, sondern zu wenig Klarheit. "Am Ende hat sie zu viele Kompromisse gemacht, sie hat geglaubt, sie müsse in die Mitte rücken, und hat ihr Profil nicht durchgehalten."

Den Fehler will Ypsilanti nicht machen. Ihre Glaubwürdigkeit war bislang ihr größtes Kapital. Seit Monaten beackert sie die beiden Themen, mit denen sie bei der Wahl in Hessen in zwei Wochen punkten will: Energiepolitik, vor allem aber Bildung. Mit dem Kurswechsel der SPD nach links hat sie anders als manches Regierungsmitglied in Berlin keine Probleme, im Gegenteil. Ypsilanti kritisierte beharrlich Gerhard Schröders Agenda 2010. Beim Hamburger Parteitag rückte auch die SPD von der Agenda ab – und Ypsilanti, "diese Frau XY", wie Schröder sie zu nennen pflegte, vom linken Rand in die Mitte der Partei. Aus der Nervensäge von einst ist plötzlich die Hoffnungsträgerin der SPD geworden.

Doch nun hat Koch nachgelegt. Nachdem die Burka-Kampagne erfolglos blieb, hat der hessische Ministerpräsident mit seinen Forderungen nach mehr Härte gegenüber kriminellen Ausländern ein Thema am Wickel, das die SPD zumindest zeitweise aus dem Tritt gebracht hat. Auch an den SPD-Wahlkampfständen, räumt Ypsilanti ein, sei die Jugendkriminalität Gesprächsstoff. Für die SPD-Spitzenkandidatin ist das in mehrfacher Hinsicht ein Problem. Zum einen gibt es auch viele SPD-Anhänger, die sich eine härtere Gangart gegenüber kriminellen Jugendlichen wünschen. Zum anderen setzt Kochs Kampagne auf den Frauen-Malus, der schon Angela Merkel im Wahlkampf Probleme bereitete. Da ist sie wieder, die perfide Frage, die selten geäußert wird, aber im Hintergrund mitschwingt: Kann die das?

Kurs halten, aber sich bloß nicht in die Kriminellen-Versteher-Ecke drängen lassen, lautet die Parole bei der SPD. Auch sie sei für Härte und schnelle Aburteilung, sagt Ypsilanti: Wer beides verhindere, sei niemand anderer als Koch selbst. Den Ressentiments will sie mit Zahlen begegnen: 12 hessische Polizeireviere geschlossen, 20 vor der Schließung, 160 Justizstellen gekürzt, eine Rückfallquote bei jugendlichen Straftätern von 80 Prozent, alle Anti-Gewalt-Trainings auf null gefahren, das sei die Bilanz der hessischen CDU-Regierung. "Von was redet Herr Koch hier eigentlich?", fragte Ypsilanti beim Wahlkampfauftakt in Wetzlar am vergangenen Wochenende.

Dass Wahlkampf hart sei und Wahlkampf gegen Koch härter, das habe sie gewusst, sagt Ypsilanti und gibt sich betont gelassen. Tatsächlich ist die 50-Jährige weiter gekommen, als die meisten, auch in der eigenen Partei, es ihr zugetraut hätten. In den Umfragen hat Koch seine absolute Mehrheit verloren, und selbst für Schwarz-Gelb wird es knapp. Noch vor einem Jahr galt Hessen für die SPD als ziemlich aussichtsloser Fall. Roland Koch schien unangefochten, die SPD im Lande war gespalten. Bei einer Mitgliederabstimmung über die Spitzenkandidatur hatte sich Ypsilanti mit zehn Stimmen Vorsprung nur knapp gegen ihren Rivalen Jürgen Walter durchgesetzt – zur Überraschung der Berliner Bundesspitze, die mehrheitlich lieber den pragmatischen Wirtschaftsexperten Walter (Spitzname: "der kleine Koch") auf dem Posten gesehen hätte. Ein Landesverband, der zur Hälfte aus Enttäuschten bestand, eine Bundespartei, in der die meisten mit skeptischem Blick nach Hessen sahen, und eine Spitzenkandidatin, deren größter Feind die eigene Unbekanntheit war – keine guten Voraussetzungen für eine Wahl.

Ypsilanti machte aus der Not eine Tugend und aus dem Y ein Markenzeichen, mit Hilfe der Berliner Werbeagentur Zum Goldenen Hirschen, die schon für die Grünen erfolgreiche Wahlkampfkampagnen entworfen hat. Sie ließ sich coachen und feilte an ihrer Rhetorik. Sie heuerte Hermann Scheer als Schattenminister für Umwelt und Wirtschaft an, einen renommierten Energie-Experten aus der Bundestagsfraktion und Träger des alternativen Nobelpreises. Von ihm ließ sie sich ein Konzept entwerfen, nach dem Hessen bis zum Jahr 2013 mit erneuerbaren Energien und ohne Atomkraft aus den Werken Biblis A und B auskommen soll. Und sie machte die Bildungspolitik als große Schwachstelle der CDU aus. Unterrichtsausfall, Stellenkürzungen, Probleme bei der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre – die Unzufriedenheit im Land ist groß, und die Eltern von acht Millionen Schülern sowie 50000 Lehrer bilden eine lohnende Zielgruppe bei 4,5 Millionen Wahlberechtigten.

