Was ist ein Alevit? Eine Frage, die ich bislang nie befriedigend beantwortet bekommen habe. In meiner eigenen Familie endeten die Diskussionen darüber immer im Streit. Eine Philosophie, eine kulturelle Ausprägung, eine Geisteshaltung, eine eigenständige Religion, eine Opposition – das sind nur einige der Antworten, die ich im Laufe meines Lebens zu hören bekam. Nachlesen konnte ich nicht, weil es kein »heiliges« Buch und keine zentrale Schrift gibt. Wir haben nur Lieder, die mit der Langhalslaute, der Saz, gespielt werden. Meine Religion, das Alevitentum, ist offenbar eine, die man seit Jahrhunderten nur hören kann! Von Generation zu Generation weitergetragen, weitergesungen, bei Kerzenlicht. Das berühmte Kerzenlicht. Sobald es gelöscht wird, fallen alevitische Frauen und Männer angeblich enthemmt übereinander her – ein unerschütterliches Vorurteil, das sich seit Jahrhunderten in Teilen der türkischen Gesellschaft manifestiert hat. Gelöschtes Kerzenlicht ist zum Synonym für eine entgleiste Sexualmoral geworden.

Man könnte über diese orientalische Fantasie schmunzeln, wenn es nur ein Vorurteil wäre und keine Verurteilung. Doch dieses Stigma hat eine Welle der Empörung ausgelöst, als die Themen Alevitentum und Inzest in einem langweiligen und harmlosen Krimi der ARD-Reihe Tatort vereint wurden. Was war die Geschichte? Ein alevitisches Mädchen wird von seinem Vater sexuell missbraucht und flüchtet sich in den vermeintlichen Schutz des sunnitischen Islams orthodoxer Ausprägung. Hätte es sich bei den Figuren um Katholiken gehandelt und wäre aus dem geschändeten Mädchen eine Nonne geworden, hätte man sich ebenso gefragt, was die religiöse Konnotation bedeuten soll. Jedenfalls versammelten sich 15000 Aleviten vor dem Kölner Dom und riefen verzweifelt nach »Richtigstellung«.

Also, wer bin ich? Ein liberaler, gar besserer Muslim? Ein weltoffener, sich der modernen Koranexegese nicht verschließender, säkularer Muslim? Häufig klingt es so, als könne man mit einem Aleviten über westliche Werte besser reden als mit einem Sunniten. Das ist aber mitnichten so. Der Alevit vertritt keinen besseren, sondern einen anderen Islam. Der Alevit ist genau genommen ein Bektasi, benannt nach Haci Bektas Veli, Gründer des Bektasi-Ordens, der im 13. Jahrhundert lebte. Ein Prediger mit mystischen Vorstellungen, wie es sie in dieser Zeit häufig gab. Mit seinen Predigten auf Türkisch erreichte er eine große Masse der einfachen anatolischen Bevölkerung. Das Revolutionäre in den Ansichten Haci Bektas Velis ist sein Humanismus. Im damaligen Kleinasien gab es bis dahin nur eine Form des Islams: Allah als Allmächtiger, Mohammed als sein Prophet, der Koran als einzig wahre Anleitung zum guten und rechtschaffenen Leben, schließlich der Gläubige als Untertan. Haci Bektas Velis’ Lehre sucht Gott im Menschen – »Was du auch suchst, suche es in dir«. Ziel ist die Einswerdung mit Gott, eine Provokation für den orthodoxen Islam, der die Gleichstellung zwischen Gott und Mensch als Blasphemie betrachtet. Der Alevismus emanzipierte sich von der bis dahin gültigen Vorstellung, dass Gott das Universum sei und der Mensch sein Sklave, der am Ende der Prüfung in den Himmel oder in die Hölle gelangt. Nicht mehr Gott sollte richten, sondern der Gläubige über sich selbst. Alevismus stellt dieselbe Frage wie die antike Philosophie: Was ist der Sinn des Menschseins? Am Ende des Weges steht als Belohnung nicht das Paradies, sondern Weisheit. Das Alevitentum beansprucht für sich aber keinesfalls, die letztgültige Antwort gefunden zu haben. Es plädiert dezidiert für die Anerkennung »aller vier Bücher«, der heiligen Schriften der vier Weltreligionen.

