Man kann es nicht mehr hören und nicht mehr sehen, aber es geht immer weiter. Seit drei Wochen schon dominiert Roland Koch die politische Diskussion in Deutschland, und man gewinnt den Eindruck: Je abwegiger die Vorschläge zur Bekämpfung der Jugendkriminalität werden, desto besser kommen sie zur Geltung. Kritiker aus dem liberalen und linken Spektrum – Politiker, Verbandssprecher und Kommentatoren – lasten das der Skrupellosigkeit von Roland Koch an. Der um seine Regierungsmehrheit fürchtende CDU-Politiker weide das Thema nach dem Motto aus: Je unverschämter der Appell an den inneren Schweinehund des Wählers, desto sicherer meine Wiederwahl als Ministerpräsident von Hessen.

Was ihnen gar nicht in den Sinn kommt, ist die Frage, ob nicht gerade erst die vielen falschen Reaktionen auf Roland Koch seine andauernde Präsenz ermöglichen. Denn Koch ist es nicht nur gelungen, ein Thema zu besetzen, das die Menschen zu Recht bewegt und empört. Er lässt seine politischen Gegner in alle nur erdenklichen Fallen tappen. Gemeinerweise stehen sie dort, wo sich Liberale und Linke traditionell schwertun, Restriktionen und Sanktionen zu fordern – auf dem weiten Feld der Inneren Sicherheit und der Integration von Migranten. Im Falle der Schläge und Tritte auf einen Rentner in einer Münchner U-Bahn-Station ist das Kalkül Roland Kochs aber so beispielhaft aufgegangen, dass man unterstellen muss: Sollte er mit seiner Masche bei den Landtagswahlen am 27. Januar tatsächlich Erfolg haben, dann haben ihn seine politischen Widersacher nach Kräften unterstützt.

Klüger wäre es gewesen, die Macht der Bilder und der Tatsachen erst einmal zu akzeptieren. Die Aufnahmen eines überfallenen, wehrlosen Alten drei Tage vor Weihnachten, ausgestrahlt als Spitzenmeldung in allen Nachrichtensendungen, sind in ihrer Wirkung durch kein Argument zu relativieren. Zu groß das spontane Mitleid mit dem Geschlagenen, zu groß die Angst, selbst einer solchen Brutalität ausgesetzt zu sein. Auch ist nicht zu bestreiten, dass solche Art von Gewalt besonders häufig von Migrantenkindern ausgeht. Selbst wenn Politiker und Publizisten aus Rücksicht auf den gesellschaftlichen Frieden oder aus der üblichen Furcht, den Rechtsradikalen in die Hände zu spielen, diesen Umstand verschwiegen hätten, die Täter selbst haben die ethnische Fährte gelegt, als sie ihrem Opfer das unselige Wort zuriefen: "Du Scheißdeutscher!"

Man hätte also dem zum populistischen Schlag ausholenden Roland Koch anders, aber genauso entschieden entgegentreten müssen. Über alle politischen Lager hinweg hätte man sagen können: Ja, wir haben ein untragbares Gewaltproblem, und wir haben auch Probleme mit einer Gruppe von Migranten, die nicht konsequent genug verfolgt werden. Lasst uns also gemeinsam möglichst wirksame Maßnahmen auf den Weg bringen! Aber in der Rolle des einsamen Rächers von verängstigten U-Bahn-Fahrern bist du, Roland Koch, denkbar unglaubwürdig.

Wie man das machen kann, führte der Fernsehjournalist Frank Plasberg vor. Er konfrontierte Koch einfach mit den Ergebnissen einer gründlichen Recherche: Demnach dauerte es 2006 in keinem deutschen Bundesland länger als in Hessen, einen jugendlichen Delinquenten seiner Strafe zuzuführen, und zwar sowohl nach kleineren Vergehen als auch nach schweren Verbrechen. Da wurde Koch ungewohnt kleinlaut. Zudem rechneten hessische Jugendrichter und die Gewerkschaft der Polizei vor, wie unter der Herrschaft der CDU Hunderte von Stellen eingespart wurden, die zur Strafverfolgung dringend benötigt würden. Und das Hessische Landeskriminalamt legte eine Statistik vor, wonach die Gewaltkriminalität in Kochs Regierungszeit überdurchschnittlich stark gestiegen ist.