Während Koch und die CDU am dreigliedrigen Schulsystem festhalten wollen, setzt Ypsilanti auf das "Haus der Bildung": gemeinsames Lernen bis zur 10. Klasse, mehr Lehrer, kleinere Klassen, Sozialarbeiter an den Schulen. Das Konzept ist eng an das finnische System angelehnt, ihr Schatten-Bildungsminister Rainer Domisch arbeitet seit 13 Jahren in der finnischen zentralen Schulbehörde. Das Wort "Einheitsschule" vermeidet Ypsilanti. Polarisierung ist fein, solange sie nicht die eigene Partei entzweit, in der viele durchaus ihre Bedenken haben gegen alles, was auch nur entfernt an Gesamtschulen erinnert.

Wo die meisten Spitzenpolitiker das Wort freudig an sich reißen, lässt Ypsilanti anderen den Vortritt. Bei der Sommerreise von Kurt Beck durch Hessen etwa stand sie meist freundlich lächelnd daneben und äußerte sich nur auf Nachfragen. Wenn sie zusammen mit örtlichen Wahlkreiskandidaten oder Mitgliedern ihres Schattenkabinetts auftritt, gibt sie das Wort schnell weiter. Sie fragt viel, ihre Antworten sind freundlich, aber immer kontrolliert. Sie kann ein nettes Lächeln anknipsen, aber oft signalisieren die verschränkten Arme zugleich Distanz. Sie spricht viel über Gerechtigkeit und "kleine Leute", aber zwischen ihrer Herkunft als Tochter eines Opel-Arbeiters und ihren Reden als Spitzenkandidatin habe dann "doch noch ein Soziologiestudium gelegen", lästern Parteifreunde. Sie setzt auf Personalisierung und bleibt doch seltsam ungreifbar.

Ypsilanti vernachlässige die klassische SPD-Klientel, lautet ein Vorwurf aus der eigenen Partei, sie setze zu sehr auf grüne Themen. Jürgen Walter, ihrem unterlegenen Rivalen, gab sie den Posten als Schatten-Innenminister, obwohl seine Stärke eher in der Wirtschaftspolitik liegt – doch diese Zuständigkeit hatte Ypsilanti dem Linken Scheer zusätzlich zur Umwelt versprochen. Da kam die Mindestlohnkampagne der Bundespartei gerade recht, um die Schwachstelle auf dem Feld der Arbeitsmarktpolitik auszugleichen.

Das Aggressive liegt ihr nicht, die Methode Ypsilanti fußt eher auf Hartnäckigkeit. "Ich will gewinnen", rief sie bei ihrer Nominierung zur Spitzenkandidatin, "und kämpfen, glaubt mir, das kann ich!" Sie sei zwar zierlich, aber "verdammt zäh": "Da, wo ich herkomme, darf man als Frau nicht zimperlich sein." Sollte sie mit ihrem linken Wahlkampf Erfolg haben, daran lässt Ypsilanti keinen Zweifel, wird das aus ihrer Sicht durchaus Folgen für die Bundes-SPD haben. Die Regelsätze bei Hartz IV seien nur einer von etlichen Punkten, an denen Schröders Agenda weiter "nachjustiert" werden müsse.

Längst lächelt in der SPD niemand mehr über die Frau mit dem exotischen Namen, den sie einer (längst wieder geschiedenen) Ehe mit einem Griechen verdankt. Er sei überrascht, wie erfolgreich Ypsilanti sich bisher geschlagen habe, räumt Parteichef Kurt Beck ein, in den kommenden Wochen will sich die Bundesspitze mit geballter Kraft in den hessischen Wahlkampf werfen, die Partei schwankt zwischen Freude und Unglauben über den unerhofften Erfolg. "Yps-Faktor" heißt das Phänomen Ypsilanti in der SPD, er steht für das schwer Berechenbare der Kandidatin und ihres Wahlkampfs. Das Geheimnis ihres bisherigen Erfolges? "Sie ist sympathisch, und sie hat keine Fehler gemacht", heißt es in der Parteiführung.

Ob es am 27. Januar tatsächlich zu einer Regierung reicht, ist schwer absehbar. Überraschungserfolg und Scheitern, siehe Ségolène Royal, liegen eng beieinander. Kaum jemand vermag einzuschätzen, ob Roland Kochs neuestes Knallbonbon beim Wähler zündet. Für Rot-Grün, die von Andrea Ypsilanti angestrebte Regierungskonstellation, gab es bislang noch in keiner der Umfragen eine stabile Mehrheit. Eine Koalition mit der Linkspartei hat Ypsilanti ebenso ausgeschlossen wie eine Große Koalition. Bliebe nur die Ampel, aber die FDP gilt in Hessen als unionstreu, Fraktionschef Jörg-Uwe Hahn ist ein persönlicher Freund von Roland Koch. Doch selbst wenn es nicht gelingt, Roland Koch aus der Regierung zu vertreiben, eins hat Ypsilanti mit ihrem Links-Wahlkampf erreicht: Die Linkspartei spielt in Hessen dank der Polarisierung zwischen den Volksparteien keine sehr große Rolle, gut möglich, dass sie es nicht in den Landtag schafft. Für die SPD wäre das langfristig womöglich sogar der größte Erfolg.

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