Dort, wo das Alevitentum zu Hause ist, im heutigen Süd- und Ostanatolien, war es seit seiner Gründung eine verfolgte und verleugnete Religionsgemeinschaft. Zeremonien wurden stets geheim gefeiert, und es ist ein Wunder, dass allein in der Türkei 20 Millionen Aleviten leben sollen. Das ist nur eine Schätzung, offiziell gibt es gar keine alevitische Glaubensgemeinschaft. Alevitische Bräuche werden als anatolische Traditionen umschrieben. Da es bis heute keinen alevitischen Lehrstuhl und keine Ausbildung für alevitische Geistliche gibt, ist es schwierig, von verlässlichen Quellen zu sprechen. Auch deshalb fällt es einem Aleviten schwer zu erklären, wer er und was seine Geschichte sei. Immerhin, seit diesem Jahr wird in vier deutschen Bundesländern alevitischer Religionsunterricht erteilt; in Berlin ist das schon seit 2002 in den Grundschulen üblich.

Das Selbstbewusstsein, das die Aleviten in den letzten Jahren vor allem in Deutschland entwickelt haben, hat viel mit der aktuellen politischen Weltlage zu tun. Mit jenem Islam, der im Westen mit einer orthodoxen Lebensart und mit fundamentalistischen Tendenzen gleichgesetzt wird, haben Aleviten wenig gemein. Es gibt kein Kopftuchgebot und keine Scharia, Schweinefleisch ist nicht verboten, Moscheen spielen keine Rolle. Dennoch sei ausdrücklich davor gewarnt, das Sunnitentum gegen das Alevitentum auszuspielen. Deutschland hat fast ein halbes Jahrhundert gebraucht, um festzustellen, dass mit den türkischen Gastarbeitern auch eine Weltreligion gekommen ist. Vielleicht braucht es noch einmal so lange, um zu begreifen, dass es den Islam und die Muslime nicht gibt. Und dass es vor allem kein geistig-religiöses Oberhaupt gibt, das verbindlich für alle Muslime sprechen kann.

Seit der vom Bundesinnenminister initiierten Deutschen Islamkonferenz (DIK) gibt es hinter den Kulissen einen Wettstreit unter den islamischen Verbänden, wer für die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime sprechen darf. Schätzungsweise eine halbe Million von ihnen sind Aleviten; in der Alevitischen Gemeinde Deutschland e. V. (AABF) sind über 20000 von ihnen organisiert. Da die Konferenz unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagt, bemüht sich jeder der fünf größten Verbände um medienwirksame Aussagen. Jeder Anlass ist da willkommen – ein legitimes Vorgehen, denn ein Interessenverband lebt allein für und durch Öffentlichkeit. Doch manchmal, so scheint es, müssen andere die in Deutschland lebenden Muslime darauf aufmerksam machen, dass gerade ein Anlass zum Lautwerden besteht. Schon einen Tag vor der Ausstrahlung des ARD-Krimis druckte die auflagenstärkste türkische Zeitung Hürriyet in ihrer Europa-Ausgabe ein Interview mit der Regisseurin Angelica Maccarone und der Hauptdarstellerin Maria Furtwängler. Darin macht der Journalist die Regisseurin darauf aufmerksam, dass sie mit der Darstellung des Inzestes unter Aleviten ein Vorurteil bediene. Maccarone antwortete, dass sie Tabus brechen wolle und die Schauspieler auf ihrer Seite habe. Nach dem Erscheinen des Interviews standen die Telefone in der Kölner Zentrale des AABF nicht still. Die Mitglieder waren empört und riefen ihre Vorstände dazu auf, zu reagieren.

