Sie ist eine der großen Heldenrollen des Welttheaters, die deutsche Prinzenrolle schlechthin. Joseph Kainz und Oskar Werner, Gérard Philipe, Thomas Holtzmann und Bruno Ganz haben als Prinz von Homburg Triumphe gefeiert. Heinrich von Kleists Drama, 1809 bis 1811 entstanden, aber erst 1821, zehn Jahre nach dem Tod des Dichters, in Wien uraufgeführt, gehört zum Kanon der deutschsprachigen Literatur. Die Geschichte vom jungen General, der gegen den Befehl seines Herrn, des Großen Kurfürsten, mit einer kühnen Attacke in der Schlacht von Fehrbellin 1675 den Sieg der Brandenburger über die Schweden erringt und trotz dieser Heldentat wegen Insubordination zum Tode verurteilt wird, fasziniert bis heute. Dabei geriet sie in den Aufführungen des 19. Jahrhunderts meist zum vaterländischen Rührstück über Befehl und Gehorsam, zur wilhelminischen Militärklamotte. Erst die Moderne entriss das grandiose Traumspiel diesem Muff und zeigte dessen existenzielle Kraft. Unvergessen bleibt Peter Steins Berliner Bearbeitung Kleists Traum vom Prinzen Homburg 1972 mit Bruno Ganz in der Hauptrolle, eine Aufführung, die Theatergeschichte machte.

Hinter der literarischen Gestalt hat sich das historische Vorbild längst verloren. Doch Landgraf Friedrich II. von Homburg, der Held von Fehrbellin, ist eine nicht minder eindrucksvolle Gestalt als Kleists junger Bühnenfürst, wenn auch, versteht sich, auf etwas andere Weise: weniger preußisch-romantisch denn hessisch-barock. Geboren mitten im Dreißigjährigen Krieg, am 30. März 1633, und gestorben vor genau 300 Jahren, am 24. Januar 1708, gehört er zu jenen deutschen Duodezfürsten, die das Bild des Alten Reichs geprägt haben.

Friedrich I., sein Vater, war seit 1622 dank eines Familienvertrages der erste Landgraf von Hessen-Homburg, einem Kleinstterritorium am Taunus. Es umfasste etwa 60 Quadratkilometer, auf denen rund 2500 Einwohner lebten, gut 1000 in dem Städtchen, der Rest in vier Dörfern. Das Familienleben – der kleine Friedrich war das letzte von sechs Kindern – spielte sich meist im dreistöckigen Wohnhaus der baufälligen mittelalterlichen Burg ab. Einige Räume waren mit Hilfe gusseiserner Öfen zu heizen, fürstliche Gemächer waren das allesamt nicht. Der Hofstaat entsprach seinem Umfang nach dem Haushalt eines Frankfurter Kaufmanns – in letzterem dürfte allerdings mehr Bares vorhanden gewesen sein.

Im Oktober 1634 erreichte der Krieg das Land. Die Familie flüchtete nach Gießen und fand im Haus eines Philosophieprofessors Unterkunft. Der Landgraf schaltete sich ganz unfürstlich in den örtlichen Weinhandel ein und versuchte so, die Familienkasse aufzubessern. Als die Pest binnen weniger Monate rund ein Drittel der Bevölkerung Gießens hinwegraffte, kehrte man nach Homburg zurück. Die wenigen Jahre, die dem Landgrafen bis zu seinem Tod 1638 noch blieben, verbrachte er mit Bittschriften an Fürsten und Generäle, um drohende Einquartierungen und Kontributionsforderungen, wenn nicht zu verhindern, so zumindest abzumildern – mit wenig Erfolg.

Seine Witwe Margarete Elisabeth trat ein schweres Erbe an: Das Homburger Zwergterritorium war kaum überlebensfähig. Doch sie erwies sich als resolute Regentin – derart, dass die beiden ältesten Söhne, als sie später regierten, das Ländchen mieden. Stattdessen lebten sie meist in Frankfurt oder Bingenheim und arbeiteten, zweifelhaften Vergnügungen und kostspieligen Kolonialprojekten hingegeben, an ihrem finanziellen Ruin.

Trotz permanenter Ebbe in der Schatulle ermöglichte Margarete Elisabeth ihren Söhnen eine standesgemäße Ausbildung, vor allem die obligatorische Kavalierstour. So sah Friedrich Genf, Italien und Frankreich. Wieder zu Hause, drängte die Frage nach dem weiteren Aus- und Fortkommen. Die große Chance bot sich 1654. In Schweden war Königin Christine, Gustav Adolfs Tochter, zum katholischen Glauben konvertiert und hatte ihrem Cousin Karl X. Gustav von Pfalz-Zweibrücken die Krone überlassen. Binnen Jahresfrist entbrannte ein Krieg mit dem polnischen König. Er kam ebenfalls aus dem schwedischen Hause Wasa und machte Thronansprüche geltend.

Nach anfänglichem Zögern gab die Landgrafenwitwe dem Drängen Friedrichs nach; in der zweiten Jahreshälfte 1654 reiste er nach Stockholm. Er hatte Fortune: Mit 21 Jahren und ohne jede Kriegserfahrung erhielt er eine Bestallung als Oberst. Gleich kehrte er zurück in die Heimat, um dort Soldaten zu rekrutieren. Statt eines ganzen Regiments brachte er freilich nur zwei Kompanien zusammen. Seine Werbungen erregten Aufsehen. Der Große Kurfürst, zwischen Schweden und Polen lavierend und stets den Aufstieg Brandenburgs im Auge, protestierte deshalb sogar beim Kaiser in Wien. Davon unbeeindruckt, machte sich Friedrich im August 1655 mit seinen rund 140 Mann auf den Weg in Richtung Osten. Anfang Dezember erhielt die Einheit in einem Gefecht bei Mewe (Gniev), etwa sechzig Kilometer südlich von Danzig, die Feuertaufe. Mit persönlichem Mut und Anfängerglück gelang es Friedrich, eine polnische Kavallerieeinheit aufzureiben. Schwedens König war beeindruckt und beauftragte den jungen Kriegsunternehmer, zehn weitere Kompanien aufzustellen.