Die öffentliche Reaktion der Aleviten ist paradox. Einerseits wenden sie sich scheinbar hilfesuchend an alle möglichen Instanzen – und bekommen dann zur Antwort, die Aleviten würden sich auch nicht anders benehmen als die orthodoxen Sunniten wie im Fall des Karikaturenstreits. Daraufhin kontern die Aleviten, sie seien stets in ihrer Geschichte für Kunst- und Meinungsfreiheit gewesen und dafür vielfach bestraft worden. Auch war ihre Kultur in der Türkei häufig Hort für linke Intellektuelle und Mahner in Sachen Menschenrechte. Was aber tun, wenn ein anderer nun sein Recht auf Kunstfreiheit beansprucht und dabei – versehentlich oder gar berechnend – eine Wunde des anderen berührt?

Alle fünf islamischen Verbände in Deutschland haben noch keinen souveränen Weg gefunden, von ihren Interessen zu reden, ohne sich dabei der Mittel zu bedienen, die sie bei anderen kritisieren. Aufklärung funktioniert nicht über gegenseitige Herabsetzung. Und auch wer lange zu Unrecht verfolgt wurde, steht nicht per se unter Naturschutz und ist immun gegen Kritik.

Gern hätte ich zu einem politisch bedeutenderen Anlass 15000 Aleviten vor dem Kölner Dom gesehen. So sieht es aus, als hätte man nur auf die erstbeste Gelegenheit gewartet, auf sich aufmerksam machen zu können. Die lautstarke Empörung über einen lapidaren Fernsehkrimi steht in merkwürdigem Widerspruch zu alevitischen Grundsätzen, von denen einer lautet, auf die Schwächen des anderen einen gütigen und geduldigen Blick zu werfen. Gab es in letzter Zeit nicht genügend Provokationen der Muslime in diesem Land? Der hessische Ministerpräsident versucht eine Wahl zu gewinnen, indem er erneut auf Kosten von Migranten polemisiert. Darüber hätten sich die Aleviten zu Recht empören können, auch mit dem Verweis auf Toleranz und Menschenliebe, das oberste unserer Gebote. Wissen wir nicht, dass Kriminalität auch damit zu tun hat, dass junge Migranten im deutschen Schulsystem aussortiert werden? Dass sie perspektivlos sind, weil sie bei der Ausbildungsplatzvergabe diskriminiert werden? Die alevitische Philosophie empfiehlt ausdrücklich den Weg über Bildung und Wissenschaft. Eine Kundgebung für mehr Bildungsgerechtigkeit hätte nicht nur der alevitischen Jugend, sondern der gesamten Gesellschaft nachhaltig genützt. Wenn man sich trotzdem entscheidet, einen kulturellen Konflikt auszutragen, dann aber bitte auch mit dem einzig wirksamen Werkzeug, was einem aufgeklärten Menschen zur Verfügung steht, dem klärenden Gespräch.

Doch so geht es häufig, wenn islamische Verbände in Deutschland Öffentlichkeitsarbeit betreiben: Aus kulturellen Debatten wird ein grundsätzliches Politikum gemacht. An die Stelle des freundschaftlichen Dialogs treten der Ruf nach dem Staat und der Verweis auf die Rechtsmittel – gepaart mit dem stolzen Zusatz, dass man das Prinzip Demokratie entgegen landläufiger Meinung begriffen habe. Dabei sind die Aleviten in Deutschland eine verwöhnte Glaubensgemeinschaft: Anders als die sunnitischen Verbände ist sie anerkannt als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Die AABF hat in ihrem schwierigen Kampf um Anerkennung als eigenständige Religion wichtige Erfolge erzielt; die deutschen Aleviten haben in Deutschland mehr Solidarität denn Kritik oder Misstrauen erfahren. Aber vielleicht handelt es sich bei dieser schwerverdaulichen Kollektivempörung um das, was Pir Sultan Abdal, einer der sieben großen alevitischen Dichter im 16. Jahrhundert, geschrieben hat: »Die Steine der anderen können mich nicht verletzen / Allein die geworfene Rose des Freundes verletzt mich.«

Die Schriftstellerin Mely Kiyak, geboren 1976, lebt in Berlin. Zuletzt veröffentlichte sie »Zehn für Deutschland – Gespräche mit türkeistämmigen Abgeordneten« (Edition Körber-Stiftung)